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Sein und Streit | Beitrag vom 22.03.2020

Philosophische FlaschenpostErich Fromm und die Postwachstumsgesellschaft

Von Thomas Kühn

Porträt von Erich Fromm (1900-1980), Psychoanalytiker und Philosoph. Ca. 1922. (Getty Images / Bettmann)
Es muss im Leben mehr als Streben geben: Erich Fromm (1900 - 1980). (Getty Images / Bettmann)

Dass wirtschaftliches Wachstum der sichere Weg zum Glück ist, wird spätestens seit der Klimakrise immer fraglicher. Erich Fromm bemerkte schon Mitte des letzten Jahrhunderts, dass eine Gesellschaft mehr brauche als nur ökonomische Ziele.

"Die westliche Welt ist in einer Sackgasse. Sie hat viele ihrer ökonomischen Ziele erreicht und den Sinn für ein Ziel des Lebens verloren. Ohne solch ein Ziel muss die westliche Gesellschaft, wie jede andere der Vergangenheit, ihre Vitalität und innere Kraft verlieren."

Das schreibt der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm 1955, mitten im bundesdeutschen Wirtschaftswunder, in einer Zeit also, als der Glaube an die allein seligmachende Kraft wirtschaftlichen Fortschritts noch weitgehend ungebrochen war. Fromm hingegen habe sich zeitlebens kritisch mit den "Möglichkeiten menschlicher Entwicklung" in einer solchen Gesellschaft beschäftigt, sagt der Sozialpsychologe Thomas Kühn vom Erich-Fromm-Study-Center in Berlin.

Schöpfertum statt bloßes Wirtschaften

Im Zentrum seines Denkens stehe dabei die menschliche Fähigkeit zu kreativer, produktiver Tätigkeit: Diese mache für Fromm den Menschen aus. "Aber nicht, wenn sie in einer entfremdeten Art und Weise erfolgt, dann spricht Fromm von sogenannter Scheinaktivität", so Psychologe Kühn.

Für ein wahres, schöpferisches Tätigsein in Fromms Sinne hingegen sei entscheidend, dass es einer Vision folge, die über rein ökonomischen Gewinn – bloßes "Haben" – hinausgehe, so Kühn. In der modernen westlichen Welt aber seien aus Fromms Perspektive die "Ausdrucksmöglichkeiten des eigenen schöpferischen Potentials sehr begrenzt".

Inspiration für die Postwachstumsgesellschaft

Erich Fromm wäre in diesen Tagen 120 Jahre alt geworden – seine Gesellschaftsdiagnosen aber sind für Kühn von ungebrochener Aktualität: "Obwohl er schon vor 40 Jahren verstorben ist, ist sein Denken nach wie vor von größter Bedeutung zum Verständnis unserer Gesellschaft."

Heute zeige sich, dass der überwältigende technische und ökonomische Fortschritt der letzten Jahrzehnte die Menschen "nicht unbedingt glücklicher" gemacht habe – vielmehr fühlten sich viele Menschen unsicher und ausgeliefert.

Unternehmensziele jenseits von Rendite

"Es gibt nach wie vor Armut, Hunger und eine große Ungleichheit in der Gesellschaft." Auch "bei den Menschen, die nicht um ihren Wohlstand fürchten müssen" häuften sich psychische Krankheiten. Und nicht zuletzt der Klimawandel zeige die Grenzen eines Gesellschaftsmodells, das allein auf Wirtschaftswachstum setzt.

Ein Nachwirken des Frommschen Denkens sieht Kühn auch in den derzeitigen Debatten um alternative Unternehmensziele: "Wenn es darum geht, welchen Sinn haben eigentlich Unternehmen für die Gesellschaft, jenseits von stetigem Gewinnwachstum – und ich denke, das wäre ohne Erich Fromm und sein Werk gar nicht möglich. Da ist er nach wie vor ein Quell von Inspiration und ein großer Vorreiter."

(ch)

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