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Sein und Streit | Beitrag vom 31.01.2021

Philosophin Simone WeilEine Denkerin der radikalen Hoffnung

Martina Bengert und Wolfram Eilenberger im Gespräch mit Simone Miller

Porträt von Simone Weil (1909-1943), historische Aufnahme ca. 1909. (imago images/White Images/Leemage)
Politische Philosophin mit Sinn für Spiritualität: Simone Weil (1909 - 1943) (imago images/White Images/Leemage)

Sie prophezeite den Sieg der Nationalsozialisten, erlebte die Gräuel des Spanischen Bürgerkriegs und schuftete in der Fabrik, um die Not der Arbeiter zu verstehen. Simone Weil ging für Ideale über Grenzen. Sie hätte uns gerade heute viel zu sagen.

Hitler ist noch nicht an der Macht, als Simone Weil 1932 durch Deutschland reist. Doch die junge französische Philosophin sieht bereits klar voraus, welche Entwicklung das Land unter dem Einfluss der Nationalsozialisten wohl bald nehmen wird. In der Zeit, als Weil zu den zentralen Themen ihres Denkens findet, habe in vielen Gesellschaften Europas eine enorme Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft bestanden, sagt der Berliner Philosoph und Schriftsteller Wolfram Eilenberger.

Als Individuum im Mahlstrom des Kollektivs

"Es ist die Zeit des Faschismus in Italien, des Stalinismus in der Sowjetunion, des aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland. Und für eine gewerkschaftsaktive, stark links geprägte, stark sozial engagierte Denkerin mit extrem hohen intellektuellen Fähigkeiten wie Simone Weil entsteht natürlich die Frage, was es heißt, als Individuum in diesem Mahlstrom der Kollektivität überhaupt noch seine Stimme, sein Leben, seine Autonomie finden zu können", so Eilenberger.

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Als Mitstreiterin einer Gewerkschaftsbewegung, die die totalitäre Entwicklung in der Sowjetunion bereits zu Beginn der 1930er-Jahre sehr kritisch gesehen habe, sei Simone Weil "eine der ersten, die hellsichtig erkennt, dass es strukturelle Ähnlichkeiten zwischen dem aufkommenden Nationalsozialismus und dem Stalinismus gibt", unterstreicht Eilenberger, "weil beide im Angesicht einer Wir-Rhetorik letztlich darauf abzielen, das Individuum in endgültiger Form zu unterdrücken".

Selbstversuch als Fabrikarbeiterin

Weil, 1909 geboren in Paris und aufgewachsen in einer großbürgerlichen jüdischen Familie, habe sich von frühester Jugend an durch "tiefe Empathie" und eine starke Identifikation mit dem Leiden anderer ausgezeichnet, sagt Martina Bengert, Juniorprofessorin für Literatur und Religion in den romanischen Kulturen unter besonderer Berücksichtigung von Geschlechterstudien. Nicht nur ihr philosophisches Denken, sondern auch ihre gesamte Lebensführung sei von einem sozialen Engagement durchdrungen gewesen, für das Simone Weil an ihre Grenzen ging.

Die französische Philosophin Simone Weil (1909-1943) in jungen Jahren. (imago images/White Images/Leemage)Die Sensibilität für das Leiden anderer schärfte Simone Weils Blick für unmenschliche Arbeits- und Gewaltverhältnisse. (imago images/White Images/Leemage)

1934 beschließt sie, gerade erst 25 Jahre alt, im Selbstversuch die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft kennenzulernen. Über ein Jahr lang schuftet sie als ungelernte Arbeiterin zunächst in der Elektroindustrie, dann in der Metallverarbeitung und schließlich in einer Autofabrik. Der Einsatz geht ihr an die Substanz. Weil berichtet von extremer körperlicher Entkräftung und fühlt sich auch geistig abgetötet: Von der Arbeit in der Fabrik würden die Menschen derart instrumentalisiert, notiert sie, dass sie selbst eigentlich nur noch in der Weise toter Gegenstände existierten.

Versöhnung von Hand- und Kopfarbeit

Aus dieser Erfahrung habe Simone Weil als politische Denkerin zwei wesentliche Konsequenzen gezogen, sagt Bengert. Einerseits habe sie die Vorstellung zurückgewiesen, dass die Qual entfremdeter Arbeit ein Ende hätte, wenn nur die Produktionsmittel endlich in den Besitz der Arbeiterklasse übergingen. Damit Arbeit aufhöre, ein Akt der Unterdrückung zu sein, müsse sie vielmehr selbst völlig neu gedacht und organisiert werden, forderte Weil.

In den Ideen, die die Philosophin dazu formuliert habe, steckten viele Anregungen, die gerade heute interessant sein könnten, sagt Bengert. So gehörte nach Weils Überzeugung die Trennung von Hand- und Kopfarbeit abgeschafft. Die zunehmende Spezialisierung, die selbst innerhalb einzelner Disziplinen die Verständigung zum Erliegen bringe, müsse wenigstens aufgefangen werden. "Übersetzungsarbeit" in Weils Sinne tue Not, meint Bengert, "und ein Weltbezug: Das Verstehen, wie die Dinge gemacht werden, sodass Denken und Handeln zusammenkommen."

Vordenkerin der Postwachstums-Gesellschaft

Darüber hinaus sei Weil durch ihre Erfahrungen in der Fabrik zu einer radikalen Marx-Kritik gelangt. Der Vordenker des Kommunismus, der Religion als "Opium des Volkes" schmähte, habe seinerseits eine "Religion der Produktivkräfte" gepredigt, so die Philosophin. Doch die damit verbundene Verheißung, der technologische Fortschritt werde unweigerlich zur Befreiung der Menschheit führen, das habe Weil als Irrglauben kritisiert.

Auf bemerkenswerte Weise habe Weil diese Ablehnung des Fortschrittsoptimismus mit einer Wachstumskritik verbunden, sagt Eilenberger. Bereits in den 1930er-Jahren mahnte sie: Die Steigerung der Produktivkräfte hänge von den Ressourcen unseres Planeten ab – und diese seien endlich. Mit diesem Hinweis auf die natürlichen Grenzen des Wachstums erweise sich Simone Weil ein weiteres Mal als "geradezu prophetisch", so Eilenberger. Aus heutiger Sicht könne sie als die erste große "Degrowth-Denkerin" des 20. Jahrhunderts gelten.

Analytikerin von Gewaltverhältnissen

1936 geht Simone Weil nach Spanien, um sich dem Kampf sozialistischer Truppen gegen die Putschisten unter General Franco anzuschließen. Sie kämpft nicht selbst an der Front, erlebt jedoch aus nächster Nähe, wie die Erfahrung von Gewalt und Tod die Menschen verändert. Weil beschreibt die Kraft der Gewalt in ihren Schriften als "Verdinglichung" und hebt hervor: Diese Wandlung könne nicht nur jene treffen, die Gewalt erleiden – im extremsten Fall sogar sterben und nurmehr wie ein lebloses Objekt erscheinen mögen –, sondern sie betreffe in gewisser Weise auch jene, die sie ausüben.

In diesem Sinne habe Gewalt "einen Doppelaspekt der Entmenschlichung", so Eilenberger. Weil habe die Beobachtung gemacht, "dass es einen dunklen Sog im menschlichen Wesen gibt, der diese Gewalt auf Seiten des Ausführenden in eine Form der Blindheit übergehen lässt, dass man den, dem man Gewalt antut, überhaupt nicht mehr als Menschen in seiner Verletzlichkeit wahrnimmt und sich damit auch selbst als Mensch vergisst und entfremdet". Trotz der unmittelbaren Erfahrung von Leid und Gewalt habe Simone Weil jedoch nicht ihren Glauben an die Menschlichkeit verloren, betont Eilenberger:

"Sie ist eine Denkerin der radikalen Hoffnung im Angesicht einer vollkommenen Zerstörung, die sie selbst miterlebt hat, und die in diesen dunkelsten Momenten immer das Gefühl hatte, dass gerade in dieser Dunkelheit das Rettende, das Licht, das Heilende wachsen kann."

Mystikerin der Selbstaufgabe

Weils Philosophie ist bei aller Klarsicht für die politischen und sozialen Konfliktlagen ihrer Zeit von einem zutiefst mystischen Zug geprägt. Im Zentrum steht dabei ihre Idee der "Décréation" – ins Deutsche meist mit "Entschaffung" übertragen. Weil war davon überzeugt, dass eine tiefe spirituelle Erfahrung, eine Begegnung mit dem Göttlichen nur möglich sei, wenn ein Mensch die eigene Identität, das eigene Selbst aufgebe.

Mit dieser Vorstellung habe Weil an Lehren der Mystik aus zahlreichen unterschiedlichen Weltreligionen und Kulturen angeknüpft, erklärt Bengert. Ihre Einflüsse reichten von Platon, Spinoza und dem christlichen Mystiker Meister Eckhart bis zu Buddhismus und Sufismus. Die "Décréation" sei "als anhaltender Prozess auf verschiedenen Ebenen" zu verstehen, neben körperlicher Askese gehöre für Weil dazu auch das exzessive Schreiben in ihren Notizheften, den "Cahiers" als ein "Zerschreiben des Ichs", das jedoch nicht als Zerstörung zu verstehen sei, so Bengert:

"'Decréation' ist nicht 'destruction', also keine komplette Zerstörung, sondern eher eine Aushöhlung, eine Reinigung des Ichs und insofern Demutsübung, um in einen Zustand maximaler Aufmerksamkeit zu gelangen."

Existenzialistin der Gnade

In der Philosophie nehme Weil damit eine Position ein, die im Widerspruch zu dem gleichzeitig aufkeimenden Existenzialismus stehe, betont Wolfram Eilenberger. Während dieser das in eigener Verantwortung geformte Ich ins Zentrum seines Menschenbildes stellt, vertrete Weil einen "Existenzialismus der Gnade", so Eilenberger: "Diese Gnade besteht darin, dass man sich in Präsenzübungen von der Idee löst, dass es überhaupt ein Ich gäbe, das es zu ergreifen gilt."

In dieser Sonderstellung zur Philosophie ihrer Zeit möge auch ein Grund dafür liegen, weshalb Simone Weil, ihren scharfsichtigen Analysen zum Trotz, lange Zeit kaum gelesen worden sei und erst in jüngster Zeit wieder auf verstärktes Interesse stoße. Am besten wiederzuentdecken sei sie in ihren "Cahiers", sagt Eilenberger, und Bengert pflichtet ihm bei:

"Ich würde empfehlen, am besten auf nüchternen Magen morgens eine Seite zu lesen." Wer Weils assoziativen Notizen von Tag zu Tag folge, könne in einem mitreißenden Denkprozess nachvollziehen, "wie man von einem Punkt zum anderen kommt, wo eigentlich keine Brücke besteht".

(fka)

Simone Weil: "Schwerkraft und Gnade"
Aus dem Französichen von Friedhelm Kemp
Hg. von Charlotte Bohn, mit einem Nachwort von Frank Witzel
Verlag Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2020
249 Seiten, 24 Euro

Simone Weil: "Krieg und Gewalt. Essays und Aufzeichnungen"
Aus dem Französischen von Johanna-Charlotte Horst, Thomas Laugstien und Anouk Luhn
Diaphanes Verlag, Zürich 2011
248 Seiten, 24,90 Euro

Simone Weil: "Cahiers"
4 Bände, Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz
Hanser Verlag, München 1991 - 1997
Je ca. 400 Seiten, 18 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

Kommentar zu Corona und sozialer Ungleichheit: Im Namen der bürgerlichen Normalität vergessen wir die Armen
Corona macht die Reichen reicher und die Armen ärmer, berichtete diese Woche die Hilfsorganisation Oxfam. Inwiefern das auch mit unserer Vorstellung von Normalität zu tun hat, kommentiert Catherine Newmark.

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