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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.03.2019

Philosophin Christine Abbt"Es wäre ein Fehler, das Vergessen zu vergessen"

Moderation: Ute Welty

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Eine Person steht mit dem Gesicht zur Wand vor einer Videoinstallation auf der viele ältere Menschen zu sehen sind. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Die Video-Installation des albanischen Künstlers Adrian Paci in der Ausstellung "Vergessen - Warum wir nicht alles erinnern" im Historischen Museum Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

"Vergessen - warum wir nicht alles erinnern" heißt eine Ausstellung im Historischen Museum in Frankfurt am Main. Die Philosophin Christine Abbt ist eine Expertin auf dem Gebiet: Sie erklärt, in welchem Verhältnis Vergessen und Erinnern stehen.

Die Kernkompetenz von Museen liegt im Erinnern. Erstaunlich also, dass sich das Historische Museum in Frankfurt am Main jetzt in der Sonderausstellung "Vergessen - warum wir nicht alles erinnern" gerade dem Vergessen widmet.

Zum Rahmenprogramm der Ausstellung zählt die Tagung "Dynamiken des Erinnerns und Vergessens", zu deren Teilnehmern auch Christine Abbt zählt. Die Schweizer Philosophin hat sich bereits in ihrer Habilitationsschrift "Ich vergesse - über Möglichkeiten und Grenzen des Vergessens aus philosophischer Perspektive" mit dem Thema befasst. Als Professorin an der Universität in Luzern leitet sie dort das Zentrum für Aufklärung, Kritisches Denken und Pluralität.

Vergessen und Erinnern kann man nicht trennen

Im Interview mit Deutschlandfunk Kultur grenzte sie krankhafte Formen des Vergessens wie Demenz grundsätzlich von alltäglichen Formen ab. Letztere sieht sie durchaus positiv: "Wir können nie alles in den Blick nehmen", betonte sie. Schon, um konzentriert ein Gespräch führen zu können, müsse man viel vergessen.

Vergessen und Erinnern sind laut Abbt nicht voneinander zu trennen. Es gehe um einen dynamischen Prozess. Wenn etwas Neues in den Blick rücke, rücke etwas Anderes wieder weiter weg. "Wir denken häufig in zu starren Kategorien in Bezug auf diese Prozesse", sagte sie.

Das Abwesende als Abwesendes vergegenwärtigen

Besonders spannend für Abbt: Der Mensch ist in der Lage, sich zu vergegenwärtigen, dass er vergisst. Dass wir "etwas Abwesendes als Abwesendes vergegenwärtigen können", sei faszinierend, betonte sie.

Es sei bemerkenswert und mutig, dass das Historische Museum Frankfurt nun eine Ausstellung mache, die das Vergessen in den "Raum der kollektiven Erinnerung holt", sagte Abbt: "Es wäre ein Fehler, wenn wir das Vergessen vergessen würden." Eine lebendige Erinnerungskultur und -praxis müsse die Reflexion über das Vergessen einbeziehen. (ahe)

"Vergessen - warum wir nicht alles erinnern"
Ausstellung im Historischen Museum in Frankfurt a.M.
noch bis 14. Juli

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