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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.10.2006

Philosophiegeschichte, gespiegelt in einer Beziehung

Antonia Grunenberg: "Hannah Arendt - Martin Heidegger. Geschichte einer Liebe." Piper Verlag, München 2006, 480 Seiten, 22,90 Euro

Die Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1954. (AP-Archiv)
Die Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1954. (AP-Archiv)

Eine Affäre von philosophie-historischem Schwergewicht: Da haben sich ein Philosoph und eine Philosophin ersten Ranges ineinander verliebt und ein Leben lang mit- und gegeneinander gedacht. Und geschrieben. Die wunderbaren Liebesbriefe von Heidegger und der Arendt in diesem Buch können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Texte der Autorin Antonia Grunenberg groschenromanverdächtig sind.

Es war eine lebenslange Geschichte

Hanna Arendt, 18-jährig, kommt nach Marburg, um bei Professor Heidegger Philosophie zu studieren. Heidegger, damals 35, gilt als Rebell unter den deutschen Geisteswissenschaftlern. Es heißt, dass man bei ihm das Denken lernen kann.

Der Professor bittet die Neue in sein Büro. Der Prolog zu einem respektablen Liebes-Drama, zwei Jahre blüht die Leidenschaft. Nur leider: Professor Heidegger (katholisch) ist verheiratet. Und das wird er auch bleiben.

Im Herbst 1926 packt Fräulein Arendt die Koffer - Flucht. Zuerst vor dem Geliebten an eine andere Uni (zu Karl Jaspers nach Heidelberg), dann 1933 vor den Nazis nach Amerika. 17 Jahre später haben die Liebenden sich wiedergesehen, da hat es zumindest Professor Heidegger noch einmal richtig erwischt (so wenigstens lesen sich seine Briefe). Arendt war inzwischen auch Professor. In New York. Und verheiratet. - Sie hat ihm schließlich verziehen. Auch die nationalsozialistische Entgleisung. Und sich den Rest ihres Lebens mit ihm unterhalten. Am liebsten über Aristoteles. In Briefen über den Atlantik.

Eine Love-story wie tausend andere auch?

Diesen "Rosenkranz" kennt man: Leidenschaft. Verrat. Wut. Flucht. Ernüchterung. Schweigen ... am Ende, wenn’s gut geht, eine schwierige Freundschaft.

Aber das hier ist eine Affäre von philosophie-historischem Schwergewicht: Da haben sich ein Philosoph und eine Philosophin ersten Ranges ineinander verliebt und ein Leben lang mit – und gegeneinander gedacht. Und geschrieben. Das heißt, die Geschichte dieser Liebe (von der ersten Begegnung 1924 bis zu Arendts Tod 1975) ist ein gutes Stück Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Mit von der Partie – als Freunde und Kollegen, Lehrer und Studenten der beiden Liebenden - sind viele andere große Namen: Karl Jaspers, Jean Paul Sartre, Herbert Marcuse … Und nicht zu vergessen: Im Verhältnis Arendt - Heidegger spiegelt sich auch ein Stück Politikgeschichte. Hannah Arendt war Jüdin. Und sie war eine glühende Demokratin. - Ihr Geliebter hat sich bekanntlich den Nazis angedient …

Das Klügste, was je über Heideggers "NS-Entgleisung" geschrieben worden ist, stammt aus der Feder von Hannah Arendt

Umso peinlicher, dass Heidegger in diesem Buch (Klappentext) einmal mehr als "Vordenker der NS-Bewegung" tituliert wird. Dieses Klischee ist wahrscheinlich nicht auszurotten, aber die Arendt hätte es nie unterschrieben. Heidegger war kein "Vordenker der Nazis", allenfalls ein Trittbrettfahrer.

Der Philosoph Martin Heidegger (AP)Der Philosoph Martin Heidegger (AP)"Heidegger ist der letzte Romantiker", schreibt die Arendt 1945: Der träumte von einem "idealen Deutschland" wie Platon vom idealen Staat. - Heidegger lebt im "Philosophenhimmel", der hatte keine Ahnung von realer Politik. Ein verspieltes Denker-Genie, selbstverliebt, politisch naiv und komplett verantwortungslos. So das Urteil der Arendt. Die musste es wissen.

Arendt und Heidegger. Die Geschichte selbst ist ein Roman, es gibt keinen besseren Stoff, um ein Buch zu schreiben. Das haben vor Antonia Grunenberg schon andere Autoren erkannt, dies ist nicht das erste Werk zu diesem Thema.

Aber (das ist neu und das Beste an diesem Buch) - die Autorin hat unzählige Dokumente versammelt, Briefe vor allem. Wunderbare Liebesbriefe von Heidegger und der Arendt . Außerdem Briefe über die beiden. Von Freunden und Bekannten. Und schließlich Briefe der Arendt über Heidegger : Voller Wut, voller Trauer, voller Geringschätzung - und voller Liebe. Da wird dem Leser viel Menschlich - Allzumenschliches offenbart, da darf er den Voyeur spielen. Das berührt einen. Bis zur Erschütterung.

All diese schönen Briefe sind eingestreut in die Geschichte einer Liebe, die die uns Autorin erzählt. - Das Fatale ist nur, wie sie das tut. Grunenbergs Texte sind groschenromanverdächtig. Da heißt es zum Beispiel über Heidegger: "Als ihn die Liebe ereilte, blitzte ein Gedicht von Schiller in ihm auf". Metaphern, schräg und schwülstig, wohin das Leserauge blickt. Da ist die Rede von einer Hannah Arendt, die " in die Politik geschleudert" wurde und "mitten in die englische Sprache hineinsprang " (Flick-Flack oder Schraube?) . Und von Heidegger dem "poetischen Geliebten", einem Mann in "voller Erwartungsrüstung gegenüber dem Kommenden" …

Das Ganze wäre ein Fest für den Rotstift eines beherzten Deutschlehrers. Erstaunlich, dass der Piper-Verlag so etwas druckt.

Rezensiert von Susanne Mack

Antonia Grunenberg: Hannah Arendt - Martin Heidegger. Geschichte einer Liebe.
Piper Verlag, München 2006, 480 Seiten, 22,90 Euro

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