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Sein und Streit | Beitrag vom 26.07.2020

Philosophie des guten LebensWarum wir für mehr Muße streiten sollten

Christian Möller im Gespräch mit Jochen Gimmel und Tobias Keiling

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In der Illustrationen sitzen Menschen zwischen Büchern und Pflanzen und gehen verschiedenen Tätigkeiten nach. (Getty Images/ iStockphoto)
Gärtnern, Lesen, Lernen: Was wir mit Muße tun, gibt dem Leben Sinn. (Getty Images/ iStockphoto)

Endlich mal nichts tun? Von wegen: Muße sei der Inbegriff von sinnerfüllter Tätigkeit, erklären die Philosophen Jochen Gimmel und Tobias Keiling. Und politische Widerstandskraft besitze die Muße auch.

Im Garten hantieren, mit Gießkanne, Schaufel oder Rosenschere, völlig vertieft in die Pflege von Blumen, Stauden oder Bäumen, deren Gedeihen einem am Herzen liegt – viele Menschen finden darin ein besonderes Glück. Gerade das Gärtnern führe etwas ganz Wesentliches vor Augen, das uns nur im Zustand der Muße gelinge, sagt der Philosoph Tobias Keiling von der Uni Bonn: "eine Form der Entfaltung", ein tätiges "Sich-Versenken", das glücklich stimme, weil wir uns einer Sache widmen, die ihren Sinn in sich selbst trage.

Ohne Muße keine Selbstverwirklichung

Die griechische Antike kannte für diese Art von Glückseligkeit den Begriff "Eudaimonia". Muße sei für die damalige Vorstellung von einem guten oder geglückten Leben ein zentraler Wert gewesen, erläutert Keiling.

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Aristoteles habe erklärt, "dass Muße die Möglichkeit dazu bietet, etwas um seiner selbst willen zu tun." Eine Definition, die heute noch überzeuge, so Keiling: Muße als Voraussetzung für Selbstverwirklichung. Dabei komme es nicht darauf an, dem Alltag kurze Momente des Glücks abzujagen. Vielmehr gehe es um Fragen einer gelungenen Lebensführung:

"Glückseligkeit ist ja etwas, das sich im Handeln, auch mit anderen Menschen, realisiert – und zwar auch über längere Zeiträume hinweg."

Muße ist mehr als Freizeit

Muße sei mehr als nur ein anderes Wort für "Freizeit", unterstreicht der Philosoph Jochen Gimmel von der Universität Freiburg, der zusammen mit Keiling die Aufsatzsammlung "Konzepte der Muße" herausgegeben hat. Mit unserer modernen Funktionslogik von Arbeit und Freizeit sei die Idee der Muße als Selbstzweck gar nicht vereinbar.

Denn Arbeit diene stets anderen Zwecken, und Freizeit werde entweder zur Erholung für den nächsten Arbeitstag in Dienst genommen oder als bloße Abwesenheit von Arbeit aufgefasst. Aber erst wenn Menschen der Zeit, über die sie frei verfügen können, einen eigenen Wert verleihen, könne von Muße im eigentlichen Sinne die Rede sein.

Zusammen genießen eine Gruppe von Freunden ein gemeinsames Essen auf einer grünen Wiese. (Getty Images/ The Good Brigade)Zusammen feiern, Gemeinschaft erleben: Muße habe auch eine soziale Dimension, betonen Jochen Gimmel und Tobias Keiling. (Getty Images/ The Good Brigade)

Dabei gehe es im Übrigen nicht um ein Glück, das jede und jeder Einzelne nur für sich allein finden könne, so Gimmel. Muße sei durchaus gesellig und gesellschaftlich relevant. Das zeige sich etwa an Traditionen des gemeinsamen Feierns, wie sie in Sonntags- oder Sabbat-Ordnungen Ausdruck finden. "Die Muße als Fest betrachtet" könne "zu einem gesellschaftlichen Ausgleich, zur Versöhnung beitragen", betont Gimmel.

Die Muße als Maßstab der Kritik

Muße wird demnach zu Unrecht mit einem Rückzug ins Private assoziiert. Genauer besehen, offenbart sie ein politisches, ja geradezu widerständiges Potenzial, sagt auch Tobias Keiling. In der Forderung, "Muße zu schaffen für die Bürger" habe bereits Aristoteles "das Ziel von Politik" gesehen. Insofern sei es nur folgerichtig, von einer gerechten Gesellschaft zu verlangen, dass alle gleichermaßen eine Chance hätten, Muße zu erleben. Ein utopisches Postulat, so Jochen Gimmel, das heute noch ebenso wenig verwirklicht sei wie in der Demokratie der griechischen Antike.

Zwar galt Muße damals laut Aristoteles als "Voraussetzung für freies politisches Handeln", so Gimmel, "aber dennoch sind natürlich weite Teile der Bevölkerung in diesem antiken Modell vom Privileg der Muße ausgeschlossen". In den modernen Industriegesellschaften ließen die hohen Leistungsanforderungen des Arbeitsalltags nur wenig Raum für Muße, sagt Gimmel, und wer davon wie stark betroffen sei, das sei immer noch sehr ungleich verteilt:

"Gerade darin liegt bis heute das wesentliche gesellschaftskritische Potenzial von Muße: Man kann Muße zum Maßstab einer Kritik an bestehenden Verhältnissen machen, indem man sie befragt, inwieweit sie allen ihren Mitgliedern so etwas wie Muße überhaupt ermöglichen – oder eben auch nicht."

Arbeitszeit und Wohlstand gerechter verteilen

Aus solchen Beobachtungen ließen sich konkrete politische Forderungen ableiten, um Zeit und Wohlstand in einer Gesellschaft gerechter zu verteilen, sagt Jochen Gimmel. Zum Beispiel wäre es geboten, "die Arbeitszeit insgesamt radikal zu verkürzen". Auch ein Modell wie das bedingungslose Grundeinkommen sei möglicherweise geeignet, zu mehr Chancengleichheit beizutragen: "Man müsste darüber nachdenken, wie das eingerichtet sein müsste, damit es tatsächlich eine Form von Sorgenfreiheit gewährleistet, die so etwas wie Muße aufkommen lässt."

Tobias Keiling zeigt sich zurückhaltender, was einzelne Weichenstellungen im Hinblick auf eine gerechtere Gesellschaft angeht. Die Aushandlung geeigneter Strategien sei keine Sache der Philosophie, sondern müsse politisch entschieden werden. Er plädiert jedoch dafür, Institutionen und Praktiken der Muße, die wir heute schon haben, zu stärken und besser zu verstehen.

Kein Rückzug aus der Welt

Dabei hebt er noch einmal die soziale und gemeinschaftliche Dimension der Muße hervor. Museen, Schulen und sogar Fußballvereine stellen in seinen Augen "Muße-Institutionen" dar, die wir als solche nur häufig nicht erkennen würden, "weil uns dieser Begriff so fremd vorkommt oder so antik oder intellektuell klingt".

Dabei sollte uns der Wert gemeinschaftlich gestalteter Zeit in Muße gerade angesichts der verschärften sozialen Distanznahme während der Coronapandemie besonders bewusst werden, so Keiling. Dass die Kontaktbeschränkungen der vergangenen Monate vielen Menschen zu mehr Muße verholfen haben könnten, hält er für einen Fehlschluss: "Es gibt so ein falsches Bild davon, dass Muße etwas mit Innerlichkeit zu tun hat, mit einem Rückzug aus der Welt und aus sozialen Kontexten."

Mindestens ebenso sehr wie "das sich Versenken, sich Einlassen auf eine Tätigkeit" gehöre zur Muße jedoch "geteiltes Leben", betont Keiling: "Es ist auch eine Kategorie des sozialen Handelns, des gemeinsam Seins."

(fka)

Jochen Gimmel, Tobias Keiling (Hg.): "Konzepte der Muße"
Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2016
104 Seiten, 19 Euro

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