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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.10.2018

Philosoph zu Blasphemie und BeleidigungBeleidigte Leberwürste anpieken erlaubt

Christoph Türcke im Gespräch mit Ute Welty

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Christoph Türcke spricht in einem Seminarraum vor Studierenden. (picture-alliance/ ZB / Peter Endig)
Christoph Türcke ist emeritierter Philosophie-Professor und lehrte zuletzt an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. (picture-alliance/ ZB / Peter Endig)

Gotteslästerung verboten! Aber warum eigentlich? Irland stimmt heute über die Abschaffung der Blasphemie-Gesetze ab. Weshalb Beleidigungsparagrafen ausreichen und wen man trotzdem beleidigen darf, erklärt der Philosoph und Theologe Christoph Türcke.

Erst hat Irland seine strengen Abtreibungsgesetze aufgehoben, jetzt steht das Verbot der Gotteslästerung wahrscheinlich vor der Abschaffung: Das erzkatholische Irland mache einen Mentalitätswandel durch, sagt der Philosoph und Theologe Christoph Türcke im Deutschlandfunk Kultur. Er erkennt eine "atmosphärische Änderung" in der irischen Gesellschaft, wenn sie darauf verzichte, Religionen einen speziellen Status zu verleihen: "Das folgt einer bestimmten Logik, dass man aus der Ecke des strengen, vormodernen Katholizismus herauswill", sagt er.

Auch dem Atheisten sind Dinge heilig

Grundsätzlich sei ein "vernünftiger Beleidigungsparagraf" ausreichend: "Auch der militanteste Atheist, der sagt, Religion, das ist alles dummes Zeug, hat irgendwelche Dinge in seinem sozialen oder persönlichen Leben, die er gewissermaßen für heilig hält, die er nicht angetastet wissen will, die er nicht durch den Kakao gezogen wissen will. Und davor Respekt zu haben, das ist eine ganz wichtige Sache. Diesen Respekt juristisch zu wahren, darauf kommt es an." 

Beleidigen kann aufklärerisch sein

Unter bestimmten Umständen sieht der Philosoph Beleidigen jedoch als gerechtfertigt an: "Beleidigte Leberwürste anpieken, die sich in Repräsentation und Reputation befinden und sich dabei mit religiösen Insignien umgeben et cetera, das ist ein kritisches Geschäft. Und das hat eine gewisse Legitimität, vor allen Dingen dann, wenn sie geschieht aus der Position einer politischen Schwäche heraus. Wer aus Schwäche eine starke beleidigte Leberwurst anpiekt, der betreibt eigentlich ein aufklärerisches Geschäft."

(bth) 

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