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Sein und Streit | Beitrag vom 30.12.2018

Philosoph Wilhelm Schmid über Neuanfänge"Mut kommt aus Sinn"

Wilhelm Schmid im Gespräch mit Christian Möller

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Zwei Menschen stürzen über einer Panorama-Landschaft in die Tiefe. (Muzammil Soorma/Unsplash)
Übung macht den Meister, sagt Wilhelm Schmid. Es muss ja nicht immer gleich ein Sprung aus der Höhe sein. Manchmal führen auch kleine Schritte zum Ziel. (Muzammil Soorma/Unsplash)

Mehr Sport, weniger Alkohol? Oder gleich einen neuen Job, eine neue Liebe? Was soll anders werden im neuen Jahr? Und was tun, damit die guten Vorsätze auch wahr werden? Der Philosoph Wilhelm Schmid rät zum Neuanfang in allerkleinsten Schritten.

Jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne. Wie oft hat man sich schon vorgenommen, gesünder und ausgeglichener zu leben oder lästige Aufgaben nicht immer wieder aufzuschieben? Das Gute liegt so nah, und doch scheint der Schritt vom Vorsatz zum Handeln oft unendlich groß zu sein. Das gilt umso mehr, wenn es um wirklich einschneidende Veränderungen geht, etwa um den Wunsch, an einem neuen Ort oder mit einem anderen Menschen noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Der Philosoph Wilhelm Schmid am 24.08.2016 in Berlin (picture alliance / dpa / Paul Zinken)Unser Gesprächsgast: der Philosoph Wilhelm Schmid. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Über die Frage, wie wir innere und äußere Widerstände überwinden, um von der Theorie zur Praxis zu gelangen, wurde schon in der Antike leidenschaftlich debattiert, sagt Wilhelm Schmid. Sein Fachgebiet ist die Philosophie der Lebenskunst. Mit Büchern über Gelassenheit und Glück erreichte Schmid ein großes Publikum. Das Rezept, das Platon und Co. gegen den inneren Schweinehund empfahlen, heißt "Asketik".

"Es klingt abschreckend, weil das Wort Askese mitklingt", sagt Schmid. "Aber Askese, griechisch askesis, heißt Übung. Nichts anderes macht ein Sportler, der sich vorbereitet auf einen Hundertmeterlauf: Er übt sich. Und genau so können wir auch unsere schönen Vorsätze fürs neue Jahr umsetzen, indem wir uns eine Übung ausdenken und das jeden Tag vollziehen, uns zur Gewohnheit machen."

Kunst der kleinen Schritte

Gewohnheiten haben ein schlechtes Image, beobachtet Schmid: "Moderne Menschen wollen das Leben ja ständig ganz neu haben." Dabei sei viel gewonnen, wenn Verhaltensänderungen, die man sich vorgenommen hat, einem nach entsprechender Übung in Fleisch und Blut übergegangen seien: "Dann kann ich auf die Willensanstrengung verzichten, dann ist es eine Automatik, die keine Kraft mehr erfordert." Um diesen Punkt zu erreichen, rät Schmid, dass man sich nicht zu viel auf einmal vornimmt:

"Die Schritte sollten so kleinstmöglich sein wir nur irgendwie denkbar – aber die dann konsequent gehen!"

Wenn es darum geht, jemanden in guten Vorsätzen zu bestärken, hört man ja oft den Satz: "Du musst nur wollen, dann geht das schon." Auf den Willen allein gibt Wilhelm Schmid aber nicht viel, schon weil er nicht jedem Menschen in gleichem Maße gegeben sei. Darin sieht der Philosoph auch ein gesellschaftliches Konfliktpotenzial.

Der Wille der Anderen

"Menschen, die nicht sonderlich willensstark sind, sind häufig dem Willen anderer ausgeliefert, die diese Menschen laufen machen und sie manchmal auch demütigen damit, dass sie sie etwas machen lassen, was sie eigentlich nicht wollen", führt Schmid aus. "Die ganze Debatte um #metoo hat möglicherweise auch diese Komponente, über die bisher noch nicht diskutiert worden ist: dass nicht alle Menschen jederzeit einen starken Willen und eine starke Willensäußerung und die Fähigkeit zur Durchsetzung ihres Willens haben."

Woher also schöpfe ich Mut für einen Neuanfang, wenn der Wille allein noch nicht zum Durchbruch reicht? Das sei gar nicht so schwer, meint Schmid. Der Mut zum Handeln wachse mit der Einsicht in den Sinn des jeweiligen Vorhabens.

Mut zu gehen – oder zu bleiben

"Wenn ich Sinn sehe in dem, was ich tue, dann kann ich sehr, sehr mutig sein", erklärt Schmid. "Wenn ich Sinn darin sehe, eine Beziehung fortzuführen, auch wenn sie gerade schwierig geworden ist, dann kann ich mutig werden, das auch wirklich zu tun. Oder wenn ich Sinn darin sehe diese Beziehung gerade nicht fortzuführen, sondern einen Neuanfang zu wagen – ja, wenn darin Sinn steckt für mich, dann kann ich dieses Unterfangen angehen, das ja nicht einfach ist und sich lange hinziehen wird. Mit Mut lässt sich das bewältigen. Mut kommt aus Sinn."

In Beziehungen stelle sich die Frage nach einem Schnitt oder dem Schritt in eine neue Liebe natürlich nie für einen Menschen allein. Der Wunsch nach Veränderung sei dann besonders sorgfältig abzuwägen gibt Schmid zu bedenken: "Eine Beziehung besteht auch aus übernommener Verantwortung und übernommenen Verpflichtungen."

Freude, etwas zu bewegen

Und wie verhält es sich mit dem Streben nach Erneuerung in der Gesellschaft? Kann der oder die Einzelne in politischen Fragen überhaupt etwas bewegen? Wieso sollten wir neu anfangen, wenn alle anderen weitermachen wie bisher? – Idealerweise weil es einfach Freude macht, etwas zu bewegen, sagt Schmid.

In den 1970er Jahren engagierte er sich in der frühen Umweltbewegung. Als "Spinner" und "Müslifresser" seien er und viele Gleichgesinnte damals belächelt worden. Und heute? "Heute essen sehr viele bürgerliche Menschen Müsli zum Frühstück, weil es einfach gesünder ist. Und in ökologischer Hinsicht hat sich in unserer Gesellschaft einiges getan."

Nach ökologischen Maßstäben sei das natürlich noch viel zu wenig, sagt Schmid. Aber er freue sich, dass die kleinen Schritte inzwischen auch im Großen eine Wirkung zeigen.

Literaturhinweis:

Wilhelm Schmid: Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wird.
Suhrkamp, Berlin 2018
126 Seiten, 10 Euro

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