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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 31.12.2019

Philosoph und Neurobiologe Gerhard RothSpurensucher unseres Handelns

Moderation: Annette Riedel

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Portrait des Hirnforschers und Neurobiologen Gerhard Roth. ( Roth-Institut)
Erst Philosoph, dann Hirnforscher und Neurobiologe: Gerhard Roth. ( Roth-Institut)

Ist unser Wille frei? Nur in Teilen, meint Gerhard Roth. Der langjährige Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen sagt: Das Handeln eines Menschen ist bedingt durch seine im Gehirn abgespeicherten Erfahrungen.

Wer sind wir, was prägt uns? Solche existenziellen Fragen beschäftigen Gerhard Roth schon als Jugendlichen. Deshalb belegt er in der Schule begeistert einen Philosophiekurs. Da er nicht wie sein Stiefvater und sein älterer Bruder Arzt werden möchte, studiert er Philosophie. Er macht seinen Doktor und unterrichtet sechs Jahre lang an der Hochschule. Aber seine grundsätzlichen Fragen "wurden überhaupt nicht" zu seiner Zufriedenheit beantwortet. Die Konsequenz: Er wendet sich von der Philosophie ab: "Ich habe einen radikalen Wechsel gemacht, und bin seit vielen Jahrzehnten Naturwissenschaftler – Neurowissenschaftler später."

Vom Philosophen zum überzeugten Naturwissenschaftler

1989 wird Roth Direktor des neu gegründeten Institutes für Hirnforschung in Bremen. Als promovierter Philosoph und Biologe leitet er ein interdisziplinäres Team aus Psychologen, Neurologen, Psychiatern und auch Philosophen, die mehr über die Funktionsweisen des Gehirns wissen wollen. Roth erinnert sich, die etwa 20 Forscher hätten fast fünf Jahre gebraucht, um eine gemeinsame Sprache zu finden. "Die Philosophen waren sozusagen das Granitgestein, das man bearbeiten musste", weil vielen von ihnen "das naturwissenschaftliche Denken" verschlossen sei.

Roth versteht sich als Brückenbauer zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Seiner Ansicht nach habe der Mensch das Gefühl, frei zu sein, wenn sein Wille von eigenen Motiven, Überlegungen, Vorstellungen bestimmt sei. Er betont aber, dieser Wille basiere auf Erfahrungen, die im Gehirn niedergelegt seien, "daran kann es eigentlich keinen Zweifel geben, aber es sind meine persönlichen Zustände, und deshalb kann ich dann sagen: Ich war das, ich hab das gewollt."

Forscher sehen im Gehirn keine Gefühle

Da Roth als Forscher im Übergangsgebiet von Neuro- und Psychowissenschaft arbeitet, interessiert ihn besonders, wann und warum Aktivitäten im Gehirn entstehen. Neuronen seien ein bisschen früher aktiv, "eh ich die Gefühle habe. Aber schon aus methodischen, philosophischen Gründen kann ich nicht sagen, da stecken die Gefühle, weil ich sie gar nicht im Gehirn sehen kann." Aber er ist sich sicher: "Es gibt eine strenge Korrelation, einen strengen Zusammenhang zwischen subjektiven Gefühlen und Hirnzuständen und das ist schon sehr viel." Immer reagierten Hirnzellen "auf eine Botschaft, die von außen kommt, und das Gehirn ist sozusagen das Vermittlungs- und Umsetzungsorgan". So wird beispielsweise bei Glücksgefühlen die Ausschüttung von Opioiden veranlasst.

Demenz kann nur aufgeschoben werden

Als Hirnforscher beschäftigt sich der 77-Jährige auch mit dem Thema Altersdemenz. Bedauernd stellt er fest, im Unterschied zu anderen Krankheiten könne die Medizin sie bisher nicht aufhalten. "Man kann eine Demenz nur aufschieben." Und zwar durch gesunde Ernährung, viel Bewegung "und durch schwere geistige Arbeit, das heißt, man muss geistig fit sein – nicht nur Kreuzworträtsel, sondern neue Sprachen lernen, zum Beispiel Chinesisch".

Roth hält sich durch viel Arbeit geistig fit: Nach seiner akademischen Karriere gründet er 2016 das "Roth-Institut" in Bremen. Die Firma berät Unternehmen beispielsweise bei der Personalauswahl. "Man kann einen sehr ruhigen Menschen nicht in zu einem aufgeschlossenen, kreativen Menschen machen." Er und sein Team begleiten Firmen bei geplanten Veränderungsprozessen: "Es ist nicht so schwierig die Meinung der Menschen zu ändern, aber es ist äußerst schwierig, das Verhalten zu ändern."  

"Viel Belohnung, wenig Tadel"

Er selbst sei sehr ungeduldig. Solche Eigenschaften zu verändern, ist schwierig und klappt nur in Maßen. Roths Erfolgsrezept: "Auf Tadel kann man nicht ganz verzichten, aber Tadel schränkt ein, Belohnung erweitert."

In den vergangenen vier Jahren hat sich Roth besonders intensiv mit zweien seiner drei Enkelkinder beschäftigt. Die beiden Mädchen sind fünf Jahre alt. Obwohl sie eineiige Zwillinge sind, zeigten sich schnell Unterschiede ihrer Persönlichkeit. "Das darf eigentlich gar nicht sein," meint Roth und arbeitet seitdem intensiv an der Frage,  welchen Einfluss die "epigenetische Ebene" auf unsere Entwicklung hat: "Das sind die Kontrollgene, die jetzt die knechtliche Arbeit der eigentlichen Gene bestimmen, und die sind etwa hundert Mal wichtiger, und die sind unterschiedlich bei den eineiigen Zwillingen – teils spontan, teils aber auch aufgrund vorgeburtlicher Einflüsse über das Gehirn der Mutter."

(cg)

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