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Sein und Streit | Beitrag vom 09.08.2020

Philosoph über den Umgang mit Dieter Nuhr"Satire ist eine Art Peer Review für unsere Moral"

Von Philipp Hübl

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Porträt von Dieter Nuhr mit verschränkten Arnmen vor einem Kunstwerk  (imago images / Oliver Langel)
Der Kabarettist und Fernsehmoderator Dieter Nuhr streitet sich mit der Deutsche Forschungsgemeinschaft, weil ein Beitrag von ihm ursprünglich gelöscht wurde. Er ist jetzt wieder zurück auf der Website. (imago images / Oliver Langel)

Dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft vor Kritik einknickte und einen Beitrag des Kabarettisten Dieter Nuhr von ihrer Website löschte, hält unser Kommentator für ein falsches Signal. Das sei ein Erfolg für die "Shitstorm-Taktik".

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat einen Beitrag des Kabarettisten Dieter Nuhr "Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben" nach einem Shitstorm von der Webseite genommen. Nuhr ist im links-intellektuellen Diskurs für viele ein Ärgernis, weil er sich über Klima-Aktivisten und den Kult um Greta Thunberg lustig macht. Später hat die DFG seinen Beitrag wieder online gestellt und sich halbherzig bei ihm entschuldigt.

Im Shitstorm die Nerven verloren

Vordergründig handelt es sich im Fall Nuhr um ein PR-Missgeschick. Der Kommunikationsabteilung fehlte offenbar eine zentrale Tugend fürs digitale Zeitalter: Resilienz gegen einen Shitstorm. Doch der Fall ist noch aus zwei anderen Gründen problematisch.

Erstens hat die DFG mit der Löschung das falsche Signal gesendet – damit bestätigt sie dem teils anonymen Twittermob, dass die Shitstorm-Taktik Erfolg hat. Und schreckt alle anderen ab, die in Zukunft die Gewissheiten der vermeintlichen Mehrheit in Frage stellen wollen. Das hat der Politologe Timur Kuran schon vor Jahrzehnten gezeigt: Anhänger einer Religion oder Ideologie schützen ihren moralischen Code, indem sie kleine Normabweichungen hart sanktionieren.

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Das erhöht den Konformitätsdruck, führt zu einem Wettrüsten in moralischer Reinheit, aber auch zur "Präferenzverfälschung": Die Leute geraten in die Schweigespirale, weil sie die Parolen der lauten Stimmführer als Mehrheitsmeinung ansehen. In einem freien Diskurs darf aber nur das Argument zählen, nicht der Gruppenzwang.

Das zweite Problem liegt in einem tiefen Missverständnis über die gesellschaftliche Rolle von Satire. Warum sind Nuhrs satirische Kommentare eigentlich solche Aufreger? Zweierlei macht ihn zur Reizfigur: sein spöttischer Unterton, den er mit Kolumnisten wie Jan Fleischhauer und Harald Martenstein gemein hat, und die Tatsache, dass er auch der links-progressiven Bubble den Zerrspiegel vorhält.

Satire sollte Gruppenzwang entlarven

Jetzt kann man fragen: Wo liegt die Grenze zwischen Kritik und Beleidigung? Kurz: Was darf Satire? Doch die Frage ist falsch gestellt, sie muss eigentlich lauten: Was muss Satire? Satire ist nicht dann schlecht, wenn sie uns aufregt, wie Nuhr mit seinen verbalen Spitzen oder seinen platten Witzen, sondern erst dann, wenn sie nicht provokant genug ist.

Philipp Hübl, Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart (9.5.2015). (Philipp Hübl)Satire soll nicht nur "die Mächtigen" entzaubern, sagt der Philosoph Philipp Hübl, sondern auch unsere eigenen Gewissheiten in Frage stellen. (Philipp Hübl)

Satire muss auch nicht nur die "Mächtigen" entzaubern, sondern ebenso unsere eigenen Ideologien und unseren Gruppenzwang entlarven. Die Rechten sehnen sich nach Anführern, die Linken nach Heiligen, wie Studien aus der Moralpsychologie zeigen. Beides kann gefährlich sein. Und wir alle neigen zu Selbsttäuschung und zu Stammesdenken. Wir sehen das Foul beim Gegner, aber nicht bei der eigenen Mannschaft. Uns fallen die Widersprüche der anderen auf, nicht aber die eigenen, etwa wenn wir uns über SUVs echauffieren, aber in das Flugzeug nach Thailand steigen.

"Peer Review" für unsere Moral

Der Identitätsschutz trübt sogar unsere Einschätzung der Fakten. So wie Rechtspopulisten weltweit den menschengemachten Klimawandel leugnen, weil das Teil ihrer moralischen Identität ist, wollen Progressive oft nicht wahrhaben, dass Mietpreisbindung die Wohnungsknappheit vergrößert oder dass Fremdenfeindlichkeit in Deutschland in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgegangen ist, wie die aktuelle Mitte-Studie und andere Untersuchungen zeigen.

Dass nun gerade die DFG nicht mit der Ambivalenz von Nuhr umgehen kann, gibt dem Fall eine ironische Note. Die Wissenschaft hält sich ständig selbst den Spiegel vor, unter anderem durch "Peer-Review", also die harte Kritik von Fachkolleginnen. Erst das macht die Forschung exzellent, denn Menschen können sich irren: über empirische Fakten genauso wie über moralische Tatsachen.

Daher brauchen wir auch eine gesellschaftliche Fehlerkontrolle. Satire ist eine Art "Peer Review" für unsere Moral. Und damit eine Form von Respekt, die allen Menschen Autonomie und kritisches Denken zutraut. Sie gibt uns die Chance, unser Weltbild zu überdenken. Wie die Wissenschaft.

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