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Sein und Streit | Beitrag vom 20.01.2019

Philosoph Sven Rücker über die Macht der Vielen„Ohne Massen keine Veränderung“

Sven Rücker im Gespräch mit Simone Miller

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Zwei Menschenmengen halten Plakate mit "Likes" und "Dislikes". (imago stock & people)
Klicken allein reicht nicht: Wer etwas verändern will, muss raus auf die Straße und dort gemeinsam Flagge zeigen. (imago stock & people)

Politische Aufmärsche, Klassenkämpfe, Fließbandarbeit – ist die Massengesellschaft nicht eine Welt von gestern? Keineswegs, meinen die Philosophen Gunter Gebauer und Sven Rücker. Sie setzen auf die Macht der neuen Massen.

Ein Mensch in der Masse – wer möchte das schon sein? "Masse", das klingt nach Durchschnitt, Mainstream, Langeweile, nach einem genormten Leben in längst vergangenen Zeiten: Vor hundert Jahren kämpften politische Massenbewegungen von links und rechts um die Vorherrschaft auf den Straßen. Fast ebenso weit weg erscheint heute die Ära der dunklen Einbauschränke, exakten Rasenkanten und mächtigen Volksparteien, die den Zeitgeist der BRD bestimmten, während im Osten des Landes jeder Gemeinschaftsgeist propagandistisch überhöht wurde.

Haben wir all das im Namen des Individualismus nicht längst hinter uns gelassen? "Ich glaube, dass Massen nie wirklich weg waren", sagt Sven Rücker im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur: "Sie haben nur die Bühnen gewechselt." Massenaufmärsche der Popkultur wie die "Love Parade" versteht Rücker als "selbstgenügsame hedonistische Massen", die sich seit den 1990er Jahren "um ihrer selbst willen" versammelten und einen "Nullpunkt der politischen Bewegungen" markierten.

Rückkehr der politischen Bewegungen

Seit der Wende zum 21. Jahrhundert beobachtet Rücker jedoch eine Rückkehr politischer Massen: Bewegungen wie "Occupy Wallstreet", der Arabische Frühling oder die sogenannten Gelbwesten, die aktuell in Frankreich gegen die Sozialpolitik der Regierung protestieren.

Rücker: "Das sind führerlose Massen, die keinen Sprecher haben, der für die gesamte Masse spricht, den man adressieren könnte auch von der Seite der etablierten politischen Parteien. Das ist ein Beispiel für die "Masse der Einzelnen", es ist aber auch ein Beispiel für eine Masse, die sich wieder relativ offensiv als Klasse manifestiert."

Die sogenannten Gelbwesten protestieren in Frankreich (imago / Omer Messinger)Neues Klassenbewusstsein: Gelbwesten protestieren in Frankreich. (imago / Omer Messinger)

Neue politisierte Massen dieser Art folgen aus Rückers Sicht anderen Regeln, als sie die klassischen  Massen-Theorien beschrieben haben. Psychologen wie Gustave Le Bon und Sigmund Freud verglichen das Massenerlebnis mit einer Hypnose. Ein derartiges Machtgefälle zwischen Führer und Verführten finde man in heutigen Massen nicht, meint Rücker. Auch die traditionelle Deutung, derzufolge die Masse alles Individuelle einebne und sogar zu zerstören drohe, müsse deutlich relativiert werden.

Rücker: "Wenn wir uns heutige Massen anschauen, dann ist das überhaupt nicht mehr der Fall. Die Einzelnen sind in Massen deutlich sichtbar, sie verschwinden nicht, sondern sie werden eigentlich gestärkt. Man kann sogar sagen, sie werden überhaupt erst sichtbar als Einzelne, wenn sie in Massen erscheinen."

Anziehungskraft der großen Zahl

In dem Buch "Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen" plädiert Sven Rücker gemeinsam mit dem Philosophen und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer deshalb dafür, die Masse nicht einseitig negativ zu deuten. Der klassischen Massentheorie müsse eine neue, zeitgemäße entgegengestellt werden. Was die durchaus ambivalente Attraktion von Massen ausmacht und ihre Sogwirkung erklärt, dazu habe Elias Canetti in seiner Studie "Masse und Macht" bereits 1960 einige treffende Beobachtungen gemacht.

Elias Canetti, der deutschsprachige Schriftsteller bulgarischer Herkunft. (picture-alliance / dpa / Votava)Angefasst vom Sog der Massen: der Schriftsteller Elias Canetti (picture-alliance / dpa / Votava)

Rücker: "Dort sagt er: Normalerweise wollen wir nicht berührt werden, wir wollen immer eine Distanz zwischen uns und den anderen haben, Canetti spricht von ‚Berührungsfurcht‘. In Massen schlägt diese Furcht aber in ein berührt werden Wollen um. Das ist ein Ausnahmezustand, den wir aber manchmal temporär erleben wollen, gerade weil er etwas Außer-Alltägliches ist. Dieses Umschlagen der Berührungsfurcht ist, glaube ich, ganz wichtig, wenn man verstehen will, warum Massen so eine Sogwirkung auslösen können."

Wer die Macht der Masse von innen erfährt, kann sie als ekstatisches Glücksgefühl erleben: als Überschreitung eigener Grenzen und Resonanz mit Gleichgesinnten – sei es auf einem Konzert, im Fußballstadion oder beim gemeinsamen Streit für eine gerechte Sache. Zugleich können Massen von außen sehr bedrohlich wirken – etwa wenn Populisten ihren Unmut auf die Straße tragen und dabei den Grundkonsens gesellschaftlicher Werte in Frage stellen.

Gibt die Rückkehr politischer Bewegungen auf die Straße also Anlass zur Hoffnung oder eher zur Sorge? Sven Rücker erkennt die Ambivalenz der neuen Massen, aber seine Antwort fällt eindeutig aus:

"Wenn man irgendeine Form von Hoffnung hat, dann muss man sowieso auf Massen setzen, denn verändert werden kann etwas nur durch Massen."

Gunter Gebauer, Sven Rücker: Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019
352 Seiten, 22 Euro

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