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Sein und Streit | Beitrag vom 06.10.2019

Philosoph Peter TrawnyLiebe und Freiheit – geht das zusammen?

Moderation: Christian Möller

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Eine Illustration zum Thema "Philosophie der Liebe", ein Vogelpaar sitzt auf Winterzweigen. (unsplash / andreasp)
"Wenn ich ein Vöglein wär..." oder lieber "Free as a bird"? Liebe ist heute mit widerstreitenden Ansprüchen konfrontiert, sagt Peter Trawny. (unsplash / andreasp)

Romantische Liebe heißt, sich einander ganz und gar hinzugeben. Der Zeitgeist aber verlangt von uns Autonomie und Selbstbestimmung. Stehen Liebe und Freiheit im Widerspruch?

'Freie Liebe' hieß eine der bekanntesten Forderungen der 68er: Ganz ungebunden, spontan sollte die Liebe sein, ohne die Zwänge und den Muff der bürgerlichen Gesellschaft. Heute hingegen habe die Freiheit die Liebe gewissermaßen übertrumpft, so der Philosoph Peter Trawny im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur.

Liebe im Spätkapitalismus

Der neoliberale Kapitalismus verlange von uns ein Maß an Autonomie und Selbstbezogenheit, das mit Liebe im romantischen Sinne kaum zu vereinbaren sei: "Der Neoliberalismus stellt das autonome Subjekt in den Mittelpunkt seiner ökonomischen Auffassungen."

In diesen Auffassungen komme der Andere nicht vor, so Trawny. Liebe hingegen bedeute gerade, "den Ansprüchen des Anderen nachzugeben, soweit, dass man vielleicht sogar bereit ist, sich dem anderen zu unterwerfen."

Für Liebe kann man sich nicht entscheiden

Die Entscheidung für die Liebe zu jemandem sei keine eigentlich freie, denn: "Ich entscheide mich für etwas, das schon existiert, nämlich die Liebe. Natürlich muss man Ja zueinander sagen – aber dieses Ja ist insofern kein absolut freies, als es schon Antwort auf eine Erfahrung ist."

Dieses Spannungsverhältnis steht im Zentrum von Trawnys jüngstem Buch, "Philosophie der Liebe", das neben Denkern wie Hannah Arendt und Baruch de Spinoza auch Beispiele aus der Popkultur von Björk bis Astrid Lindgren behandelt. Den Gegensatz zwischen Freiheit und Liebe erkennt der Philosoph bereits im Verhältnis zwischen Aufklärung und Romantik.

Die Aufklärung, etwa bei Kant, habe den Menschen als radikal frei, autark und vernünftig entworfen – eben ohne Bezug auf den Anderen – und "alle dunkleren, intimeren, nicht-aufklärbaren Lebensverhältnisse" verdrängt.

Romantische Liebe statt aufgeklärte Freiheit?

Darauf habe die Romantik mit einer entgegengesetzten Bewegung reagiert, indem sie gerade diese verdrängten Aspekte des Menschens, zu denen man auch die Liebe zählen könne, hervorhob: Die Liebe als dunkle treibende Kraft, die sich unseren Verstandeskräften und unserem freien Willen entzieht. Liebe und Freiheit, jeweils in einem solchen radikalen Sinne, seien unvereinbar, so Trawny.

Seitdem hätten sich die Liebesformen selbstverständlich enorm vervielfältigt, mit offenen Beziehungen oder solchen mit mehreren Partnern und Dating-Apps, die es ermöglichen "sehr individuell seine erotischen Bedürfnisse zu befriedigen".

Überhaupt stellt Trawny, der in Wuppertal Philosophie lehrt, den "Bedeutungsüberschuss" der Liebe fest: "Die Liebe ist immer mehr als man meint." Vor diesem Hintergrund verwehrt sich Trawny ausdrücklich dagegen, "irgendeine Liebesform als Maß für alle anderen Liebesformen anzusetzen".

Wir sind immer noch Romantiker

Trotzdem hält er das romantische Liebesideal, mit seiner Sehnsucht nach der oder dem 'Einen', für immer noch wirksam: In uns gäbe es nach wie vor eine "Stimme, die mir das nahelegt".

Vor diesem Hintergrund stelle sich die Frage, ob die Menschen in den radikal ungebundenen Beziehungsformen der Gegenwart wirklich "glücklich werden", oder ob nicht doch etwas fehle, nämlich der Halt und die Hingabe, die das romantische Ideal verspreche. "Und ich würde sagen, es gibt Hinweise darauf, zum Beispiel die Frequenz der Nutzung von Psychotherapien, dass tatsächlich etwas fehlt."

Widerstreitende Ansprüche

Wir müssen uns also zu widerstreitenden Ansprüchen verhalten: Autonom, frei, unabhängig sein, wie es Aufklärung und Kapitalismus verlangen – und zugleich eine Sehnsucht nach echter Bindung befriedigen, wie es das verinnerlichte romantische Liebesideal erfordert. Wo wäre der Ausweg aus diesem Dilemma?

Trawny erkennt in den individuellen Bemühungen um Klimaschutz einen Beweis dafür, "dass es doch eine Möglichkeit gibt, nicht in allen Bereichen einfach nur mitzuspielen" und es also auch bezüglich der eigenen Liebe Möglichkeiten gebe, "sich kritischer zu solchen Phänomenen wie Tinder zu verhalten".

Peter Trawny: "Philosophie der Liebe"
S. Fischer, Frankfurt a.M.
272 Seiten, 22 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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