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Sein und Streit | Beitrag vom 27.08.2017

Philosoph Peter Sloterdijk im GesprächSehnsucht nach dem göttlichen Auge

Moderation: Svenja Flaßpöhler

Der Philosoph Peter Sloterdijk sitzt am 21.05.2016 in Köln (Nordrhein-Westfalen) bei der Vorstellung seines Romans "Das Schelling-Projekt" im Rahmen des Philosophie-Festivals phil.cologne auf dem Podium. (dpa / Henning Kaiser)
Der Philosoph Peter Sloterdijk (dpa / Henning Kaiser)

"Nach Gott" lautet der Titel der neuen Aufsatzsammlung von Peter Sloterdijk, in der der Philosoph Schriften zur Religion bündelt. Wir sprechen mit ihm über Glaube, Gott und dessen Anwesenheit auch in seiner Abwesenheit - insbesondere im Zeitalter sozialer Medien.

Er selbst sei unbedingt ein gläubiger Mensch, sagt Sloterdijk, angesprochen auf sein neues Buch "Nach Gott". Glauben und Leben seien synonyme Funktionen. Wer nicht glaube, könne beispielsweise keinen Satz zuende führen. Sprachlosigkeit sei das deutlichste Kennzeichen der Depression. Insofern konvergieren Depression und Ungläubigkeit.

Gott als psychosemantisches Immunsystem

Der Titel "Nach Gott" sei bewusst zweideutig gewählt. Das "Nach" kann gelesen werden im temporalen Sinn, Gott ist so gesehen eine in der Vergangenheit liegende Sache. In einer anderen Auslegung aber bedeutet das "Nach" "gemäß" oder "in Folge von". Mit dieser Doppelung weise er, so Sloterdijk, darauf hin, dass wir uns an einer "Gabelung" befinden. Zwar gebe es erwiesenermaßen viele Atheisten. Doch Unzählige lebten immer noch "unter dem religiösen Schirm". Gott sei nach wie vor ein "Schlüsselterminus für ein psychosemantisches Immunsystem", ein "Bezusgpunkt für innere und äußere Handlungen in einer entsicherten Welt".

Peter Sloterdijk und sein Buch "Nach Gott" (Montage: Suhrkamp / imago/ Stephan Wallocha)Peter Sloterdijk und sein Buch "Nach Gott" (Montage: Suhrkamp / imago/ Stephan Wallocha)

Den berühmten Satz "Gott ist tot" liest Sloterdijk anders und neu. In der Abwesenheit sei Gott immer noch präsent. Tote verschwänden ja nicht vollständig, sondern hätten ihren Platz im Imaginären. Gott, so Sloterdijk, lauere hinter dem Hügel, von dort aus könnten die Lebenden ihn spüren. Überhaupt sei das Göttliche eine wichtige "Systemstelle in der Psyche". Das göttliche Auge, das unausgesetzt beobachtet, wohnt im modernen Menschen in Form gewissenhafter Selbstbeobachtung.

Darüber hinaus könne Gott strenggenommen auch gar nicht tot sein. Organismen können sterben, aber nicht Gott, denn er ist kein Lebewesen. Totsein sei also eher eine Metapher für den Bedeutungsverlust Gottes, sagt Sloterdijk. Dieser Bedeutungsverlust offenbare sich in der Moderne im Phänomen der "Enthemmung" darin, dass die Einkörperung des göttlichen Auges offenbar nicht flächendeckend funktioniert habe. So könne sich der Mensch "als unbeobachteter Täter" bewegen.

Die Franzosen? "Analphabeten in Religionsfragen"

Dennoch seien wir weit davon entfernt, das Konzept Gott ganz und gar hinter uns zu lassen: "Ersatzformen setzen sich durch." An die Stelle der Caritas, der religiösen Barmherzigkeit, sei der Sozialstaat getreten. "Was christliche Nächstenliebe konnte, das kann der zeitgenössische Sozialstaat in mancher Hinsicht noch viel besser."

Dass Gott die Menschen durch Schuld an sich binde, sieht Sloterdijk positiv. Sich durch nichts gebunden zu fühlen, sich für nichts zuständig zu fühlen könne man als "schlechte Unschuld" beschreiben. "Schuld erzeugt Kontinuität."

Der Philosoph Peter Sloterdijk im Gespräch (imago/Stephan Wallocha)Der Philosoph Peter Sloterdijk im Gespräch (imago/Stephan Wallocha)

Eine Sehnsucht nach göttlicher Beobachtung verspüren die Menschen noch heute, so der Philosoph. Ein deutliches Symptom seien die sozialen Medien und die sich darin offenbarende Mitteilungsmanie. An die Stelle der vertikalen Beobachtung durch Gott sei die horizontale Beobachtung durch andere getreten, deren Blick man sich selbst ausliefere. "Die ganze moderne Gesellschaft, vor allem durch die modernen Telekommunikationstechnologien, ist ein riesiger Seitenbeobachtungszusammenhang geworden." Tastsächlich sei der Mensch von einer "umgekehrten Panik" erfasst: Während der vormoderne Mensch noch die göttliche Beobachtung fürchtete, hat der moderne Mensch Angst davor, nicht gesehen zu werden. Er sei ständig auf der Suche "nach Kontaktaufnahme mit der Art von Beobachtung, vor der das eigene Dasein aufblüht."

Dem französischen Laizismus, der strikten Trennung von Kirche und Staat, erteilt Sloterdijk eine klare Absage. "Man kann in diesen Angelegenheiten von den Franzosen nichts lernen, weil ihre Form des Laizismus zu einem Analphabetismus in Religionsfragen geführt hat." Die Verhältnisse in Deutschland seien klar produktiver.

Das Aufblühen des eigenen Daseins

Dass in Bayern die Vollverschleierung verboten worden ist, begrüßt Sloterdijk. Zwar sei er eigentlich "kein Freund von Verbotsgesetzgebung", weil der Bekleidungscode zu den Menschen- und Freiheitsrechten zähle. Eine Ausnahme sei jedoch die "interkulturelle Provokation". "Man kann Vollverschleierung als eine Form der Parodie bzeziehungsweise als zivilisatorische Kriegserklärung an die Gastkultur interpretieren. Insoweit kann man auch die Verbotspolitik nachvollziehen."

Gefragt, ob er sich selbst, nicht zuletzt mit Blick auf seine Einlassungen in der Flüchtlingskrise, als Rechter verstehe, antwortet Peter Sloterdijk gleich zu Beginn: "Ich komme aus der Linken, ich bleibe in der Linken." Er sei selbst bezeichne sich als linkskonservativ. Und: "Im übrigen habe ich die Erfahrung gemacht, dass alle Kritiken, die an mir geäußert wurden, darin geendet sind, dass die Kritiker meine Meinung übernommen haben."

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