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Sein und Streit | Beitrag vom 17.05.2020

Philosoph Bernd Ladwig über TierethikPolitische Rechte auch für Tiere

Bernd Ladwig im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Illustration einer Frau die mit Schafen in einem Bett schläft. (Imago / Ikon Images / Sophie Blackall)
Seite an Seite mit anderen Arten: Tiere sind längst Teil unserer Gesellschaft, sagt Bernd Ladwig. Deswegen stehen ihnen auch mehr Rechte zu. (Imago / Ikon Images / Sophie Blackall)

Tiere leiden und sterben millionenfach für unsere Zwecke. Moralisch sei das kaum zu rechtfertigen, meint der Philosoph Bernd Ladwig. Er fordert, die Interessen von Tieren zu achten – nach dem Vorbild von Menschenrechten.

Tag für Tag lassen Tiere ihr Leben, damit Menschen ihr Fleisch genießen können. Medizin, Biologie und Industrie setzen Versuchstiere ein, und die verschiedensten Dinge des Alltags, von Kleidung oder Klebestreifen bis zum Tapetenkleister, enthalten tierische Produkte. "Ohne die vielen offenen aber auch verdeckten Beiträge von Tieren" sei unsere heutige Lebensweise "nicht zu denken", sagt Bernd Ladwig, Professor für politische Theorie und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Dabei sieht er in der Lebensmittelindustrie besonders eklatante Missstände:

"Die gesamte heutige Fleisch-, Milch- und Eier-Produktion, wie sie in großem kommerziellen Maßstab betrieben wird, ist nur um den Preis der Missachtung tierischer Grundbedürfnisse und der vorzeitigen Tötung der Tiere zu haben. Sie würde sich einfach sonst nicht rentieren."

Misshandlung von Tieren hat System

Allein das wäre Grund genug, unseren Umgang mit Tieren radikal zu überdenken, so Ladwig. In seinem Buch "Politische Philosophie der Tierrechte" stellt er sehr grundsätzliche Überlegungen dazu an, welche Rechte wir Tieren zusprechen sollten, die wir halten und nutzen, und welche Pflichten Menschen daraus erwachsen. "Tierrechte sind schon deshalb ein Thema für die politische Philosophie", schreibt Ladwig, "weil das Unrecht, das wir Tieren heute antun und für das sich unsere Nachfahren einmal schämen werden, zur Grundordnung unserer Gesellschaften gehört."

Der Politikwissenschaftler Bernd Ladwig im Studio von Deutschlandfunk Kultur. (Deutschlandradio / Andreas Buron)Als Sterbliche sind wir Tiere unter Tieren: Bernd Ladwig im Studio von Deutschlandfunk Kultur. (Deutschlandradio / Andreas Buron)

Tatsächlich ist unser Umgang mit Tieren höchst widersprüchlich und oft weit entfernt von klaren ethischen Prinzipen. Mit Hunden und Katzen leben viele Menschen im selben Haushalt und errichten Grabsteine für ihre verstorbenen Gefährten. Schweine, die nicht weniger intelligent und sozial veranlagt sind, werden massenindustriell gehalten, geschlachtet und gegessen. "Wir schwanken offenbar in der Behandlung und Betrachtung von Tieren zwischen sentimentalen Einstellungen und rücksichtsloser Instrumentalisierung", sagt Bernd Ladwig.

In seinem Buch entwickelt er einen Ansatz zur philosophischen Begründung von Tierrechten. Dabei stehen Haus- und Nutztiere im Mittelpunkt, die unmittelbarer als Wildtiere in "von uns verantwortete Herrschaftsordnungen" einbezogen seien, so Ladwig. Für sie tragen wir aus seiner Sicht eine besondere Verantwortung und sollten ihnen sogar einige der Rechte zuerkennen, die zu den allgemeinen Menschenrechten gehören.

Schutz kreatürlicher Interessen

Denn diese gelten nach Ladwigs Verständnis keineswegs nur für Lebewesen, die selbst in der Lage sind, moralisch zu handeln. Vielmehr dienten sie auch dem Schutz "kreatürlicher Interessen", die wir Menschen "als leibliche, leidensfähige, sterbliche Kreaturen" mit anderen Wesen gemein haben. "In dieser Hinsicht sind wir Tiere unter Tieren", so Ladwig, "oder andere Tiere sind uns jedenfalls nicht fundamental fremd."

Das menschliche Privileg, selbstbestimmt leben und moralische Verantwortung übernehmen zu können, schließe daher die Pflicht mit ein, die Bedürfnisse von Tieren zu berücksichtigen und geeignete Lebensbedingungen für sie zu schaffen. Weil Tiere, die Teil unserer Gesellschaften sind, also auch ein legitimes und schutzbedürftiges Interesse an der Artikulation und Achtung ihrer Grundbedürfnisse haben, stehe ihnen eine politische Mitgliedschaft zu. Die müsse von Menschen stellvertretend eingefordert und verteidigt werden.

Tiere zeigen, was sie brauchen

Als fundamentales Grundrecht, auch für Tiere, versteht Ladwig den Anspruch auf eine "für das Lebewesen möglichst erfreuliche Art des Gedeihens". Welche spezifischen Voraussetzungen unterschiedliche Tiere jeweils dafür brauchen, das können sie uns am besten selbst mitteilen, so Ladwig:

"Tiere können sich durch Eigentätigkeit äußern und damit zeigen, was ihre Bedürfnisse sind. Deswegen ist es sehr wichtig, dass Menschen Tieren auch den Entfaltungsraum für eine solche Eigentätigkeit einräumen, damit wir überhaupt fair darüber befinden können, was Tiere brauchen, und in welcher Weise sie durch unsere Ordnung betroffen sind."

Gute Nachbarschaft mit anderen Arten

In Anlehnung an den Begriff "Gender Mainstreaming" fordert Bernd Ladwig ein "Spezies Mainstreaming" als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe: eine politische Interessenvertretung für die Belange von Tieren. "Wir müssen uns für die Sichtweise sensibilisieren, dass unsere Gemeinwesen speziesgemischt sind, nicht exklusiv menschlich", sagt Ladwig.

Auch Tiere hätten daher ein Recht auf die Berücksichtigung ihrer wesentlichen Ansprüche und Bedürfnisse: "Die grundlegende Idee, dass der öffentliche Raum Menschen in ihrer Verschiedenheit als Gleiche einbezieht, ist ein guter Ausgangspunkt, um zu sagen: Das sollte nicht nur für Menschen gelten."

(fka)

Bernd Ladwig: "Politische Philosophie der Tierrechte"
Suhrkamp, Berlin 18.05.2020
350 Seiten, 22 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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