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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.08.2014

Philippe PetitDrahtseilakt am World Trade Center

Wie ein französischer Artist den New Yorkern den Kopf verdrehte

Von Jürgen Bräunlein

Der französische Hochseilartist Philippe Petit jongliert auf einem Drahtseil in Lille. (AFP)
Der französische Hochseilartist Philippe Petit jongliert 1974 auf einem Drahtseil in Lille. Im gleichen Jahr balancierte er zwischen zwei Türmen des World Trade Centers in New York. (AFP)

Der französische Artist Philippe Petit verschaffte sich vor 40 Jahren Zugang zum fast fertiggestellten World Trade Center in New York und balancierte in rund 500 Metern Höhe ohne Sicherheitsnetz auf einem Drahtseil zwischen zwei Türmen. Dann musste er zum Psychiater.

Schon der Vater hob als Luftwaffenoffizier vom Erdboden ab. Der Sohn interessierte sich bereits als Kind für Magie, turnte in hohen Bäumen, balancierte mit dem Einrad über Straßen und Plätze. Als Jugendlicher kam Philippe Petit in Polizeigewahrsam wegen nicht genehmigter Auftritte, flog, weil er aufsässig war, von der Schule und lief mit 15 von Zuhause fort. Er jonglierte, spannte auf dem Pariser Montparnasse ein Drahtseil kniehoch über den Boden und versuchte, darauf zu stolzieren.

Mit 17 - man schrieb das Jahr 1968 - saß er dann im Wartezimmer beim Zahnarzt, blätterte in einer Illustrierten und stieß auf einen Artikel, der ihn nicht mehr losließ. In New York entstand gerade das World Trade Center, ein Zwillingsturm, der noch höher werden sollte als der Eifelturm. Von nun an sammelte Philippe Petit alles, was er darüber finden konnte.

Stundenlang bewegungslos unter Planen ausgeharrt

Sechs Jahre vergingen. Jahre des Übens auf dem Drahtseil, Jahre akribischer Vorbereitung. Am Vorabend des 7. August 1974 war es dann soweit. Philippe Petit und seine drei Helfer, die nach New York geflogen waren, verschafften sich Zugang zu dem nun fast fertig gestellten Gebäude. Massenhaft Ausrüstung, darunter ein über 200 Kilo schweres Drahtseil, schmuggelten sie am Wachpersonal vorbei aufs Dach des World Trade Centers.

Um nicht entdeckt zu werden, mussten sie stundenlang bewegungslos unter Planen ausharren. Dann, im frühen Morgengrauen, wurde es ernst. Mit einem Pfeil schoss man eine Angelschnur auf den gegenüberliegenden, 60 Meter entfernten Turm. Nach und nach wurden weitere Schnüre auf das Gebäudedach gezogen, zuletzt das schwere Stahlseil. Nun gab es kein Zurück mehr für Philippe Petit:

"Beinahe ohne zu denken, machte ich den Schritt, vielleicht ist es auch mein Körper, der ihn tut. Mit einem Fuß stehe ich auf dem Drahtseil, mit dem anderen auf dem Gebäude."

Fassungslose Blicke

Tausende von Menschen, viele davon auf dem Weg zum Büro, blieben stehen, starrten fassungslos nach oben. Fast einen halben Kilometer über ihren Köpfen balancierte ein Mensch im schwarzen Kostüm. Philippe Petit salutierte in die Tiefe, legte sich aufs Seil, um einer kreisenden Möwe näher zu kommen, spazierte weiter, genoss die Höhenluft.

"Ich nenne es den Sturm in meinem Kopf. Der Sturm wird zur Sinfonie, und die Sinfonie wird zur Stille - es ist eine ganze Welt von Ereignissen."

Später wird er auch sagen:

"Es ist einer der wichtigsten Momente meines Lebens. Ich habe ihn sechseinhalb Jahre lang herbeigesehnt."

Das "künstlerische Verbrechen des Jahrhunderts"

Acht Mal spazierte er auf dem gespannten Seil hin und her, bis nach fast 45 Minuten Polizisten auf der Plattform des World Trade Centers erschienen. Philippe Petit wurde festgenommen und zum Psychiater geschickt, vor Gericht gestellt und bald schon freigesprochen. Juristisch entschuldigt wurde seine Tat als "künstlerisches Verbrechen des Jahrhunderts". Doch keiner verstand, dass er kein Sicherheitsnetz verwendet hatte, nur der Luftakrobat selbst:

"Das wäre lächerlich, eine Beschränkung meiner künstlerischen Möglichkeiten. Man würde doch auch keine Vögel an die Leine legen, damit sie nicht abstürzen. Man muss das Leben immer am Limit leben. Dann führt man ein Leben auf dem Hochseil."

Im Schatten der Türme war Philippe Petit nun selbst zu einer Berühmtheit geworden, stets verfolgt von der Frage: Warum haben Sie das gemacht? Eine Imbisskette bot ihm 100.000 Dollar, wenn er als Hackfleischbrötchen verkleidet über ein Drahtseil lief. Er lehnte ab.

Philippe Petit machte weiter mit seiner Hochseilakrobatik, in Sydney, Paris, Frankfurt am Main. Doch keines seiner Kunststücke war so spektakulär wie der Drahtseillauf zwischen den New Yorker Zwillingstürmen. 2008 drehte James Marsh einen Dokumentarfilm darüber: "Man on wire" - "Mann auf dem Draht"- und bekam einen Oscar dafür. Heute ist Philippe Petits kühnes Schelmenstück eine schöne Erinnerung, die hilft, dem World Trade Center etwas von dem großen Trauma zu nehmen, das seit dem Anschlag vom11. September 2001 darauf lastet.

Mehr zum Thema:

Leben auf dem Hochseil (Deutschlandfunk, Das Feature, 30.12.2011)

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