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Interview | Beitrag vom 25.05.2020

Philipp Blom über die Bedeutung von Narrativen"Der Kampf um die Zukunft ist ein Kampf um Geschichten"

Moderation: Ute Welty

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Der Historiker und Schriftsteller Philipp Blom steht vor einer Hecke und schaut in die Kamera. (picture alliance / picturedesk / APA / Helmut Fohringer)
Der Historiker und Schriftsteller Philipp Blom (picture alliance / picturedesk / APA / Helmut Fohringer)

Die Coronakrise offenbare, dass die alten Erzählungen nicht mehr tragen, sagt der Historiker Philipp Blom. Erzählungen wie "Die Welt als Markt" und "ewiges Wachstum" seien nicht brauchbar, um die heutige Welt zu verstehen: "Wir brauchen neue Ansätze".

Nach Auffassung des Historikers Philipp Blom, strukturiert sich die Welt, wie wir sie kennen, durch Narrative - also durch Erzählungen. "Der Kampf um die Zukunft, das ist im Prinzip ein Kampf um Geschichten", so Blom.

Aktuell würden "alte Erzählungen" nicht mehr tragen. Erzählungen von der "Welt als Markt" oder von der "Wirtschaft als ewige Geschichte von Wachstum" würden kaum noch zum Weltverständnis beitragen.

Der Mensch begreife, dass er nicht "Krone der Schöpfung" sei und suche erneut nach seiner Rolle in der Natur. "Wir lernen gerade: Wir sind mitten drin in der Natur, wir sind gar nicht so besonders wichtig im großen Zusammenhang.".

Marktmechanismen - fällt uns nichts anderes ein?

In Bezug auf den Klimawandel kritisiert Blom in diesem Zusammenhang die Vorstellung, die Erderwärmung durch Marktmechanismen wie den Emmissionshandel regulieren zu können.

"Und dieser Markt ist so mächtig in unserem Kopf, dass wir überhaupt keine anderen Möglichkeiten mehr sehen, dieses Problem zu lösen. Zumindest ist das die Gefahr", warnt Blom.

Geschichten formten unsere Haltungen und unsere Handlungen. Blom wählt dafür die Metapher von Figuren, die auf der Bühne des Welttheaters auftreten.

"Die einen sagen, wir müssen uns vom Wachstum verabschieden." Andere würden angesichts der Corona-Maßnahmen eine Verschwörung vermuten. "Und wieder andere sagen: Jetzt sehr ihr mal wie trist eine Welt ohne Wirtschaftswachstum ist", meint Blom. "Und es wird an uns hängen, welche dieser Figuren nachher diejenige ist, die die Entscheidungen treffen darf."

(huc)

Philipp Blom: "Das große Welttheater"
Zsolnay Verlag, 128 Seiten, 18 Euro

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