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Studio 9 | Beitrag vom 25.03.2020

Pflegekräfte in der CoronakriseSie brauchen mehr als warme Worte

Von Uschi Götz

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Klinikmitarbeiter in Kitteln und mit Mundschutz stehen vor dem Krankenhaus auf der Straße und applaudieren. (Imago / Jordi Boixareux)
Sie freuen sich über Applaus, aber lieber hätten sie mehr Geld: Viele Pflegekräfte im Krankenhaus machen für wenig Geld einen harten Job, gerade jetzt. (Imago / Jordi Boixareux)

Mit Applaus von den Balkonen danken viele Menschen den Heldinnen und Helden der Coronakrise: Ärztinnen und Krankenschwestern. Schluss damit, fordert ein Pfleger, der stattdessen Unterstützung für die Forderung nach besserer Bezahlung verlangt.

Auf Balkonen, an offenen Fenstern stehen Menschen, auch in Deutschland, und applaudieren. Ein lautstarker, solidarischer Dank für Ärzte und Pflegekräfte. Vor einigen Tagen twitterte ein junger Pfleger:

"Wir Pflegekräfte brauchen keine Klatscherei. Wir wollen auch keine Merci-Schokolade und warme Worte! Wir brauchen 4000 Euro brutto, mehr Personal, Gefahrenzulagen und ein entprivatisiertes Gesundheitssystem!"

Seit sieben Jahren arbeitet der Autor des Tweets in der Altenpflege. Für seine aktuelle Forderung hat er viel Zuspruch erfahren: "Viele haben auch gesagt: Wir wollen beides machen, euch klatschend auf dem Balkon danken und mit euch für eure völlig legitimen Forderungen kämpfen."

"Uns wird gerade unheimlich viel abverlangt"

Die Bedingungen seien seit Jahren unmöglich, die jetzige Situation setze noch einmal die Krone drauf. Das sagt Jana Langer. Sie arbeitet seit fast 25 Jahren als Krankenschwester an einer Universitätsklinik in Baden-Württemberg. Schon lange kämpft sie für bessere Bedingungen für Pflegekräfte und für Patienten. Mit konkreten Forderungen wandte sie sich vor Jahren deshalb schon einmal an Bundeskanzlerin Angela Merkel und ans Gesundheitsministerium. Jana Langer findet den aktuellen Applaus prinzipiell okay, Plakataktionen seien jedoch besser:

"Es gibt Plakate, die finde ich besser als nur klatschen. Da steht zum Beispiel drauf: 'Pflegekräften danken heißt Löhne erhöhen.' Es mag für den einen oder anderen vielleicht ein bisschen unverschämt wirken, jetzt in der Situation auch noch nach Geld zu schreien. Aber wir sind vom Grundstock her schon schlecht bezahlt, jetzt wird uns wirklich unheimlich viel abverlangt, auch dass wir unheimlich flexibel sind, was natürlich im privaten Umfeld auch Auswirkungen hat. Es reicht halt nicht, einfach nur zu klatschen."

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Gerade in der jetzigen Situation wünsche man sich die Solidarität und den Druck der Bevölkerung. Andere Berufsgruppen, so Langer, bekämen von ihren Arbeitgebern für das Durchhalten in schwierigen Zeiten Bonuszahlungen. Pflegekräften ginge es keinesfalls nur um Geld, das auf dem Konto lande:

"Sondern ich spreche auch von so Kleinigkeiten wie, dass man unkompliziert sagt: ‚Ihr macht jetzt die 12-Stunden-Dienste, ohne zu murren und dafür bekommt ihr aber kostenloses Essen, dafür könnt ihr kostenlos parken.' Das sind ganz kleine Kleinigkeiten, die schon helfen würden, uns einfach mal auch ein Zeichen zu geben, okay, man hat verstanden und redet nicht nur über die Systemrelevanten, sondern man zeigt das denen einfach auch im Umgang."

Überall fehlt es an Schutzmasken

"Bei der Bankenkrise, da waren die Banken systemrelevant, jetzt ist allgemein anerkannt, dass es die Krankenhausbeschäftigten sind", sagt Volker Mörbe, Krankenpfleger im Klinikum Stuttgart und Personalrat. Er habe Verständnis für Angehörige, die etwa Pizza für Pflegekräfte abgeben:

"Angehörige, die ja auch gar nicht richtig in Kontakt treten können, weil sie Abstand halten müssen, weil es Besuchsverbote gibt in Krankenhäusern, denen bleibt ja auch nichts anderes übrig, als ihre Wertschätzung so darzustellen. Aber die, die die Verhältnisse ändern können und die Verhältnisse ändern müssen, die müssen anders reagieren. Und da sind die Beschäftigen ziemlich sauer, wenn sie merken, dass da nichts läuft."

Verdi Baden-Württemberg appellierte indes, mehr Material zur Hygiene und Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen. In Kliniken, im Rettungsdienst, aber vor allem in Pflegeheimen und der Behindertenhilfe fehlten zum Beispiel Schutzmasken. Verdi-Landesfachbereichsleiterin Irene Gölz betonte mit Blick auf die Solidaritätsbekundungen vieler Menschen in Deutschland:

"Wertschätzung ja, also Klatschen der Bevölkerung: ja. Klatschen der PolitikerInnen: nein. Da wäre es an der Zeit zu sagen: Ja, wir haben verstanden, wir werden dafür sorgen, dass es euch deutlich besser geht, wenn wir aus der Pandemie raus sind."

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