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Interview | Beitrag vom 12.08.2020

Pflegeheime in CoronazeitenGravierende Folgen der Isolation

Ulrike Kempchen im Gespräch mit Julius Stucke

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Eine Seniorin im Rollstuhl sitzt alleine im leeren Flur eines Altenheimes und schaut aus dem Fenster. (imago images / epd)
Die Coronamaßnahmen haben die Einsamkeit von Seniorinnen und Senioren noch verstärkt. (imago images / epd)

In Alten- und Pflegeheimen leben viele Menschen seit Monaten weitgehend isoliert. Ihre Situation macht Missstände deutlich, die schon vor der Pandemie bestanden, sagt Ulrike Kempchen von einer Selbsthilfegruppe für Menschen in Pflege.

Über Einschränkungen unserer Freiheit durch Coronaschutzmaßnahmen wurde in letzter Zeit viel und heftig debattiert. Doch während etwa die Schulen im Land Schritt für Schritt erproben, wie ein Regelbetrieb unter Hygieneauflagen wieder möglich ist, leben viele Menschen in Alten- und Pflegeheimen nach wie vor in einem Ausnahmezustand.

Das Gefühl, verlassen zu sein

Die weitgehende Isolation, der viele Bewohnerinnen und Bewohner dort seit Monaten ausgesetzt sind, habe "große Spuren hintelassen", sagt Ulrike Kempchen von der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (Biva). Personen, die in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt seien, hätten gar nicht verstehen können, welchen Sinn die Kontaktbeschränkungen hatten: "Sie fühlten sich einfach verlassen."

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Zu beklagen seien jedoch auch handfeste gesundheitliche Schäden. Wo Bewohner aufgrund des eingeschränkten Betriebs nicht mobilisiert werden konnten, hätten sich "köperliche Defizite und Rückschritte" eingestellt, so Kempchen. Viele Angehörige würden sich normalerweise stark in die Pflege einbringen und damit "sehr viel kompensieren, was von den Fachkräften nicht geleistet werden kann": ein Ausgleich für den Zeit- und Personalmangel in vielen Heimen. Doch diese wertvolle Hilfe falle nun vielerorts weg.

Eine potenzielle Freiheitsberaubung

Wie stark alte und pflegebedürftige Menschen derzeit noch in ihrer Bewegungsfreiheit und ihren Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt werden, unterscheide sich je nach Bundesland erheblich. Nach wie vor gelte für viele Menschen in Alten- und Pflegeheimen, dass sie nur zwei Mal in der Woche für eine halbe Stunde Besuch empfangen dürfen. "Da sind wir natürlich in dem Bereich einer potenziellen Freiheitsberaubung", sagt Kempchen.

Das Coronavirus habe "wie ein Brennglas" Probleme im Pflegesektor verstärkt und besonders schmerzlich sichtbar gemacht, die auch schon vor der Pandemie bestanden, so die Sprecherin der Selbsthilfegruppe.

Ein stärkerer Einsatz digitaler Medien, wie ihn Bundesfamilienministerin Franziska Giffey bei der Vorstellung des Altersberichts der Bundesregierung empfahl, geht aus ihrer Sicht an den eigentlichen Bedürfnissen vorbei: "Ich brauche Zeit und Kompetenzen, Menschen an diese digitalen Medien heranzuführen." Zudem seien solche Medien längst nicht für alle Menschen in Pflegesituationen geeignet und ohnehin "keine Kompensation für den echten körperlichen Kontakt".

(fka)

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