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Montag, 18.11.2019
 
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Im Gespräch | Beitrag vom 07.11.2019

Pfarrerin und Zeitzeugin Beate Wolf"Ich bin gern dort, wo die Grenzen sind"

Moderation: Britta Bürger

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Die Pfarrerin Beate Wolf (Jörg Häckner)
"Wir alle glauben an etwas", sagt die Pfarrerin Beate Wolf. (Jörg Häckner)

Vor Verhaftungen hatte sie Angst, trotzdem war Beate Wolf schon mit 15 in der kirchlichen Opposition der DDR. Weswegen die Tochter eines Stasi-Offiziers kein Abitur machen durfte. Sie wurde Pfarrerin – heute betreut sie Polizisten seelsorgerisch.

An den entscheidenden Moment kann sich Beate Wolf nur in Bruchstücken erinnern: Als sie bei der großen Montagsdemonstration in Leipzig am 9.10.1989 in der ersten Reihe der Protestierenden stand, Auge in Auge mit den bewaffneten Sicherheitskräften. Doch die waren dann plötzlich weg.

"Die nächste Erinnerung ist, dass wir uns lachend, weinend, schreiend in den Armen liegen. Und in diesem Augenblick wussten wir: Es ist vorbei, es ist vollbracht, die DDR ist durch".

Als die Wende kam, war Beate Wolf schon seit neun Jahren in der kirchlichen Opposition. 1982 war sie erstmals verhaftet worden, nach einer "Frieden schaffen ohne Waffen"-Demonstration, damals war sie 17. Vor dem Gewahrsam und den Verhören hatte sie immer große Angst.

"Ich hab damals meinen Freunden erzählt: 'Sagt mir so wenig wie möglich - in den Verhören werde ich alles ausplaudern, weil ich ein großer Angsthase bin'".

Dennoch engagierte Beate Wolf sich immer weiter in kirchlichen Kreisen, die andere Vorstellungen von Gesellschaft hatten als die Staatspartei SED. Darum wurden ihr die Zulassung zum Abitur und das Studium an staatlichen Hochschulen verweigert. Ihr Ausweg: Sie studierte an der kirchlichen Hochschule Leipzig Theologie. Obwohl sie aus einem linientreuen, atheistischen Elternhaus stammt, der Vater war Offizier bei der Stasi.

"Für mich ist Glaube ein Grundbedürfnis des Lebens. Wir alle glauben an etwas."

Von der Straßengang ins Theologie-Seminar

Und so wurde die gebürtige Ostberlinerin, die im Prenzlauer Berg der 70er-Jahre einer Straßengang angehört hatte, Pfarrerin in einem 600-Seelen-Dorf in Nordbrandenburg. An eine Ausreise hat Beate Wolf nie gedacht, weder vor noch nach dem Mauerfall:

"Nee, das kam überhaupt gar nicht in Frage. Ich kann mir kein Leben vorstellen, wo es nicht nach Schilf und nach See und nach Angelkahn riecht."

Dennoch zog es sie, die zu DDR-Zeiten nur knapp dem Gefängnis entgangen war, nach der Wende beruflich hinter Gitter. Zehn Jahre lang war Wolf Gefängnis-Seelsorgerin in Brandenburg. Den Strafgefangenen, meist Männern, sei sie "als Brüdern begegnet, und daraus haben sich in der Regel genau diese Augenhöhe-Gespräche ergeben, die ich so liebe."

Ernstnehmen auf Augenhöhe

Auf Augenhöhe versuchte sie in der Gemeinde auch mit Menschen zu reden, die gegen Ausländer oder eine angebliche Islamisierung des Abendlandes hetzen, und zwar, indem sie die Parolen hinterfragt hat: "Allein in diesem Ernstnehmen - 'was macht dir Angst, was wünschst du dir, was müsste passieren' - habe ich in den allermeisten Fällen eine Antwort bekommen, mit der ich gut leben konnte."

Seit kurzem ist Beate Wolf hauptamtliche Seelsorgerin für brandenburgische Polizistinnen und Polizisten. Und das trotz der Erfahrungen, die sie als DDR-Oppositionelle mit staatlicher Willkür gemacht hat: "Polizei war für mich von jeher eine Zivilorganisation, komischerweise, während Stasi das nicht war. Jeder Staat braucht eine Polizei."

Und so betreut sie Kräfte von Polizei, Feuerwehr und Sanitätsdiensten nach besonders belastenden Einsätzen seelsorgerisch: "Ich bin gern dort, wo die Grenzen sind."

(pag)

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