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Im Gespräch | Beitrag vom 21.01.2021

Pfarrerin Jasmin El-ManhyKirche für Kirchenferne

Moderation: Ulrike Timm

Die Pastorin Jasmin El-Manhy steht in einer Kirche und schaut in die Kamera. Im Hintergrund sind die Kirchenfenster zu sehen. (Urban Ruths)
Ist auch mit dem Koran aufgewachsen: Pastorin Jasmin El-Manhy. (Urban Ruths)

Jasmin El-Manhy hat die letzten Jahre in der Gethsemane-Kirche gepredigt, jetzt baut die Pfarrerin ein Kirchen-Startup in Berlin-Neukölln auf. Dabei konnte die Tochter eines Muslims und einer Katholikin mit Jesus lange nichts anfangen.

Ein Startup in einem 2000 Jahre alten Kirchengebäude. In der Genezareth-Kirche in Berlin-Neukölln soll etwas ganz Neues entstehen: "Wir wollen Menschen Kirche anbieten, die eigentlich nicht in die Kirche gehen." Jasmin El-Manhy wollte schon immer Menschen verbinden. So auch mit ihrem Projekt, in dem es darum geht, neue Formate zu entwickeln für Menschen, denen kirchliches Leben fremd ist, die aber eine spirituelle Sehnsucht haben. "Das kann die Begleitung sein mit einer App, ein Austausch bei einem Zoom-Treffen oder die regelmäßige geistliche Übung", sagt die Pfarrerin.

Zwei Heilige Bücher im Haus

1980 wurde Jasmin El-Manhy in Berlin-Neukölln geboren. Ihr Vater ist Ägypter und Muslim, die Mutter Deutsche und Katholikin. "Wir hatten zwei Heilige Bücher im Haus."

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Als Kind ging sie in eine Koranschule und nahm am evangelischen Religionsunterricht teil. Nach dem Abitur ließ sie sich taufen und studierte evangelische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität. "Es waren die großen Fragen, die mich beschäftigten", erzählt Jasmin El-Manhy, "was ist es, was uns so miteinander verbindet und gleichzeitig trennt? Wo gehöre ich selbst hin?" Von der Evangelischen Kirche wünscht sie sich eine viel stärkere, interkulturelle Ausrichtung. Zum Beispiel englischsprachige Gottesdienste.

Bis Ende 2020 arbeitete Jasmin El-Manhy an einem geschichtsträchtigen Ort. Sie war Pfarrerin an der Gethsemane-Kirche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. In den letzten Monaten vor dem Fall der Berliner Mauer wurde die Gethsemane-Kirche zu einem Ort des friedlichen Widerstands in der DDR und steht seitdem für Zivilcourage und bürgerliches Engagement. Hier finden regelmäßige Gebete für politisch Inhaftierte statt, wie den Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner, der lange Zeit in türkischer Haft saß.

Trauern mit Kindern

Während ihrer Zeit in der Gethsemane-Kirche rief El-Manhy auch eine Trauergruppe für Kinder ins Leben. Ein Projekt, das ihr bis heute sehr am Herzen liegt. "Ich will versuchen, mit den Kindern einen Weg durch die Trauer zu finden." Dabei spielen Gespräche eine große Rolle, das Anzünden von Kerzen, die Verarbeitung von Ängsten. "Ich hatte mal einen Jungen, dessen Bruder war gerade beerdigt worden, und der hatte große Angst davor, dass irgendein Tier, z. B. ein Fuchs, das Grab wieder aufbuddeln könnte. Er hat dann selber das Grab sehr sorgfältig zugeschaufelt und war beruhigt." Der Pfarrerin liegt viel daran, die Themen Tod, Sterben, Trauer wieder in die Gesellschaft zu bringen und "dass Menschen wieder eine Sprache dafür finden. Weil es das Leben reicher macht", sagt sie.

Segen in Krisenzeiten

Zu den neuen spirituellen Formaten der Genezareth-Kirche und den individuellen Möglichkeiten christlicher Begleitung gehört auch das Angebot des "Segensbüros". Hier können Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen um einen Segen bitten, erzählt Jasmin El-Manhy: "Das können Paare sein, die in einer Beziehungskrise stecken, Familien, die neue Wege einschlagen, Menschen, die vor einem einschneidenden Ereignis in ihrem Leben stehen." Denn "gerade in Krisenzeiten" könne ein Segen "viel Kraft geben", ist die Pfarrerin überzeugt.

(kuc)

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