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Religionen | Beitrag vom 09.12.2018

Pfarrer mit EhemannVor Gottes Augen spielt es keine Rolle

Von Knut Benzner

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Zwei Männer stehen vor einem Pastor und lassen sich trauen. (Unsplash / Zelle Duda)
Zwei Männer die den Bund des Lebens eingehen: Ja! Aber wenn einer von ihnen Pfarrer ist, wird es kompliziert. (Unsplash / Zelle Duda)

Homosexuelle Paare können sich in den meisten evangelischen Landeskirchen inzwischen segnen lassen. Schwieriger wird es, wo ein schwuler Pfarrer mit seinem Ehemann ins Pfarrhaus einziehen will. Genau das hat Steffen Paar getan.

Sülfeld. Nordöstlich von Hamburg, südlich von Bad Segeberg. Sportverein, Freiwillige Feuerwehr, Fahrschule, Bäckerei, Bank. 3.200 Einwohner. Die Kirche ist Kulturdenkmal, der angrenzende Friedhof auch. Eine Schule, ein Kindergarten.

Zwischen den Kindergartenkindern: Der Pfarrer, Steffen Paar. Jeden Freitagmorgen ist Paar für einige Stunden hier, sie spielen, sie singen, er erzählt.

Paar: "Das ist ja eigentlich mein Job, und es macht am meisten Spaß, ja. Zu gucken, was ist deren Ort im Leben, wo trifft es mein Leben, wo trifft es das Leben der Kinder. Genau. Und dann geht es einmal durch die Bibel durch."

Bibelkreis im Kindergarten

Ein großer Kindergarten, 120 Kinder, mit Krippe. "Beste Freunde" heißt die Kita, und Sülfeld gehört noch zum Speckgürtel Hamburgs, Sülfeld wächst. Paar bereitet mit den Kindergärtnerinnen den Kindergottesdienst vor.

Erzieherin: "Ich glaube, das ist für die Kinder auch das Elementare."

Paar: "Hier vorne liegt mitten im Ort unsere Kirche, ungefähr 800 Jahre alt, das Zentrum unserer Kirchengemeinde."

Historische Kirche in Sülfeld, Kreis Segeberg, Schleswig-Holstein. (picture alliance/imageBROKER)Steffen Paars Kirche in Sülfeld. (picture alliance/imageBROKER)

Eine wuchtige Kirche, die auf einem kleinen Hügel steht. Das macht sie noch wuchtiger. Paar zeigt kurz den Innenraum:

"Barocke Merkmale, Holzgestühl, aber auch unser Betonaltar aus den 60er Jahren, alles zeigt, dass eine Kirche ein lebendiger Organismus ist, und das wollen wir als Kirchengemeinde auch sein, das will ich als Pastor sein: Lebendig, also nicht stehen bleiben, sondern schauen, was ist jetzt dran."

Sprechzimmer auf dem Marktplatz

Im Sommer sitzt er jeden Donnerstag zwischen neun und zwölf mit einer kleinen Biertischgarnitur auf dem Marktplatz an der Bushaltestelle.

Paar: "Mit Kaffee, Cola und Keksen und hab´ sozusagen dort mein Sprechzimmer und bin bereit für alle, die da kommen."

Auf dem Weg ins Pastorat winkt Pfarrer Paar einer Dame auf einem Fahrrad zu.

Paar: "Das war Frau Lüth. Das ist immer so ein Zeichen, dass man angekommen ist, am Anfang als ich jetzt hier durch die Straßen lief, kannte ich keinen. Jetzt gehen wir zum Pastorat, da liegt dann meine Privatwohnung und auch die Büroräume."

Paar ist Schwabe, 38 Jahre alt und seit etwas mehr als drei Jahren Pfarrer in Sülfeld.

Die Kirche tat sich mit dem schwulen Pfarrer schwer

Paar: "Und als es dann darum ging, mich fest zu bewerben und auf Lebenszeit ernannt zu werden, hatte ich damals gesagt, ok, liebe Leut´, ihr sollt auch wissen, worauf ihr euch einlasst und hatte mich geoutet als Schwuler.

Für meinen damaligen Arbeitgeber, für die Landeskirche war das schwierig, weil gesagt wurde, Mensch du, als öffentliche Person, auch mit deinem Wunsch, vielleicht mit jemandem ins Pastorat einzuziehen."

Kurz darauf lernte Paar Christoph kennen, Lehrer aus Eckernförde, Paar führte Gespräche - und dann wurde ihnen diese Stelle angeboten.

Paar: "Und ich staune, wie schnell die Zeit vergeht."

An der linken Hand der Ehering, 2015 haben die beiden standesamtlich geheiratet.

Die Segensfeier in der Gemeinde war ermutigend

Paar: "Und 2016 im Sommer hier unsere kirchliche Segensfeier gehabt mit einem ganz großen Fest, das war für uns einfach noch einmal ein ganz ermutigendes Zeichen und einfach ein absolut geniales Fest."

Der Umgang mit ihnen, sagt er, sei normal, obwohl er dieses Wort nicht mag. "Selbstverständlich" findet er angemessener. Als die Kinder im Kindergarten fragten: "Sag´ mal, hast Du auch ‘ne Frau?" hat er geantwortet: "Nee, ‘n Mann."

Paar: "Die gucken dann, sagen: 'Ja warum denn?' -  'Ja, weil wir uns lieb haben.' Und auch sozusagen heute, dieses: ‘Grüß mal Deinen Mann!‘ Ne gewisse Selbstverständlichkeit hat auch was mit Sprache zu tun - das ist gar kein Thema mehr."

Freunde wandten sich ab: "Du lebst in Sünde!"

Das war nicht immer so, zumal in seiner Heimat Württemberg. Seine Eltern brauchten ihre Zeit.

Paar: "Man wohnt auch öffentlich, man ist ein Stück weit präsent, aber ich glaube, das ist immer ´ne Sache auch wie man das persönlich handhabt, wo grenzt man sich ab, wir lassen uns auf dich als Pastor ein, mit den Anregungen, die du hast, und gleichzeitig wissen die, dass ich mich auf die Leute hier einlasse und sag´: ‚Ich folge euch einfach mal.‘"

Seine Kirche ist voll, sein Mann ist ebenfalls evangelisch.

"Gut, ich war ja dort auch schon lange dann weg, aber da sind dann Freundschaften auch ausgelaufen, manches auch dezidiert deswegen, weil die sagten: Mensch, du als Schwuler und Pastor, als Christ, das geht gar nicht, du lebst in Sünde, und wir haben dann unseren Weg auch gefunden."

Der Bruch mit der Landeskirche - ein wichtiger Schritt

Als er in seiner damaligen Landeskirche Württemberg Schwule segnen wollte, musste er sagen: Es tut mir leid, ich darf nicht.

"Deswegen muss ich, wenn ich Angst hatte, da einen Stück weit reinen Tisch machen und sagen, ich bin schwul, auch mit dem Risiko, dass ihr mich rausschmeißt, aber es war dann klar, das sind keine Bedingungen, unter denen ich leben und arbeiten kann.

Im Rückblick war das für mich ein wichtiger Schritt zu sagen: Ich hab keine Angst, sondern ich bin auch bereit, einen gewissen Preis zu zahlen, aber ich lebe frei. Und kann es jetzt hier auch als Christ so leben, und der Rest ist sekundär. Und zwar nicht, weil es unwichtig ist, sondern weil es vor Gottes Augen erst mal gar keine Rolle spielt."

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