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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.02.2017

Petras inszeniert O'NeillSippe mit unheilvoller Vergangenheit

Von Rainer Zerbst

Armin Petras, der Intendant des Schauspiels Stuttgart, steht am 02.06.2016 im Opernhaus in Stuttgart (Baden-Württemberg) im Foyer an einer Treppe. (picture alliance / dpa / Bernd Weißbrod)
Der Intendant des Schauspiels Stuttgart Armin Petras (picture alliance / dpa / Bernd Weißbrod)

Eine Familie steuert in den Untergang: Überraschend fein und intim inszeniert Armin Petras "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von Eugene O'Neill am Schauspiel Stuttgart. In der Rolle der schuldbeladenen Mutter glänzt - der Schauspieler Peter Kurth.

Die Skepsis war groß, und zu Beginn gab es denn auch einige belustigte Lacher im Publikum, denn Regisseur Armin Petras hat die Rolle der Mutter in "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von Eugene O'Neill mit einem Mann besetzt. Doch nach wenigen Minuten hörten die Lacher auf und danach fragte man sich gar, wer, wenn nicht dieser Schauspieler diese Rolle besser hätte spielen können: Denn Peter Kurth verzichtete auf jegliche Travestie, gestaltete diese Mutter, die am frühen Tod ihres zweiten Kindes und unter der Prahlerei und dem Geiz ihres Mannes sowie der Schwindsuchterkrankung ihres Jüngsten zerbricht und nur mit Morphium über die Runden kommt, subtil, feinnervig und robust zugleich. Schließlich ist sie die Figur in diesem Stück, die noch am ehesten die eigentlichen Realitäten erkennt.

Alle anderen geben sich Täuschungen hin. Allen voran der Vater, der Schauspieler James Tyrone, der nur zu gerne ein großer Shakespearemime geworden wäre, es aber nur zum belanglosen Rührstückakteur geschafft hat. Edgar Selge verleiht ihm ähnlich leise, vielschichtige Töne wie Kurth der Figur seiner Frau.

Eine selten subtile Petras-Inszenierung

So fein, intim hat man eine Inszenierung von Petras selten gesehen. Hinzu kommt das Bühnenbild von Aleksandar Denic. Er lässt auf der Drehbühne das Interieur der Behausung dieser Familie ständig mutieren mit dem Schiffskörper der Titanic, die kurz vor Beginn der Handlung des Stückes gesunken war, so wie auch das Schiff dieser Familie dem Untergang geweiht ist.

Die Schuldgefühle der Mutter, die ein Kind verloren hat und ein zweites demnächst verlieren wird, lässt Petras auf der Bühne Gestalt werden in Form einer grauen Geistergestalt, die später auch mit bunten Tüchern Schamanenzüge annimmt. Die Vergangenheit liegt wie ein Menetekel über dieser Familie.

Leider hat er zu dieser Subtilität bei den übrigen Figuren nicht gefunden. Da verfiel er wieder in den Fehler, Gebrüll mit Dramatik zu verwechseln, und Peter René Lüdicke als dauerversoffener älterer Sohn muss chargieren, als hätte er sich von einer Berliner Schmierenbühne ins Schauspiel Stuttgart verirrt. Damit verliert eine Aufführung innere Substanz, die sie über weite Strecken brillant in Szene setzt.

Eines langen Tages Reise in die Nacht
Von Eugene O'Neill
Regie: Armin Petras
Premiere am 18. Februar 2017
Schauspiel Stuttgart

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