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Tonart | Beitrag vom 13.02.2020

Peter Gabriel wird 70Der Hammer des Pops

Von Steen Lorenzen

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Peter Gabriel imitiert einen Zeitungsleser in der Londoner U-Bahn 1978. (Getty Images / Redferns / Fin Costello)
Einer der innovativsten Künstler im Pop der 80er: Peter Gabriel - hier in einer Aufnahme von 1978 - wird 70. (Getty Images / Redferns / Fin Costello)

Als Sänger der Band Genesis wurde Peter Gabriel erfolgreich, solo schrieb er Welthits wie "Sledgehammer" und "Solsbury Hill". Seit fünf Jahrzehnten prägt Gabriel die Popmusik – und kämpft auch für die Menschenrechte: ein Rückblick zum 70. Geburtstag.

Ein ehemaliger Soldat kauert wie ein Vogel in einer Ecke. Er steckt in einem Käfig aus Erinnerungen, traumatisiert vom Vietnamkrieg. "Birdy" heißt die Hauptfigur in Alan Parkers gleichnamigem Filmdrama. Seinen Kultstatus konnte dieser Film vor allem deshalb erlangen, weil er von einem faszinierenden Sound begleitet wird.

Peter Gabriel schreibt 1984 die Musik für "Birdy". Ein Höhepunkt seiner Karriere. Denn er bricht mit allem, was er musikalisch bis zu diesem Zeitpunkt geschaffen hat. Gabriel lässt sich von seinen Sounds und Rhythmen und nicht zuletzt von den starken Filmbildern treiben. Der Flug und Absturz der Figur Birdy verschmilzt mit den hypnotischen Tracks.

Eine Schülerband namens Genesis

17 Jahre zuvor hat die Musikkarriere des britischen Soundtüftlers und Songschreibers mit einer Schülerband begonnen. Ihr Name: Genesis.

Genesis hat etwas, was anderen Bands aus der Ära mit ausschweifender Rockmusik fehlt: Humor und Peter Gabriel, der mal wie ein krächzender Rabe und dann wie ein jungenhafter Sopranist singt. Er schreibt endlose, mystische Texte und erzählt ausgeflippte Geschichten auf der Bühne.

Gabriel hat Sinn für das Theatralische, überrascht immer wieder das Publikum und auch seine Band mit ausgefallenen Kostümen: im roten Kleid und mit Fuchsmaske oder im Ganzkörperanzug mit riesigen Beulen tritt er auf.

Der Ausstieg bei Genesis

1975 wird Gabriel das Progrock-Genre zu eng und er zieht die Reißleine, bevor Genesis zur ganz großen Stadionband wird. Er ist 25 Jahre jung, nimmt sich Zeit für seine kleine Familie und sucht auf vier selbstbetitelten Soloalben zwischen Kunst und Rock seinen Weg. Inspiriert von Punk und New Wave.

Gabriel lässt die Masken fallen. Er trägt nun erst kurzes Haar und später die Glatze, die bis heute sein Markenzeichen ist. Er versteckt sich nicht mehr hinter kryptischen Texten und kreist stattdessen immer wieder um seine Geschichte als behüteter "middleclass boy". Im dritten Lebensjahrzehnt angekommen, taumelt er in seinen Songs zwischen Nähe, Beziehungslosigkeit und Zukunftsängsten.

Im Laufe seiner Solokarriere wird Peter Gabriel zu einem der innovativsten Popmusiker der 80er Jahre. Allerdings sind es oft andere Künstler, die mit seinen Ideen große Erfolge im Mainstream feiern. So entwickelt beispielsweise Phil Collins, ehemaliger Genesis-Gefährte, an der Seite von Gabriel den Schlagzeug-Sound, mit dem er seine ersten großen Erfolge feiert.

Stimme der Anti-Apartheid-Bewegung

Die Beschäftigung mit afrikanischen Sounds führt in den 80er Jahren zu einer Auseinandersetzung mit Menschenrechtsfragen. Mit seinem Song "Biko" prangert Gabriel die Ermordung des gleichnamigen südafrikanischen Bürgerrechtlers an und wird damit zu einer gewichtigen Stimme der Anti-Apartheid-Bewegung in der Popmusik.

Anfang der 80er stellt Peter Gabriel die Weichen für das Festival World of Music Arts and Dance. Die Premiere wird finanziell ein riesiger Flop und Gabriel muss mit Genesis nochmal auf die Bühne gehen, um seinen finanziellen Ruin abzuwenden. Heute ist WOMAD, wie das Festival kurz heißt, eines der wichtigsten für globale Sounds, die auch auf Gabriels Label "Real World" veröffentlicht werden. Kurz nach der Womad-Premiere im Jahr 1982 erscheint der Soundtrack zum Film "Birdy" und dann – als hätte Peter Gabriel sich mit diesem Soundexperiment befreit – sein größter kommerzieller Erfolg.

Mit dem Album "So" gelingt Peter Gabriel 1986 schließlich der Sprung an die Spitze der Charts. Auch dank einer weiteren Pionierarbeit. Denn mit dem Video zum großen Hit des Albums, mit "Sledgehammer", werden die Bilder des Musikfernsehsenders MTV definiert. Fünf überaus aufwendig animierte Minuten, die im Zeitraffer Peter Gabriel zwischen Spermien, tanzenden Brathähnchen, Popcorn und Gemüseformationen zappeln lassen.

Im Fahrwasser seiner größten kommerziellen Erfolge hat Peter Gabriel sich viel Zeit mit der Veröffentlichung neuer Alben gelassen. Das letzte mit neuen Songs erschien 2002. Zur Ruhe gesetzt hat er sich aber nicht. Er organisiert diverse Konzerte zugunsten von Amnesty International, betreibt einen Online-Musikdienst und eine Plattform, die nur bei Vollmond Musik veröffentlicht. Die Ideen für Projekte scheinen diesem Solitär der Popmusik nicht auszugehen.

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