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Tonart | Beitrag vom 19.05.2020

Pete Townshend wird 75Begnadeter Musiker, genialer Gitarrenzerstörer

Von Sky Nonhoff

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Pete Townshend von der Band "The Who"live auf der Bühne, 15. September 2019 in Wantagh, New York. (Getty/Kevin Mazur)
Pete Townshend im September 2019: Die Überlebenschancen einer von ihm gespielten Gitarre sind heute um einiges höher als früher. (Getty/Kevin Mazur)

Pete Townshend hat die Rockmusik mit für die Ewigkeit geschriebenen Songs bereichert - und mit der systematischen Zerstörung von unzähligen Gitarren. Er protestierte damit quasi gegen alles. Nur aus der Nummer wieder rauszukommen, war nicht ganz so einfach.

Böse Zungen behaupten, plötzlich sei Pete Townshend das Wörtchen "Smash Hit" durch die Birne gerauscht. Ein "Smash Hit", das ist die Steigerung von Hit, und "smash" bedeutet so viel wie zertrümmern, zerdeppern, zerlegen, zerschmettern. Und da Townshend an jenem Abend 1964 im Railway Hotel Pub in Nordlondon eh schon Frust schob, weil ihm gerade der Gitarrenhals abgebrochen war, beschloss er kurzerhand, seine nutzlos gewordene Rickenbacker zu Kleinholz zu machen.

Wie Louis de Funès bei einem Tobsuchtsanfall

Dass er dabei aussah wie Louis de Funès bei einem Tobsuchtsanfall, schien im Publikum niemanden zu stören. Ganz im Gegenteil: Man schrieb die Sixties, und die antiautoritäre Erziehung lag nur noch ein paar läppische Monate in der Zukunft. Chris Stamp, damals Manager von Townshend und seiner Band The Who:

"Ich fand’s ein bisschen kindisch, aber dann dachte ich, schadet ja nichts, macht was her und drückt auch noch die Stinkwut aus, die sowieso alle empfinden."

Eine rote, von Pete Townshend (The Who) zerstörte Gitarre - sie wurde 2019 im New Yorker Metropolitan Museum of Art ausgestellt. (imago images / UPI Photo)"Instruments of Rock & Roll" wurden 2019 im New Yorker Metropolitan Museum of Art ausgestellt. Dazu gehörte auch eine von Pete Townshend zerstörte Gitarre. (imago images / UPI Photo)

Dass hier der Sound of Testosteron veredelt wurde, stellte schon das Band-Logo unmissverständlich klar: das "O" in The Who, mit einem erektiven Pfeil designtechnisch zu Schild und Speer des Mars erweitert. Die E-Gitarre, die am Ende jedes Gigs Kloppe kassierte, stand stellvertretend für alles Mögliche: die Verbitterung der Kriegskinder, das verhasste britische Klassensystem, den Kalten Krieg.

Pete Townshend 50 Jahre später, im maßgeschneiderten Savile-Row-Anzug:

"Klar, das Gitarrenzertrümmern. Das war ein Statement über den künstlerischen Prozess in Zeiten der nuklearen Massenvernichtungswaffen. Das war doch Wahnsinn, und unser Publikum hat genau verstanden, worauf wir hinauswollten. Logo, auch ich wollte einen Sportwagen und eine Supersüße, aber noch mehr – den Triumph meiner Aussage, die Anerkennung als Künstler und als Musiker."

Nächster Akt: die Zerstörung von Hotelsuiten

Das Prinzip dieser postmodernen Großkunst setzten The Who konsequent fort, mit nicht ganz so enthusiastisch gefeierten Performanceakten, die sie keineswegs auf der Bühne, sondern mit der Schleifung unzähliger Hotelsuiten durchzogen – gefolgt von weiteren Destruktionskünstlern wie den Faces, Led Zeppelin oder Keith Richards, der schon mal den einen oder anderen Fernseher durch geschlossene Fenster feuerte.

Immerhin: War zu Zeiten der Beatles noch von der British Invasion die Rede gewesen, klang hier eine Band wahrhaftig nach geballter Offensive, lautmalerisches Feedback und Stahlgewitter inklusive.

Eine Chronik der Verhaltensauffälligkeiten

Dass Iggy Pop sich ein paar Jährchen später auf der Bühne in Glasscherben wälzte, im Punk die Ihr-kotzt-mich-an-Attitüde zelebriert wurde oder der heilige Kurt Cobain den Nihilismus-Bürgerschreck gab: Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Geschichte der Rockmusik immer auch eine Chronik der Verhaltensauffälligkeiten war.

Dabei hatten The Who die Macht-kaputt-was-euch-kaputt-macht-Pose gar nicht erfunden: Jerry Lee Lewis soll sein Klavier bereits Jahre zuvor angezündet haben – nicht ohne den nach ihm auftretenden Chuck Berry zuvor mit dem bösen N-Wort zu bedenken.

Es lief, wie es laufen musste: Pete Townshend kam aus der Nummer nicht mehr heraus, dazu verdammt, bei jedem Gig sein Instrument zu demolieren, bis die jugendliche Bilderstürmerei zum vorhersehbaren Gimmicktheater gegoren war.

Der Klang berstenden Holzes

Es klang nach Rechtfertigung und stets auch leicht bemüht, wenn Townshend sich auf den deutschen Aktionskünstler Gustav Metzger berief, statt ganz gelassen auf die exzellenten Singles der Who zu verweisen, von "My Generation" bis "I Can See for Miles".

Ein Revival erfuhr die Disziplin des Musikalienmissbrauchs dann 1979 mit dem Clash-Album "London Calling": Darauf ist Bassist Paul Simonon zu sehen, der sein Instrument mit voller Wucht auf den Bühnenboden drischt. Und wieder meint man ihn zu hören – den Klang berstenden Holzes, in dem stets dasselbe Echo widerhallt: Willkommen in den Flegeljahren.

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