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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 25.06.2015

Peschmerga im NordirakHoffnungsträger mit dunklen Seiten

Von Marc Thörner

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Ein Soldat aus der Einheit von der kurdischen Peschmerga (Sebastian Backhaus, dpa)
Ein Soldat aus der Einheit von der kurdischen Peschmerga. (Sebastian Backhaus, dpa)

Peschmerga – das heißt frei übersetzt: "Die dem Tod ins Auge sehen". Es ist die Bezeichnung für die bewaffneten Einheiten der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, ehemalige Untergrundkämpfer, die heute im Krieg gegen die Terrormiliz IS an vorderster Front stehen. Die schlagkräftige Truppe gilt als Hoffnungsträger des Westens, der sie deshalb mit Waffen und Ausrüstung unterstützt. Aber das Gesicht der Peschmerga hat auch eine dunkle Seite.

Nordirak, Barzan-Distrikt, unweit von Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion. Felsen türmen sich zu bizarren Formationen auf. Schluchten öffnen sich am Rand der Serpentinenstraße. Hängebrücken führen über rasant zu Tal fließende Bäche.

Plötzlich: ein Kontrollposten. Bewaffnete in olivgrüner Uniform mit dem üblichen Barett auf dem Kopf versperren den Weg.

Scherwan Scherwani: "Wir nennen diese Gegend: 'das Bermudadreieck'. Es liegt zwischen den Orten Masif, Barzan und Mergasur. Dort lebt die Familie von Masud Barzani, dem Präsidenten der kurdischen Autonomieregion. Kein Unbefugter darf dort hinein."

Der Journalist Scherwan Scherwani stammt aus dieser Region. Bei seinen Fahrten und Gängen durch die Berge hat er längs der Straße ein paar rätselhafte Komplexe fotografiert. Langgestreckte ein- oder zweistöckige Bauten, von Stacheldraht umgeben, auf Bergrücken in die Felsen gebaut. Es gibt in dieser Gegend mehrere geheime Gefängnisse. Zum Beispiel in einem Ort namens Spilek. Ein anderes in Pirman. Das gehört dem Peschmerga-Geheimdienst PARASTEN.

Geschminkte Offiziere

In Cafés, Restaurants, Hotellobbys, tagein tagaus überall in Erbil, flimmern die Videoclips, in denen die Kämpfer besungen werden oder sich selbst besingen. Dazu sind panzerbrechende Milan-Raketen zu sehen, die aus Rohren sausen und ästhetische Explosionen verursachen. Außerdem geschminkte Offiziere im frisch gebügelten Tarnanzug, die - eine Hand aufs Herz gelegt, die andere beschwörend in der Luft - ihre Opferbereitschaft bekunden. Kleine Jungen halten Gewehrattrappen hoch und geloben mit piepsigen Stimmen, in den Kampf ziehen zu wollen. Babys in Miniatur-Uniformen erheben ihre Patschhände wie zum Segen.

Der kurdische Journalist Scherwan Scherwani hat hinter die Kulissen dieser Truppen geblickt, die seit Ende 2014 von großzügiger westlicher Militärhilfe profitieren.

"Die Bezeichnung 'Peschmerga' wird in Kurdistan wie der Inbegriff des Patriotismus verwendet. Ich habe lange über diese Truppen recherchiert. Nach meinen Informationen kann man nur einen kleinen Teil der Peschmerga tatsächlich als patriotisch motiviert ansehen. Die größten Gruppen unterstehen den politischen Parteien. Der Kurdisch Demokratischen Partei KDP von Präsident Barzani und der Patriotischen Union Kurdistans PUK von Jalal Talabani."

Alteingesessene Feudalfamilien

Die Namen dieser beiden Kurdenparteien klingen zwar progressiv. Tatsächlich handelt es sich aber eher um die jeweilige Hausmacht zweier Persönlichkeiten, Masud Barzani und Jalal Talabani, nebst ihren alteingesessenen Feudalfamilien. Grundlage deren Reichtums sind vor allem die Ölquellen, die sich im Kurdengebiet befinden.

Lange bekriegten sich die beiden Clans erbittert mithilfe ihrer Privatarmeen. Inzwischen haben sie ihre Claims abgesteckt, ihre Einflusszonen definiert und angesichts des islamistischen Terrors ein Zweckbündnis geschlossen: Die Talabanis herrschen über Suleymaniah und Umgebung, die Barzanis über die Region Erbil.

Schon am Stadtrand von Erbil grüßt überall das Konterfei von Masud Barzani. Durch seine Kleidung, weite olivgrünen Hosen und den schlichten Drillich seiner Jacke drückt er Askese und Kampfgeist aus. Die Skyline seiner Hauptstadt weckt andere Assoziationen. Sie erinnert an Abu Dhabi oder Dubai, vielleicht auch an das Bankenviertel von Frankfurt. Innerstädtische Highways führen vorbei an Wolkenkratzern aus Stahl, Beton und Glas. Einige Hochhäuser sehen aus wie überdimensionale Korkenzieher, andere gleichen riesigen Parfumflakons; wieder andere Ufos, die ununterbrochen Lichtsignale von sich geben. Neue Wolkenkratzer wachsen daneben empor.

Unmöglich, irgendwo hinzublicken, ohne Kräne zu sehen. Ganze Wohnviertel sind aus der Erde gestampft worden - und stehen leer. Shoppingmall reiht sich an Shoppingmall. Überall wird weitergebaut.

Mutige Journalisten

Wer in solche Projekte investieren will, muss sich vorher mit der herrschenden Familie einigen. Scherwan Scherwani wollte Licht in diese Geschäftspraktiken bringen - und wurde prompt selber zum Kriminellen gestempelt.

"Sie ließen gleich in sechs Fällen Anklage gegen mich erheben. Die schwerwiegendste betraf meine Recherchen über den Autonomiepräsidenten Masud Barzani. Er hatte mit einem Geschäftsmann zusammengearbeitet und ihn anschließend um sein Geld betrogen. Dass ich den Fall ans Licht brachte, war für die Barzani-Familie eine Provokation. Ich wurde aus heiterem Himmel festgenommen, ohne gesetzliche Grundlage, und nacheinander in vier unterschiedlichen Gefängnissen festgehalten."

Ähnlich erging es Karzan Karim Mohammed. Der Mitarbeiter am Flughafen von Erbil schrieb nebenbei als freier Journalist für ein kurdisches Magazin. Irgendwann stieß er auf schwarze Kassen, überteuerte Rechnungen in Millionenhöhe, die, sagt er, beim Neubau des Flughafens von Erbil ausgestellt wurden. Unbekannte nahmen ihn fest, ohne Anklage und Haftbefehl und verfrachteten ihn in ein geheimes Gefängnis.

"Dort habe ich gesehen, wie man einigen Gefangenen die Körperteile verbrannte. Andere wurden in den Schnee gelegt. Wieder andere wurden damit bedroht, dass man ihre Familienangehörigen vergewaltigen würde. Mich selber schlugen sie mit einem Stromkabel, auf die Füße, auf den Kopf. Dann stellten sie mich in die Sonne. Später haben sie gleißendes Licht auf mich gerichtet, dabei musste ich immer die Augen offen halten. Es waren die gleichen Methoden, die früher das Saddam-Hussein-Regime gegen die Kurden anwandte."

Betrieben, sagt Karzan Karim Mohammed, wurde das Gefängnis vom Peschmerga-Geheimdienst der KDP, der in Nordkurdistan regierenden Kurdisch Demokratischen Partei von Autonomiepräsident Barzani.

Die Berliner Sicht

Was wissen deutsche Stellen über die möglichen dunklen Seiten der Verbündeten, die sie ausbilden und mit Waffen versorgen? Bei der Bundeswehr hält man sich an die offizielle Berliner Sichtweise. Der zufolge sind die Peschmerga ...

"... eine Armee der Regionalregierung Kurdistan. Nicht die irakische Armee, sondern nur eine regionale Streitmacht, die sich jetzt unter einer einheitlichen Führung gefunden hat und zum jetzigen Zeitpunkt geeint gegen ISIS antritt, im wesentlichen derzeit damit beschäftig ist, das kurdische Gebiet gegen das Vordringen von ISIS zu behaupten; das zum jetzigen Zeitpunkt auch sehr erfolgreich tut und einheitlich mit einem unheimlich hohen Maß an Motivation kämpft."

Die deutsche Unterstützung, sagt Oberstleutnant Stephan, werde einem einzigen Ansprechpartner erteilt, der Autonomieregierung in Erbil.

Und an welche einzelnen Verbände werden die deutschen Waffen geliefert?

"Wir können nicht verfolgen, wo die einzelnen Waffen hingehen. Wir wissen, dass die Milan-Rakete an der Front bereits erfolgreich eingesetzt worden ist. Aber wir haben nicht Kenntnis über die einzelnen Bataillone oder Kompanien, wo jetzt die einzelne Waffe sich befindet, das können wir nicht."

"Wir danken allen, die uns Waffen schicken"

Eigene Recherchen ergeben: Die Peschmerga, die auf dem Truppenübungsplatz in Erbil an Panzerfäusten ausgebildet werden, sind südlich von Suleymaniah, bei der Stadt Jalula stationiert und gehören zur PUK. Ihr Kommandeur ist General Mahmud Sangawi. Nicht nur ein Militärführer, sondern auch ein enger Vertrauter von Jalal Talabani, der mit seiner Familie die Region um Suleymaniah regiert. Im Politbüro von dessen Patriotischer Union Kurdistans, ist Mahmud Sangawi die Nummer Vier. Er residiert in einer schwerbewachten Villa am Rand von Suleymaniah, umgeben von einer Sammlung kostbarer Antiquitäten.

"Ob Iraner, Deutsche, Briten oder Amerikaner: Wir danken allen, die uns Waffen schicken. Wir sind aller Welt Freunde und wollen kein anderes Land erobern. Unser Ziel ist der Erhalt von Freiheit und Demokratie, ein friedliches Zusammenleben. Dafür kämpfen wir. Für Religionsfreiheit und freie politische Meinungsäußerung."

Doch Peschmerga-Kommandeur General Sangawi kann auch ganz anders klingen.

"Wenn die Zeitschrift morgen veröffentlicht wird, stecke ich deinen Kopf ins Grab deines Vaters, du Hurensohn!"

drohte er dem kurdischen Journalisten Kawa Garmyani, der einen kritischen Artikel über ihn geschrieben hatte. Der junge Reporter schnitt den Anruf mit. Ein paar Monate später war er tot, regelrecht hingerichtet durch mehrere gezielte Schüsse, die ihn im Eingang seines Hauses trafen. Seine Witwe macht General Sangawi und die PUK-Führung für den Mord verantwortlich.

"Mein Mann Kawa Garmyani hat fast zehn Jahre als Journalist gearbeitet. In seinen Artikeln kritisierte er immer wieder die Verantwortlichen in dieser Autonomieregion. Leute, die uns regieren, die aber ihre Macht nur für die eigenen Interessen nutzen."

Aufgrund der eindeutigen Morddrohung kam General Sangawi zwar in Untersuchungshaft. Aus Mangel an Beweisen wurde er im Frühjahr 2015 aber freigesprochen. Und so befehligt er weiter die deutsch ausgebildeten Soldaten an der Front. Im Hinterland geht inzwischen der Terror von Sympathisanten der PUK, der Patriotischen Union Kurdistans, gegen die Familie Garmyani weiter: Anrufe, SMS-Botschaften oder Zettel, die man unter der Haustür durchschiebt.

"Darin steht, dass wir aufhören sollen, über diesen Mord zu sprechen. Ansonsten würden wir alle wie mein Mann ins Jenseits befördert."

Der Wunsch nach unabhängiger Fernsehberichterstattung

In Suleymaniah, dort wo General Sangawi als Nummer Vier der dort herrschenden PUK schaltet und waltet, versucht der Medienunternehmer Twana Osman seit Jahren eine unabhängige Fernsehberichterstattung aufzubauen.

Als 2011 der arabische Frühling ausbrach, versammelten sich auch in der Hochburg der Familie Talabani Demonstranten und forderten die verkrusteten Kurdenparteien und ihre Langzeitführer zu Reformen auf. Twana Osman wollte mit seinem frisch gegründeten Sender NRT-TV über die Proteste berichten. Noch am selben Abend ging das Studio in Flammen auf. Zwei Tatverdächtige wurden festgenommen.

"Der eine war Beamter im Peschmerga-Ministerium, der andere im Geheimdienstministerium der Peschmerga. Beide Ministerien unterstanden der Patriotischen Union Kurdistans, PUK, die in unserer Region regiert. Die zwei Geheimdienstler wurden zwar dem Richter vorgeführt, aber auf Kaution wieder freigelassen - bis zum Beginn einer Verhandlung. Nur: bis zum heutigen Tag jetzt wurde keine Verhandlung anberaumt."

Twana Osman gab nicht auf. Der Unternehmer scharte seine Mitarbeiter um sich, ließ die ausgebrannten Studios renovieren und arbeitete zielstrebig daran, den Sendebetrieb wieder aufzunehmen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

"Ende Oktober 2013 saß ich am Steuer meines Autos. Auf einmal wurden vier, fünf Schüsse auf mich abgefeuert. Und wie im Fall des Brandanschlags auf unseren Sender – wurde keiner festgenommen. Nicht einmal das Auto der Attentäter wurde sichergestellt."

Der Anschlag verletzte Twana Osman schwer. Mehrere Kugeln drangen in seinen Oberkörper und ins Bein. Bis heute trägt er einen Arm in der Schlinge und hat Mühe beim Gehen.

Im Inneren der Macht

Zurück in Erbil gelingt es endlich, Karim zu treffen. Karim heißt eigentlich anders. Aber er hat Angst, getötet zu werden, falls seine wahre Identität bekannt wird. Denn Karim gehört zur KDP, der in Erbil regierenden Kurdisch Demokratischen Partei. Sein Bericht führt ins Innere der Macht. Alles, sagt Karim, schien zunächst ganz harmlos anzufangen. Vor drei Jahren, an einem Tag im Jahr 2012, wurde er kollegial zu einem Gespräch in eine Geheimdienstzentrale der Peschmerga gebeten.

Offensichtlich hätten die Barzani-Leute ihn für einen Spion aus dem Lager der konkurrierenden Talabanis gehalten. Kurz darauf wurde zu einem Gefängnis in den Bergen nahe Erbil gefahren. Er nimmt ein Papier und zeichnet den Grundriss des Gebäudes auf.

"Es befindet sich im Barzan-Gebiet. Das Gefängnis selber liegt nur zehn Minuten vom privaten Wohnhaus des Autonomiepräsidenten Masud Barzani entfernt. Wenn du eintrittst, gelangst du zuerst zu einer Art Empfang. Gegenüber liegt das Büro des Geheimdienstes. An der Seite gibt es noch eine eiserne Tür, mit einem Schloss verriegelt. Dies ist das geheime Gefängnis. Dort führen Treppen in einen Keller hinab."

Dort wurde Karim eingeschlossen, ohne Anklage, Begründung oder die Möglichkeit, seiner Familie eine Nachricht zu geben. Er traf andere "Verschwundene". Persönliche Feinde des Kurdenpräsidenten Masud Barzani oder solche, die Barzani der Feindschaft gegen sich verdächtigte.

"Sie hielten mich 26 Tage an diesem Ort gefangen. Jede Nacht, manchmal dreimal, brachten sie mich zum Verhör. Ich selber wurde nicht gefoltert, aber ich habe mitbekommen, wie sie Mitgefangene gefoltert haben. Sie schlugen sie mit Elektrokabeln. Ich sah, wie sie die Leute einzeln aus der Zelle herausführten und nach der Folter wieder zurückbrachten. Die Leute, die das taten, gehörten zur sogenannten Barzan-Armee. Ich habe keine Ahnung, ob sie dem Peschmerga-Ministerium untersteht. Aber sie untersteht persönlich dem Präsidenten Masud Barzani."

Der Folterkeller gehört, sagt Karim, zum Wohnkomplex des Autonomiepräsidenten Masud Barzani. Aber sind diese Erlebnisse von vor drei Jahren nicht längst von der Realität überholt; hat sich die Kurdische Regionalbedrohung im Angesicht des islamistischen Terrors nicht zu einem zuverlässigen Partner entwickelt, der internationale Standards respektiert? Es wäre schön, wenn es so wäre, meint Karim. An den Praktiken, wie der Barzani-Clan mit Gegnern umspringt, habe sich aber nicht das Geringste geändert.

"Das Geheimgefängnis, in dem ich war, existiert noch immer. Erst vor ungefähr vor einer Woche haben sie einen Freund mir freigelassen, der dort ebenfalls inhaftiert gewesen ist." 

 

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