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Fazit | Beitrag vom 18.02.2019

Performance "The Life" in LondonMarina Abramović und ihr Spiel mit dem Publikum

Von Tobias Armbrüster

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Marina Abramovic ist in ihrer Londoner Performance "The Life" nur mit Virtual-Reality-Brille zu sehen.  (dpa / picture alliance / photoshot)
Marina Abramovic ist in ihrer Londoner Performance "The Life" nur mit Virtual-Reality-Brille zu sehen. (dpa / picture alliance / photoshot)

"The Life" ist die neue Performance von Marina Abramović in der Londoner Serpentine Gallery. Die Zuschauer können die Künstlerin allerdings nur sehen, wenn sie eine Virtual-Reality-Brille aufsetzen.

Es hat etwas von Science-Fiction, von 3D-Kino und von Computerspielen mit einer Virtual-Reality-Brille. Und es hat etwas von dem legendären Beamer aus Raumschiff Enterprise. Das ist "The Life", die neue Performance von Marina Abramović.  

Ihr Markenzeichen: das Spiel mit dem Publikum. Diesmal ist sie nur eben nicht selber anwesend. Dass sie diesen großen weißen Saal in der Serpentine Gallery durchschreitet, dass sie dort mit ihren Armen rudert, das können die Zuschauer nur sehen, wenn sie eine spezielle computer-gesteuerte Brille aufsetzen.

Durch diese Gläser ist die Umgebung immer noch sichtbar, die Wände, den Boden und die anderen Personen um sich rum, sieht man also – aber das Brillenglas überträgt auch ein dreidimensionales Bild der Künstlerin, wie sie eben durch diesen Raum läuft,  und  sich dabei langsam durch das Gesicht streift.

Todd Eckard hat hier die Regie geführt, er hat Technik und Kunst zusammengebracht:

"Wir haben Marina hier biometrisch aufgenommen, ein normaler Film wäre einfach auf einer flachen Fläche zu sehen – aber nichts in unserer Welt ist flach. Marina ist hier keine Animation, sie ist in dieser Performance kein Avatar, und auch kein Darsteller in irgendeinem Computer-Spiel. Wir sehen hier Marina komplett, von allen Seiten, wie sie sich durch den Raum bewegt, in dem wir stehen. Diese Performance wird also für jeden, der sie sich irgendwann einmal ansieht, immer so wirken, als würde das alles jetzt passieren. Es ist kein Artefakt."

Willkommen also in der Welt der Performance-Kunst, willkommen in der Welt von Marina Abramović, jener Frau, die in diesem künstlerischen Genre seit Jahrzehnten immer wieder Grenzen einreißt. Es ist eine Künstlerin, die weiß, wie man auch aus völliger Ruhe, aus Stille und weißen Wänden ein Spektakel macht,  das selbst Zuschauer anzieht, die sich sonst nicht besonders für Kunst interessieren.

"Eine Frau ohne irgendwelche Ängste"

Marina Abramović ist für diese Eröffnungs-Performance von "The Life" selbst in die Serpentine Gallery gekommen, aber sie sagt nur ein paar Worte darüber, wie stolz sie ist hier zu sein, und dass sich alles für sie anfühlt wie ein Spaziergang über den Mond. Ansonsten keine Interviews – sie ist eine ganz spezielle Frau, sagt Todd Eckard.

"Marina ist eine Frau ohne irgendwelche Ängste – und sie hat überhaupt keine Lust , sich in ihrer Arbeit zu wiederholen. Sie macht keine Moden mit, und sie macht keine Sachen, die irgendjemand vor ihr gemacht hat. Sie ignoriert sehr viel.

Besucher der Performance "The Life" in der Londoner Serpentine Gallery (Deutschlandradio / Tobias Armbrüster)Besucher der Performance "The Life" in der Londoner Serpentine Gallery (Deutschlandradio / Tobias Armbrüster)
Das Einzige, was sie interessiert, ist die Verbindung zu ihren Zuschauern. Das ist bei allen ihren Aktionen der letzten Jahre so gewesen. Sie will immer diesen Kontakt. Wenn ich mit ihr arbeite, habe ich manchmal den Eindruck, sie ist eine Art Magierin, oder eher eine Art Doktor für Emotion und Energie."

Für diese neue Performance hat sich die Serpentine Gallery im Londoner Hyde Park jetzt tatsächlich in eine Art Labor verwandelt. Alles ist durchgeplant, auch das ist Hanschrift Abramović – als Zuschauer geht man nicht einfach rein und wieder raus. Assistenten in weißen Kitteln begleiten jeden Besucher durch die weiß gestrichenen Räume.

Die Brille für das 3D-Bild passen Mitarbeiter individuell an jeden einzelnen Kopf, anschließend kommt ein anderer Assistent, er nimmt uns an die Hand und führt uns an einen fest gelegten Platz im eigentlichen Performance-Saal. Es folgen 19 Minuten Marina Abramovic. Als dreidimensionale Erscheinung bewegt sie sich da auf dem Boden der Gallery – wir hören sogar leise ihre Schuhsohlen über den Boden schleifen.

Die komplette Produktion hat mehr als eine Million Euro gekostet. Aber auch wenn das Ganze technisch wie ein sehr raffiniertes Computerspiel wirkt, es ist – auch das sollte nicht verschwiegen werden – keine Kunst, die mitreißt.

Kein Höhepunkt, nur Momente

Es gibt in diesen 19 Minuten keinen Spannungsbogen, keinen Höhepunkt, es gibt nur immer wieder Momente, in denen sich das Bild der Künstlerin plötzlich im Raum auflöst in eine Wolke von blauen Pixeln – und kurze Zeit später erscheint sie dann wieder und tritt aus den Pixeln wieder in unsere Welt ein. Marina Abramovic in einem roten wadenlangen Kleid, die schwarzen Haare streng zusammengebunden. 

"Was wir hier sehen, ist kein Tanz, es ist eher eine Art Nachdenken über Präsenz. Sie löst sich immer wieder auf in einem hellen Licht, und nur noch ihr Schatten ist auf dem Boden zu sehen. Das ist Marina und ihre Art, mit physischer Präsenz zu arbeiten, und mit dem Gedanken der Ewigkeit."

4000 Menschen werden sich das in den kommenen Tagen in London ansehen, der Eintritt ist frei – und alle Plätze waren innerhalb von drei Stunden ausgebucht. Willkommen eben in der Welt von Marina Abramović. Aber anders als bei vorherigen Performances können sich alle Interessierte diesmal Hoffnungen darauf machen, dass dieses Werk noch einmal reproduziert und wiederholt wird. Denn außer einem großen Raum mit Kreis in der Mitte und einer Menge Technik ist nicht viel nötig.

Weitere Audiobeiträge:

Marina Abramovic goes virtual reality. Neue Performance der Künstlerin in London

Mehr zum Thema

Marina Abramović in Bonn - Die Performance-Großmeisterin
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 19.4.2018)

Marina Abramović: "Durch Mauern gehen" - Ein Leben für die Performance-Kunst
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 18.11.2016)

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