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Rang I | Beitrag vom 30.05.2020

Performance-Lecture-Reihe "My Documents"Ideen und Obsessionen über den Bildschirm geteilt

Von Barbara Behrendt

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Ansicht der Installation von Ana-Viotti, vor einer Weltkugel stehen eine Person und zwei Laptops. (Künstlerhaus Mousonturm )
In der häuslich-virtuellen Corona-Version teilen 6 Künstler*innen via Zoom ihre Bildschirme mit dem Publikum, das live kommentieren und sich anschließend über Visionen und Einsichten austauschen kann. "My Documents" sucht nach Infizierungen der anderen Ar (Künstlerhaus Mousonturm )

Seit 2012 lädt die argentinische Theatermacherin Lola Arias mit „My Documents“ Kollegen dazu ein, Einblicke in ihre Ideen zu geben. Auch in Coronazeiten wird die Reihe fortgesetzt: Künstler zeigen per Bildschirmfreigabe, wie und woran sie arbeiten.

In der chinesischen Provinz Hubei, 170 Kilometer von Wuhan entfernt, ist es ein Uhr morgens, als Zhang Mengqi vor ihrem "Blauen Haus" steht. Ihr Gesicht ist hell erleuchtet vom Schein der Taschenlampe in ihrer Hand, hinter ihr schwarze Baumsilhouetten – es wirkt unheimlich und feierlich zugleich.

Was ist das Virus, was hat das Virus verändert, fragt sie sich. Seit zehn Jahren kommt sie immer wieder in das Dorf ihres Großvaters zurück und führt Interviews mit den ältesten Bewohnern über deren Erfahrungen während der großen Hungersnot zwischen 1958 und 1961, an der im ganzen Land zwischen 20 und 43 Millionen Menschen gestorben sind. Vielleicht, überlegt sie, würden ihre Enkel auch einmal einen Dokumentarfilm machen: 60 Jahre nach Corona. Und sie nach ihren Erfahrungen fragen.

Antworten habe sie keine. Doch hier, an diesem Ort, habe sie sich selbst wieder gefunden.

In den Tiefen des Computers

Es sind die letzten Minuten in Zhang Mengqis Lecture Performance "Blue House", dem neusten Teil der Reihe "My Documents", die die argentinische Künstlerin Lola Arias seit 2012 veranstaltet. Tänzer, Performerinnen, Filmemacher aus aller Welt teilen dabei auf der Bühne "persönliche Recherchen, eine radikale Erfahrung oder eine geheime Obsession", wie Arias es selbst beschreibt.

Für die Coronazeit hat sie das Projekt angepasst: "My Documents – Share your Screen" erlaubt den Künstlerinnen nun, am heimischen Schreibtisch unfertige Projekte und Recherchen zu zeigen, die in den Tiefen ihrer Computer schlummern.

Das Videokonferenztool Zoom macht es möglich, dass der Bildschirm der Künstlerin für die Teilnehmenden sichtbar wird. Eine durchaus intime Situation, die Arias schön einzubetten versteht.

Zu Beginn sind die Gesichter der Zuschauenden in kleinen Fenstern zu sehen, sie spricht sie einzeln an, fragt, woher sie kommen. Das Ergebnis ist immer erstaunlich: Im Iran sieht man zu, in Mexiko, in der Schweiz, in Kanada, den USA oder Portugal. Bei den einen ist es früher Morgen, bei den anderen Nachmittag. In China eben mitten in der Nacht.

Auch die Zeit nach den jeweils 40-minütigen Performances nutzt Arias, um das Gefühl einer Gemeinschaft der Zuschauenden zu kreieren. Sie ordnet das Projekt ein und lässt die Teilnehmenden zu Wort kommen. Es sind fast ausschließlich befreundete Künstler, man kennt und schätzt sich. Doch die entstehenden Gespräche sind genauso ergiebig wie die Performances.

Zuschauer sprengen Intimität

Persönliche Geschichte, sagt Zhang Mengqi, sei für die Dorfbewohner, die sie befragt habe, nicht wichtig. Schließlich haben alle gelitten, man habe dem Land helfen müssen zu überleben. Auch ihr Großvater habe sie gefragt, warum sie sich mit etwas so Bedeutungslosem wie seinen Erinnerungen beschäftige.

Seltsam ist nur, dass die Performances parallel auf YouTube gestreamt werden. So wird der intime Zoom-Raum von anonymen Zuschauern gesprengt.

Während Zhang Mengqi uns Videos zeigt, in denen sie die Großväter und -mütter gegenschneidet mit Kindern im Ort, die das Coronavirus beschreiben – als Wind, als Schneeflocke, als Sonnenball – erzählt der portugiesische Performer Pedro Penim in "Doing It" von der Obsession eines Mannes für entlegene Inseln, die sich als seine eigene Manie herausstellt.

Er liest, dass seine Inselmanie mit einem Todestrieb zu tun hat. Dann stellt er uns die Insel North Sentinel vor, auf der ein Volk wohnt, das alle Fremden tötet – ohne Ausnahme.

Gedanken ins Weite schweifen lassen 

Der Gedanke an die Flucht in ein Leben fernab dieser Welt, allerdings in immerwährender Isolation, führt direkt zum Coronaleben. Auch deshalb hat Lola Arias Penim eingeladen, die Lecture nun am Bildschirm zu zeigen, die im Februar in Lissabon Premiere feierte.

Während Zhang Mengqis Videomaterial mitunter etwas sperrig bleibt, gibt Penim eine anschauliche und unterhaltsame Performance. So auch der Libanese Rabih Mroué mit seiner schon 2006 entstandenen klugen Arbeit "Make Me Stop Smoking", die er nun internetfähig präsentiert.

Alle drei Künstler lassen die Gedanken philosophisch ins Weite schweifen, lassen über Erinnerung und Vergessen, Geschichte und deren Archivierung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachdenken. In Zeiten des Virus – und danach.

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