Perfekter Moment

Charlotte Rampling (2. v. r.) im Kreise der Schauspieler Andre Dussollier, Charlotte Gainsbourg, Dominik Moll und Laurent Lucas (v.l.n.r.) © AP
Von Anke Leweke · 09.02.2006
Louis Armstrong hören und das Gesicht von Charlotte Rampling betrachten - so beschreibt Woody Allen in seinem Film "Stardust memories" den perfekten Sonntagnachmittag. Diesen perfekten Moment kann man in den nächsten zehn Tagen auf der Berlinale bewundern, denn Charlotte Rampling hat den Vorsitz der Jury übernommen.
Sie gehört zum glamourösen Inventar des europäischen Kinos, auch oder vielleicht auch gerade weil sie ihre Höhen und Tiefen hatte. Charlotte Rampling, wurde in den 70eer Jahren zum Inbegriff des Vamps. Ihr unterkühlter Charme, ihre seltsam distanzierte Erotik wurden von den Medien gefeiert und von Filmemachern zelebriert Sie ist ein Kind der rebellischen Sechziger und coolen Siebziger. In wilden Outfits groovte sie durch das swinging London der sexuellen Revolution. "Do you want to rample with me"; wurde in jenen Jahren zum schlüpfrigen Schlagwort. Damals war Rampling nicht zuletzt durch ihren frivolen Umgang mit dem eigenen Privatleben, ein Star in der poppigen Partyszene. Heute blickt sie gelassen auf ihre Eskapaden zurück.

Rampling: "Ich war ein junger Hüpfer, der in diesen Strudel aus Sex, Drugs and Rock'n Roll hineinkatapultiert wurde. Ich versuchte eigentlich nur, mich einigermaßen gerade und möglichst wenig schwankend fortzubewegen. Und nicht auszuflippen. Denn es war ziemlich heady. Wenn ich mir heute Dokumentationen oder Fotos dieser Zeit ansehe, dann denke: 'Wow, da habe ich mitgemischt. Ich war auch mal so.'

Irgendwie ist das alles sehr abgelöst, sehr fern sehr distanziert von mir. Ich bin ja ohnehin eine distanzierte Person und habe mich aus gutem Grund von vielem gelöst. Aber heute blicke ich auf Swinging London und denke: Ich war dabei!"
Ihre innere Distanz wurde zum prägenden Merkmal ihrer Leinwandpräsenz. Ob sie, wie in Liliana Cavanis "Nachtportier", ein Holocaust-Opfer spielte, das sich für masochistische Spiele in die Gewalt seines ehemaligen Peinigers begibt, oder bei Nagisa Oshima eine Frau, die eine Affäre mit einem Schimpansen hat. Stets hatte man bei Rampling das Gefühl, dass sie sich den Blicken des Zuschauers zugleich hingab und entzog.

Diese Kontrollbewusstsein ist etwas, was einfach in mir steckt. Das ist der Eindruck, den ich immer erwecke. Ich strahle diese Stärke aus. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob ich wirklich stark bin. Das geschieht nicht bewusst. Und in meinem Alltagsleben versuche ich ganz bewusst den Eindruck zu vermeiden, dass ich immer alles unter Kontrolle habe.

Ende der Achtziger machte sich Charlotte Rampling plötzlich rar. Der Grund waren persönliche Krisen und eine lange Depression, über die sie stets sehr offen sprach. Nicht zuletzt Dank des jungen französischen Regisseurs Francois Ozon feierte sie vor wenigen Jahren mit Filmen wie "Unter dem Sand" und "Swimming Pool" ein echtes Comeback. Als ihre grünen Augen plötzlich wieder die Leinwand ausfüllten, schien es, als habe das euopäische Kino zu einer glamourösen Bekannten zurückgefunden. Gelassen nimmt sie in dem Film "Swimming pool" als verschrobene Krimischriftstellerin den Kampf gegen eine junge schöne Frau auf. Im Privatleben hingegen hat die gänzlich uneitle Charlotte Rampling ein eher entspanntes Verhältnis zur Jugend.

"Ich verspüre ein unglaubliches Vergnügen, wenn ich mir junge Menschen anschaue. Ich empfinde eine echte Sinnlichkeit wenn ich junge Leute sehe. Ich habe das Gefühl, meine eigene Jugend zu betrachten, denn wenn man selbst jung ist, schaut man sich niemals wirklich an. Ich zumindest habe mich damals nie wirklich sehen können. Man weiß nicht, wer man ist, was man ist. Erst wenn man älter wird, ist man zu diesem anderen Blick imstande, erst dann kann man die Jugend wirklich betrachten. Und wenn man keine Panik vor dem Alter hat, dann kann man diesen Blick tatsächlich genießen."

Die nächsten zehn Tagen wird Charlotte Rampling im Kino verbringen und als Jury Präsidentin über die Goldenen und silbernen Bären der diesjährigen Berlinale entscheiden. Welche Art von Kino bevorzugt die Schauspielerin? In Interviews schwärmt sie für Humphrey Bogart und Lauren Bacall, doch sie selbst steht für ein engagiertes Kino.

"Die beiden sind meine Helden, mein Lieblingspaar, denn sie haben gespielt, was ich gerne gespielt hätte. Aber ich habe nicht zur richtigen Zeit gelebt. Zu meiner Zeit war engagiertes Kino angesagt. Ich wollte in Filmen mitspielen, die ihre Stimme laut erheben. Die provozierten. Ich wollte gehört werden, wenn auch auf abgründige Weise. Ich will das Verdrängte, die Geheimnisse an die Oberfläche bringen. Und ich will, dass die Kamera mir folgt, so dass ich alles ausdrücken kann, ohne ein Wort zu sagen."

Filme, die ihre Stimme laut erheben. Filme, die provozieren. Ohnehin hat die Berlinale den Ruf ein politisches Festival zu sein. So kann man nur hoffen, dass die Filmen den Ansprüchen genügen, die Charlotte Rampling an ihre eigene Arbeit stellt.

"Bis auf zwei, drei Ausnahmen, habe ich nie in reinen Unterhaltungsfilmen gespielt. Ich tat es, weil ich Geld brauchte oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Aber die Filme, die mir in meiner Karriere wichtig waren, habe ich gemacht, weil ich hinter jedem Wort stand, das ich darin gesprochen habe. Weil ich versuchte, durch die Charaktere so wahrhaftig zu sprechen, wie es mir möglich war. Ich weiß natürlich nicht, was die Wahrheit ist. Aber sagen wir, ich wollte meinem Moralcodex so treu wie möglich bleiben. Moral ist etwas sehr wichtiges für mich."