Per Mausklick gegen Klischees

Am Computer © Stock.XCHNG / Daniel V.
Von Thilo Guschas · 01.03.2008
Wenn es wieder einmal in der öffentlichen Debatte um die Frage geht, wie Muslime in Deutschland auftreten sollten, taucht eine Gedankenfigur immer wieder auf: Die Forderung, dass die Muslime sich selbst artikulieren sollen. Dies, so die Hoffnung, könnte entscheidend helfen, Vorurteile zu überwinden und Spannungen abzubauen. Ein Internetprojekt greift nun genau diese Forderung auf - und stößt dabei auf Konflikte.
"Man sieht meinen Vater, der sich bereit erklärt hat, Rede und Antwort zu stehen. Also ich habe ihn gefragt, zu seinem Leben, hier und in der Türkei, und da hat er freizügig von erzählt, und das haben wir hier zusammengeschnitten in ein kleines Interview."

Idil Efe und Betül Yilmaz gehören zum Redaktionsteam von "muslimische-stimmen.de". Ein Internetportal, das die Frage "was ist muslimisch"? neu beantworten soll. In Form von wissenschaftlichen Beiträgen, Interviews oder etwa Berichten, wie Austauschschüler muslimische Gastfamilien erleben. Selbstgedrehte Videoclips erzählen Lebensgeschichten von sogenannten Gastarbeitern. Hinter allen Beiträgen verbirgt sich eine wohl kalkulierte Didaktik.

"Naja, er erzählt zum Beispiel am Anfang vom Dorfleben, wie eine Frau zum Melken geht und da ihr Kind entbindet, es mal so eben in die Satteltasche steckt, weitergeht, die Kuh melkt, und erst dann nach Hause kommt. Um klar zu machen, was für Migrationsbewegungen die Leute gemacht haben. Also zum Beispiel mein Vater ist auf dem Dorf groß geworden, ist von da nach Ismet gegangen, um einfach zu sehen, dass die Leute sehr unterschiedliche Erfahrungen mitbringen, bevor sie nach Deutschland kommen. Mein Vater erzählt zum Beispiel auch, dass er mit der Religion wenig zu tun hatte. Also, dass das kein Thema war. Es ist eben nicht das, was ihn ausmacht."

Klischees brechen ist das klare, wenn auch höchst anspruchsvolle Ziel des Projekts. Selber Beiträge schreiben kann jeder, der sich berufen fühlt. Muslime, ob sie nun religiös oder säkular sind, ebenso wie Nicht-Muslime. Zum Teilnehmen eingeladen sind Wissenschaftler, Schüler, Rentner – niemand soll ausgegrenzt werden.

"Wir moderieren nur. Wir wollen den Leuten einfach Raum geben, um sich zu definieren, ohne dass sie von außen definiert werden, und wir wollen sie auch nicht auf ihr Muslimisch-Sein reduzieren, was im Augenblick ja gerade passiert, sie können sich in ihren Facetten, also die Sachen, die sie äußern wollen, bei uns veröffentlichen."

"Ich glaube, dass solche aufgeklärten, toleranten, liberalen, wie auch immer sie genannt werden, moderaten Muslime tatsächlich dieses Bild bestätigen, dass von Muslimen gerne gehabt wird."

Koray Yilmaz, Publizist:

"Ich glaube tatsächlich, dass Menschen sich als Menschen, als Individuen definieren sollten, nicht als Gläubige. Ich glaube tatsächlich, dass Muslime immer mehr Diskriminierung ausgesetzt sind, dass sie ganz negative Alltagserfahrungen machen, in ihrer Nachbarschaft, in Behörden, am Arbeitsplatz, in der Schule, überall. Aber ich glaube, dass dann als Reflex darauf zu reagieren und zu sagen: 'Ich bin muslimisch, und ich bin aber gar nicht so wie die anderen' die falsche Reaktion ist, weil das sagt: 'Meine Person hat damit zu tun, wie ich behandelt werde'."

Koray Yilmaz war langjähriger Herausgeber der Zeitschrift "Lubunya", was grob übersetzt Schwuchtel heißt. Ein Magazin für homosexuelle Türken. Yilmaz hat dort religiöse Themen, so weit es ging, vermieden, weil dies zu leicht in eine falsche Richtung führe.

"Ich finde es richtiger, in solchen Situationen von Rassismus zu sprechen, und zu sagen: Diese Gesellschaft, wie sie ist, schließt bestimmte Menschen aufgrund bestimmter Merkmale aus. Das kann Hautfarbe sein, das kann ein Kopftuch sein, von einer Frau, ein Bart oder ein Turban, den ein Mann trägt. Aber in dem Fall zu sagen 'Ich bin muslimisch, und ich bin anders' halte ich für ganz großen Unsinn, weil das nicht das Problem beseitigt, sondern die Symptome vielleicht, auf einer individuellen Ebene."

"Es gibt einige Leute, die das überhaupt nicht gut finden, dass wir uns muslimische-stimmen nennen, 'ihr mit eurem Ansatz, ihr könntet doch was anderes nehme, damit reduziert ihr euch beziehungsweise ihr könntet doch was anderes nehmen, das muslimisch in Anführungszeichen setzen'. Gegenwärtig bin ich trotzdem der Meinung, dass es so, wie es ist, stehen bleiben sollte, weil es geht tatsächlich auch darum, nicht in die Falle zu tappen, zu bedienen, dass wir das Muslimisch-Sein relativieren müssen."

Ein Strategiekonflikt. Letztlich – ein Konflikt der Überzeugungen: soll man in die oft überdrehte Debatte, welche Rolle Muslime in Deutschland spielen, einsteigen oder nicht? Das Internetprojekt hat diese Frage für sich beantwortet. Der Trumpf des Projekts ist dabei ein Ablenkungsmanöver.

"Gerade weil wir uns so nennen, wollen wir halt, dass, wenn Leute auf die Seite gehen, auch bisschen irritiert sind, vielleicht wird ihr Bild ein bisschen verrückt, und sie werden denken: huch, ich wusste gar nicht, dass Muslime auch dieses oder jenes machen, oder dieses oder jenes denken. Dann haben wir schon ein Ziel erreicht. Deswegen denke ich, es ist erstmal ein Blickfang, die Leute gehen rauf, haben ein bestimmtes Bild im Kopf, aber wenn sie dann die ganze Pluralität erkennen, dass es keine religiöse Website ist, sondern es um Menschen geht, wenn sie das erstmal erkennen, und das sie auch weiterbringt, denke ich, ist das auch ein kleiner Erfolg."