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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 11.07.2016

People of ColourFremd im eigenen Land

Von Arlette-Louise Ndakoze

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Der Nationalspieler Jérôme Boateng liegt vor der Verlängerung im Viertelfinale Deutschland gegen Italien bei der Fußball-EM 2016 in Frankreich im Stade de Bordeaux am 2.7.2016 auf dem Rasen.  (picture alliance / dpa / epa / Armando Babani)
Die Hautfarbe macht den Unterschied: Alexander Gaulands Äußerungen über Jérôme Boateng konnten Arlette-Louise Ndakoze leider nicht schockieren. (picture alliance / dpa / epa / Armando Babani)

Die deutsche Gesellschaft sollte sich ihres alltäglichen Rassismus bewusst werden, empfiehlt die Journalistin Arlette-Louise Ndakoze. Zum Beispiel da, wo sie nicht-weiße Deutsche zu Fremden im eigenen Land mache.

Ich weiß noch, wie Anfang der 90er-Jahre die Rede war von "Ausländern, die uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen". 20 Jahre später und es hat sich wenig geändert. Aus den Ausländern ist der gleichsam wohlgemeinte wie enthüllende Begriff "Deutsche mit Migrationshintergrund" geworden, die nun nicht mehr Arbeitsplätze wegnehmen, sondern die "deutsche Kultur".

Wer einen Feind sucht, wird ihn finden. Wer oder was aber ist der Feind? Ist es jener, der mir mein selbstbestätigtes Weltbild wegzunehmen droht? Ist der Feind die Geschichte vom Fall der Sozialdemokratie? Oder ist der Feind konstruiert? Nimmt da ein Gespinst vielerlei Gestalt an, auf das Ängste projiziert werden?

Von der Mitte der Gesellschaft geht erneut Rassismus aus

Diese gar nicht neue Frage scheint mir nach wie vor relevant, da sich Rassismus bemerkbar macht, der nicht unbedingt von Marginalisierten, sondern aus der gut versorgten Mitte der deutschen Gesellschaft heraus vorgetragen wird.

Man ist nicht geübt oder nicht bereit, Neuartiges anzunehmen und streckt die Krallen aus, um das Bekannte zu schützen. Darum wird die Rede von der "Leitkultur" zur Abwehr. Migrant*innen hätten sich nach dem deutschen Wertekonsens und Kulturkanon zu richten. Wird doch unterstellt, ihnen sei das Land fremd bis ins Innerste von Seele und Verstand.

Warum? Und warum wird Integration derart einseitig gedacht? Liegt es nicht seit jeher im Wesen der Kultur, dass sie sich stets neu schöpft und damit am Leben erhält?

Integration bildet das eigene Territorium um

Sie tritt, um es mit dem französischen Philosophen Gilles Deleuze zu sagen, aus ihrem aktuellen Territorium aus, um sich in einem anderen neu zu bilden oder ein neuartiges Territorium zu schaffen. In der Kultur spiegelt sich der Lauf der Zeit und des Lebens.

Der deutschen Integration fehlt das Hinbewegen auf die andere Seite des Territoriums. Es wird hierzulande nicht als selbstverständlich empfunden, dass "people of color" deutscher Herkunft sind, fließend Deutsch sprechen sowie Denker und Dichter aus dem Gedächtnis zitieren können.

"Fremd im eigenen Land" – diese enttäuschende Erfahrung beschäftigte die deutsche Hip-Hop-Gruppe Advanced Chemistry bereits Anfang der 90er-Jahre. Ich hätte gedacht, dass sich Einstellungen allmählich ändern, nicht aber, dass sich Rassismus festsetzt.

Selbst Wohlmeinende loben einen Schwarzen bei der ersten Begegnung, er würde aber gut Deutsch sprechen. Weshalb es mich leider nicht schockiert, wie sich Alexander Gauland über Jérôme Boateng geäußert hat, über einen schwarzen Deutschen, bei dem ein Unterschied gemacht wird.

Es ist an der Zeit für ernsthafte Gespräche mit Migranten

Irritiert hat mich der Aufschrei der Medien, gab er doch preis, dass Rassismus real ist und meist totgeschwiegen wird. Statt eines kurzlebigen Aufschreis ist es an der Zeit für Gespräche. Ernsthafte Gespräche. Nicht über, sondern mit Migranten. Über ihr Empfinden als Deutsche, über Kunst, Politik, Wirtschaft, Philosophie.

Es wären Gespräche über Themen, die alle angehen, welche die Mauer des "Wir hier und ihr dort" überwinden, um den eigenen Kosmos, die eigene Parallelgesellschaft zu verlassen, die Migranten oft nur zwei Rollen zugesteht: die des Delinquenten oder des sozialen Aufsteigers.

Vor 15 Jahren stellte die Gruppe Sniper in ihrem Song "Faits Divers" fest, ein Ausländer werde zum Franzosen, wenn er zwei Tore für dieses Land schieße. Nichtweiße in einer weißen Mehrheitsgesellschaft müssen sich wohl erst beweisen, bis sie anerkannt werden, auch wenn sie von Geburt an Landsleute sind.

Ich hätte nicht gedacht, dass diese Erfahrung selbst für Frankreich immer noch gelten würde. Denn die Franzosen sind sich anders als die Deutschen schon lange ihres sehr lebendigen Rassismus bewusst, der Mitmenschen zu Fremden im eigenen Land macht.

Arlette-Louise Ndakoze, 1983 in Burundi geboren – mit einem ruandesischen Pass, studierte Frankreichwissenschaften in Berlin und Ruanda und arbeitet derzeit als freie Journalistin für Deutschlandradio und den Berliner Radiosender 88,4.  (Clara Morales Benito)Arlette-Louise Ndakoze (Clara Morales Benito)Arlette-Louise Ndakoze, 1983 in Burundi geboren, studierte Frankreichwissenschaften in Berlin und Ruanda und arbeitet derzeit als freie Journalistin für Deutschlandradio und den Berliner Radiosender 88,4.



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