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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.08.2017

Peer Gahmert zu "Facebook AGB - Das Musical"Von der Liebe zu den Nutzungsbedingungen

Moderation: Liane von Billerbeck

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Eine Szene aus "Facebook AGB - das Musical" mit Mateng Pollkläsener, Ludmilla Euler, Lena Neckel und Damiaan Veens. (Rasmus Rienecker)
Eine Szene aus "Facebook AGB - das Musical" mit Mateng Pollkläsener, Ludmilla Euler, Lena Neckel und Damiaan Veens. (Rasmus Rienecker)

Die Dramatik liegt in den Zeilen! - Diese Behauptung hat im Fall vieler Drama-Werke keinen Bestand. Für das Stück "Facebook AGB - Das Musical" aber trifft sie: Nutzungsbedingungen in einem knackigen Überblick und mit Potential zu mehr.

Liane von Billerbeck: Man kann ja aus allem Kunst machen, na sagen wir, aus fast allem. Auf die Idee, dass sich ausgerechnet die AGBs von Facebook– die Allgemeinen Geschäftsbedingungen also, die bekanntlich fast niemand liest, selbst einer, der da ist –, dazu eignen, ein Musical draus zu machen, auf die Idee wären Sie wohl auch nicht gekommen. Da geht's Ihnen wir mir, doch es ist geschehen. Am Abend ist in Bremen Premiere. Peer Gahmert ist Autor und Regisseur des Stücks und jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen!

Peer Gahmert: Guten Morgen!

von Billerbeck: Heute, Donnerstag, ist in Bremen Premiere des Stücks "Facebook AGB – Das Musical". Wie kommt man bitte auf die Idee, so was auf die Bühne zu bringen?

Gahmert: Das ist eigentlich ganz einfach. Erstens bestimmen AGB die Leben vieler Menschen unter uns. Jeder hat ja irgendwie ein Konto bei Facebook, Google, Android, Ebay, Amazon und so weiter, aber niemand hat es jemals gelesen, diese Nutzungsbedingungen. Und ein Musical zu machen – Tim Gerhardts und ich, wir dachten uns, wir wollen auch mal leichte Kost bringen. Normalerweise machen wir ja so Theaterkunst, die keiner besucht und die auch keiner sehen möchte. Ein Musical zu machen, erschien uns da als Möglichkeit, einmal aus dieser Blase herauszukommen und ein bisschen Spaß zu haben auf der Bühne.

von Billerbeck: Sehr lustig – Spaß haben mit den AGBs von Facebook. Das klingt ja erstmal nach sehr trockener Materie. Passiert denn auf der Bühne da überhaupt was?

Gahmert: Es passiert sehr viel, denn dieser Stoff, Nutzungsbedingungen von Facebook inklusive Datenrichtlinie und Cookie-Richtlinie ist noch trockener und noch spröder, als Sie es sich vielleicht vorstellen können. Wir haben gewisse Teile dieser Nutzungsbedingungen in kurze schmissige, sich reimende Songs übersetzt, sodass jeder ihnen folgen kann, sich davon amüsieren lassen kann und trotzdem mitbekommt, was eigentlich in diesen Nutzungsbedingungen drinsteht. Das Ganze eingepackt in eine wunderschöne Liebesgeschichte.

Da liegt Musike drin!

von Billerbeck: Klar, wir sind im Musical, und bei "My Fair Lady" war es ja auch schon so. Aber wieso musste es ein Musical sein? Sie hätten ja auch ein Stück machen können oder eine Collage oder so?

Gahmert: Gerade weil die Nutzungsbedingungen so viele Menschen betrifft, hielten wir es für sinnvoll, es in eine Form zu packen, in ein Genre zu packen, das möglichst weit von diesem juristischen Fließtext entfernt ist. Und Musicals mag irgendwie jeder, jeder lässt sich ja gern amüsieren und unterhalten, und jeder hört gern gute Musik, und jeder mag eine schöne Liebesgeschichte. Da dachten wir, mit diesem Mittel kriegen wir doch möglichst viele Menschen dazu, sich zumindest für einen kurzen Abend für die Nutzungsbedingungen von Facebook zu interessieren.

von Billerbeck: Eine schöne Liebesgeschichte und die Nutzungsbedingungen von Facebook. Erklären Sie uns, ohne vielleicht zu viel zu verraten, wie kriegen Sie das zusammen?

Gahmert: Wir erzählen die Geschichte der Entstehung der Nutzungsbedingungen. Es gibt eine junge Autorin, die ein Werk verfasst hat, ausschweifend und komplizierter, wie es kaum sein könnte, das nennt sie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook inklusive Datenrichtlinie und Cookie-Richtlinie. Zu ihrer größten Überraschung allerdings findet sie keinen Verleger, der dieses Werk auf den Markt bringen möchte. Also stürzt sie gesellschaftlich ein wenig ab, driftet ab in Alkohol, Drogen, Prostitution. Hat jede Hoffnung aufgegeben, jemals aus diesem Teufelskreis wieder herauszukommen.

von Billerbeck: Entschuldigung, ich muss jetzt mal lachen.

Gahmert: Ich versuche, ernst zu bleiben. Parallel dazu gibt es einen jungen Informatiker, der ein neues innovatives soziales Netzwerk geschaffen hat. Alles, was ihm dazu noch fehlt , ist ein griffiger Name und ein ausschweifendes höchst kompliziertes, erklärendes, textliches Beiwerk, eine Art Bedienungsanleitung. Ob die beiden jetzt zusammenfinden, das ist die große Frage dieses Musicals.

Ein knackiger siebzigminütiger Überblick

von Billerbeck: Das ist jetzt die große Frage. Nun frage ich mich natürlich, wie viel Texte beziehungsweise wie viel Prozent AGB kriegt man denn da nun wirklich zu hören? Oder kommt es dann gar nicht zur Verlesung oder zur Veröffentlichung dieser Textstellen?

Gahmert: Doch. Die Lieder handeln ausnahmslos von diesen Nutzungsbedingungen. Wir hangeln uns an einer gewissen Dramaturgie entlang, die dankenswerterweise Facebook mit seinen Nutzungsbedingungen uns vorgegeben hat. Man bekommt schon sehr viel mit. Wir bieten einen knackigen siebzigminütigen Überblick über das, was man damals zugestimmt hat. Und ich möchte mal behaupten, dass man trotz der Unterhaltung, die man da sieht und hört, sehr viel mitbekommt, was Facebook dort in diesen Nutzungsbedingungen damals reingeschrieben hat. Und verwenden auch Original-???

von Billerbeck: Da bin ich ja erleichtert. Peer Gahmert, einer der Autoren von "Facebook AGB – Das Musical". Sind Sie eigentlich noch bei Facebook?

Gahmert: Ich hab immer noch mein Konto dort, ja, das stimmt. Aber ich nutze es nach wie vor sehr passiv.

von Billerbeck: Heute Abend ist Premiere. Wenn Sie also in Bremen oder Umgebung sind, heute Abend können Sie sich das Musical angucken. Alles Gute, Herr Gahmert, für das Stück!

Gahmert: Danke schön!

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