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Tonart | Beitrag vom 09.12.2015

PeachesEin Gesamtkunstwerk auf Tour

Von Marcel Anders

Peaches bei einem Auftritt in der Manufaktur in Schorndorf 2009. (picture-alliance/ dpa - Marijan Murat)
Peaches bei einem Auftritt in der Manufaktur in Schorndorf 2009. (picture-alliance/ dpa - Marijan Murat)

Peaches hat sich in den vergangenen sechs Jahren als Schauspielerin, DJane, Performance-Künstlerin und Opernsängerin versucht. Jetzt kehrt sie als Musikerin zurück auf die Bühne mit dem neuen Album "Rub" im Gepäck, mit der gewohnten Bissigkeit und Schärfe.

"Egal, wie aufregend das ist, was du tust - irgendwann wird es zur Routine. Bei mir war es so, dass ich ein Album gemacht habe und dann zwei Jahre damit getourt bin. Immer und immer wieder. Da kommt man zwangsläufig an den Punkt, an dem man eine Pause einlegen oder etwas anderes probieren muss. Ich bin ja an vielen Dingen neben der Musik interessiert - wie zeitgemäßer Kunst oder Performance-Art. Und die Chance zu erhalten, mich an all den Sachen zu versuchen, war toll. Auf diese Weise habe ich sie aus meinem System bekommen - ich konnte zu Peaches zurückrückkehren und ein Album im klassischen, minimalistischen Stil machen, das trotzdem frisch klingt."

Aktuelles Album "Rub" - zwischen Industrial und Techno

Eine Einschätzung, die den Nagel auf den Kopf trifft: "Rub" ist ein harsches Album zwischen Industrial und Techno, das weder besonders eingängig noch abwechslungsreich sein will, sondern einfach unmittelbar und direkt. Mit Gästen wie Feist und Kim Gordon von Sonic Youth, einer absoluten Low-Budget-Produktion und starken Botschaften, die stets im Mittelpunkt stehen. Wie ihre Ablehnung gegenüber plastischer Chirurgie, ihre Wut über die Diskriminierung von älteren Kolleginnen in der Unterhaltungsindustrie oder ihre Unzufriedenheit mit der Frauen-Quote in der elektronischen Musik.

"Im Grunde wird jedes musikalische Genre von Männern beherrscht. Aber besonders die DJ-Kultur, wo die Rate bei 80, 85 Prozent liegt, was geradezu lächerlich ist. Zumal die Typen unfassbar viel Geld verdienen. Aber: Ich sehe auch immer mehr weibliche Produzentinnen und DJs. Ich hoffe, sie finden Beachtung."

Obwohl sie gerne provoziert, mit vermeintlichen Tabus bricht und sich betont tough gibt - Peaches hat auch humorvolle Momente. Etwa, wenn sie mit gewagten Kostümen experimentiert oder in ihren Texten mit skurrilen Wortkreationen aufwartet. Einige davon haben sogar ihren Weg in die Popkultur gefunden.

"Es geht darum, Spaß mit der Musik zu haben, dazu zu tanzen und mit den Worten zu spielen. Ich kreiere zum Beispiel gerne Formulierungen wie 'diddle my skittle', die es ins urbane Wörterbuch geschafft hat. Da ist der Begriff 'skittle' jetzt als Alternative für Klitoris gelistet. Und selbst Iggy Azalea hat ihn benutzt - genau wie Beyoncé für den Song 'Blow' von ihrem letzten Album." 

Peaches prägt inzwischen selbst eine Generation von Sängerinnen

Als Musikerin wurde Peaches von Künstlern wie Suicide, Prince oder Iggy Pop beeinflusst - und prägt inzwischen selbst ganze Generationen von Sängerinnen. Denn die ehemalige Musiklehrerin zeigt, wie man in dieser vom Jugendwahn besessenen Branche älter wird, ohne an Bissigkeit und Schärfe zu verlieren. Deshalb ist sie Vorbild und Berater von zahlreichen Popstars, die alle ein bisschen wie sie sein möchten.

"Sie kommen zu mir, weil sie in meiner Musik eine Möglichkeit erblicken, sich und ihre Sexualität auszudrücken. So habe ich Christina Aguilera bei 'Dirty' geholfen und Pink bei 'Oh My God'. Avril Lavigne dagegen hat 'I´m The Kinda' einfach kopiert, weil es ihr Lieblingssong ist. Und selbst Britney Spears hat eine Zeit lang darüber geredet, dass sie etwas in meiner Art aufnehmen möchte. Lustigerweise ist ihre Musik zwar aufreizender und elektronischer geworden, aber gleichzeitig ist sie in Las Vegas gelandet. Nur: Es ist interessant, dass all diese Mädchen irgendwann - wenn sie erwachsen geworden sind - meine Musik als Vorlage für ihre eigene verwenden."


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