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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 24.09.2015

Pazifikinsel Vanuatu Leben nach dem Monster-Zyklon

Von Udo Schmidt

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Eine Frau geht vor einer aufbrausenden Welle am Strand entlang. Palmen biegen sich im Sturm. Am Strand liegen Trümmer.  (dpa / picture alliance / Graham Crumb / Unicef Pacific)
Eine Trümmerlandschaft hat der Zyklon "Pam" aus dem Paradies Vanuatu gemacht. (dpa / picture alliance / Graham Crumb / Unicef Pacific)

Vor wenigen Monaten hinterließ Monster-Zyklon "Pam" eine Schneise der Verwüstung in der Südseerepublik Vanuatu. Die Einwohner sprechen von den Vorboten des Klimawandels - und wappnen sich vor den nächsten Katastrophen.

Sonntagmittag in dem kleinen Dorf Tanoliu an der Westküste von Efati, der Hauptinsel der Südsee-Republik Vanuatu. Hähne krähen etwas verspätet, Hunde schnüffeln, die Sonne schaut kurz hinter Wolken hervor. Die Stimmung ist sehr entspannt – vanuatisch, könnte man sagen. Noris Hamis sitzt mit seiner Frau vor seinem schlichten, aber stabilen Haus. Vanuatu ist ein Paradies, sagt der 64-Jährige:

"Vor allem sind wir sehr freundlich, wir lächeln immer und winken, das ist schon einzigartig, wir sind ein friedliches Land, wir haben keine Probleme, keinen Bürgerkrieg, diese Art des Lebens mögen wir."

Im März wurde dieses Paradies allerdings ziemlich durcheinandergewirbelt. Der Monster Zyklon Pam raste mit bis zu 300 Stundenkilometern über Vanuatu hinweg, tötete 20 Menschen und zerstörte zahlreiche Ortschaften, auch in Tanoliu waren viele Häuser zumindest beschädigt, vor allem waren Dächer abgedeckt. Noris, bis zu seinem Ruhestand Hafenkapitän auf Efate und jetzt Sekretär des Dorf-Komitees, das relativ unabhängig über die Belange der rund 800 Einwohner entscheiden kann, Noris hatte die Fenster seines Hauses verrammelt und das Dach zusätzlich gesichert und: Es hat geholfen.

"Einige haben ihre Häuser verstärkt. Sie haben beispielsweise mit mehr Nägeln und mehr Seilen das Dach befestigt."

Vanuatu ist den Umgang mit heftigen Tropenstürmen gewohnt. Jedes Jahr peitschen mehrere Wirbelstürme über die Inseln, aber diesmal war es anders. Ja, sagt Noris, an Pam war der Klimawandel schuld:

"Der letzte starke Zyklon, beinahe Kategorie fünf, war 1987, das ist jetzt der zweite, zumindest von dem ich weiß. Es gab viel früher sicher auch solche Stürme, aber die Abstände waren größer, jetzt werden sie kleiner, das ist wahrscheinlich eine Folge des Klimawandels."

Andrew Kalo, der mit seinem Sohn die Küstenstraße von Tanoliu entlang spaziert, hat keine Arbeit mehr, seit der Zyklon Pam Vanuatu verwüstete. Andrew ist unglücklich:

"So einen Zyklon habe ich noch nie erlebt. Das Leben ist jetzt sehr schwer für meine Familie, meine Frau und meine beiden Söhne."

Andrew verdient zur Zeit kein Geld – und kann somit nicht für ein besseres Zuhause sorgen.

"Ich muss jetzt einfach sehen, dass ich meine Familie rette, damit wir uns beim nächsten Mal verstecken können an irgendeinem sicheren Platz."

Dass eine neue Katastrophe bevorsteht, da hat Andrew keinen Zweifel. Zuviel sei in letzter Zeit passiert – auch Andrew sieht darin eine Folge des Klimawandels:

"In diesem Jahr hatten wir viele Katastrophen: den steigenden Meeresspiegel, die Stürme, Erdbeben, so etwas habe ich bisher noch nie in meinem Leben erlebt."

Philemon Papua ist der Dorfvorsteher, auf der Veranda seines Hauses befindet sich der Versammlungsort von Tanoliu, auch so etwas wie eine Kneipe, zumindest steht in einer Ecke der Veranda ein etwas eingestaubter Billardtisch. Man brauche jetzt Zeit, um sich vom Wirbelsturm Pam zu erholen, sagt Philemon:

"Wir leben auf unserem Land, wenn wir arbeiten, dann können wir auch Gemüse ernten. Etwas anderes sind die Häuser. Um sie aufzubauen, benötigen wir Geld. Und um das zu bekommen, brauchen wir Zeit."

Hilfe kommt vor allem durch privates Engagement

Von der Regierung erwartet Philemon Papua, der Dorfvorsteher nicht viel – privates Engagement sei wichtiger, etwa derer, die zumindest für eine Zeitlang ihr Geld in Australien oder Neuseeland verdienen:

"Einige unserer Leute arbeiten dort, und sie schicken Geld von Australien oder Neuseeland an ihre Familien, damit die ihre Häuser wieder auf-bauen und zur Normalität zurückkehren können."

Auch Philemon betont – trotz aller Katastrophen – das Besondere, das Schöne an und auf Vanuatu:

"Vanuatu ist ein friedliches Land, die Menschen hier sind freundlich, wir sind nicht sehr von Geld abhängig, wir sind hier glücklich. Auch wenn wir gera-de Probleme haben, sind wir glücklich."

Wenn man etwas über die Seele Vanuatus erfahren möchte, darüber, was die 260.000 Bewohner der vielen Inseln Vanuatus zusammenhält, dann muss man genau hinhören, wenn sie über ihr tägliches Leben berichten wie etwa Noris Hamis:

"Die Hälfte hier im Dorf arbeitet in der Hauptstadt Port Vila, in Hotels etwa in der Restaurants, die andere Hälfte hat keine Arbeit, dafür aber einen Garten, das ist dann mehr das traditionelle Leben. Wer arbeitslos ist, hat Zeit für den Garten."

Die Alten werden respektiert, sagt Noris, das Leben sei einfach, aber schön, und nur ganz wenige würden lieber weggehen aus Tanoliu oder von ganz Vanuatu:

"Die Gemeinschaften hier verändern sich kaum, nur wenige gehen zum Arbeiten hach Neuseeland oder Australien, viele wollen nicht einmal in die Hauptstadt Port Vila."

Menschen stehen in einem zerstörten Haus in Vanuatu. (picture alliance/dpa/Dave Hunt)Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Vanuatus ist nach UNO-Angaben von den Auswirkungen des Wirbelsturms "Pam" betroffen (picture alliance/dpa/Dave Hunt)

White Silas ist Farmer auf Santo, einer Insel gut eine Flugstunde von Efate entfernt. White baut Taro und Yams an. Taro, die Wasserbrotwurzel, ist eine gerade buch-stäblich wiederentdeckte Knolle, die sich zu einer leckeren und nahrhaften Paste verarbeiten lässt und selbst schlimmste Stürme übersteht. Vanuatu war früher einmal Taro-Hochburg, White Silas will mit seinem Anbau dafür sorgen, dass das wieder so wird. Er lebt einfach, in einer schlichten Hütte, hat sich gerade ein neues Feld angelegt, und es lohnt sich auch ihm zuzuhören:

"Vanuatu ist ein friedliches Land. Die Menschen lächeln, reden viel, ich kann Vanuatu wirklich als paradiesischen Ort beschreiben."

Die kleine, von maximal 1000 Menschen bewohnte Insel Nguna liegt in Sichtweite von Tanoliu. Christopher Bartlett leitet hier seit Jahren ein Projekt der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit:

"Der Kategorie-fünf-Zyklon war völlig überraschend, die Menschen hatten vergessen, wie schlimm so etwas werden kann. Klar ist jetzt, das Wichtigste ist der Zugang zu Nahrungsmitteln. Die Gärten sind zerstört, viele Feld-früchte brauchen lange, bis sie reif sind, sogar Yams, Maniok, Taro - Wurzeln und Knollen, die tief im Boden wachsen, wurden von dem Sturm herausgerissen und sind dann vergammelt."

Marcel stapft einen schmalen Pfad durch den Dschungel, hinauf auf den Berg der Insel, auf dem das abgelegene Dörfchen Malalio liegt. Marcel ist so etwas wie der Vorzeige-Farmer auf Nguna. Er kennt sich aus mit alten Knollen wie etwa dem Taro, das auf Vanuatu fast in Vergessenheit geraten ist und als buchstäblich sturmerprobt gilt:

"Der Klimawandel hat hier alles verändert. Wir waren gerade dabei, nach dem Sturm aufzuräumen, da hörten wir, dass nun durch das El Nino-Phänomen eine Dürreperiode droht. Also haben wir viele Blätter und Zweige liegen gelassen, um den Boden abzudecken und ihn feucht zu halten und zu düngen."

Die Insel, ebenso wie die Böden müssen sich vom Zyklon Pam erholen und gleich-zeitig auf das drohende El Nino-Phänomen  vorbereitet werden, das ist derzeit der Plan auf Nguna. El Nino wird in diesem Herbst kommen und eine Dürre mit sich bringen, die es seit Jahren nicht mehr gegeben hat. El Nino – das erwarten Meteorologen – wird in den kommenden Monaten so schlimm wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die Böden werden vertrocknen. Darauf also muss sich nun auch Vanuatu vorbereiten. Es fehlt allerdings an vielem, sagt Marcel.

"Unsere Sorge ist, dass die Hilfslieferungen inzwischen aufgebraucht sind, Taro und Maniok noch lange brauchen, bis wir es ernten können, und die Bananen ganz offenbar krank sind."

Marcel, der mit seinem langen grauen Bart und dem breiten Grinsen in jedem Guerillafilm eine tragende Rolle übernehmen könnte, zeigt Bananenstauden mit gelben Blättern. Eine Krankheit, die die Bananen dahinrafft und die hier keiner kennt.

"Das ist es erst nach dem Zyklon entstanden. Neue Sprösslinge kommen aus dem Boden und nach wenigen Wochen ist alles gelb. Das haben wir noch nie erlebt. Die Bananen wachsen nicht und wir können auch die Blätter nicht mehr gebrauchen, in die wir sonst Gemüsepaste einwickeln."

Alle fragen nun ihn, den Vorzeigebauern, was zu tun sei. Aber diesmal hat auch Marcel keine Antwort.

Oben auf dem Berg, in Malalio, ackern die rund 80 Bewohner währenddessen in einem Gemeinschaftsgarten, den sie hier nach dem Sturm angelegt haben, auch dabei hat die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit geholfen. Abel organisiert die Feldarbeit:

"Das ist unser Gemeinschaftsgarten, hier arbeiten wir alle an festen Tagen, immer dienstags und donnerstags. Jetzt haben wir noch einen zusätzlichen Tag angeordnet, aber dann sind wir auch erst mal mit allem fertig."

Der Gemeinschaftsgarten ist in der Not ertragreicher

Der Zyklon, der Vanuatu verwüstete, hat alte Kräfte freigesetzt. Die Bewohner gerade der kleinen abgelegenen Inseln besinnen sich auf Traditionen: Früher war der Gemeinschaftsgarten die Regel, heutzutage hat jeder seinen eigenen, kleinen Garten hinter dem Haus – der Gemeinschaftsgarten aber ist in der Not ertragreicher. Und die alten Früchte und Knollen – Taro, Yams sowie der spezielle Kohl der Inseln - das all-es ist nahrhafter und günstiger als Reis, der teuer importiert werden muss. Einer, der sich auf den Inseln Vanuatus für die Verbreitung von Taro stark macht, ist Roger Malawa. Er betreibt auf Santo einen Zuchtgarten der Landwirtschaftsbehörde. Dr. Roger, wie ihn alle nennen, hat in Frankreich studiert und ist dann nach Vanuatu zurückgekommen. Darauf sind hier alle stolz.

"Taro ist eine unserer Feldfrüchte, Taro und Yam sind die Nahrungsmittel, die kulturell wirklich wichtig sind. Taro ist gut für die Regenzeit, Yams für die Trockenzeit."

Die Neuzucht von Taro, von noch wetterbeständigerem Taro ist auch eine Art Wiederentdeckung, sagt Roger:

"Taro war nicht wirklich verschwunden, vielleicht eher verdrängt, von Reis etwa, den alle hier essen, verdrängt auch von Fastfood."

Taro ist nahrhaft, leicht zu verarbeiten, ziemlich widerstandsfähig, und gilt als wohl älteste kultivierte Nutzpflanze, weiß Vincent Lebot, der in Vanuatus Hauptstadt Port Vila das französische Agraruntersuchungsinstitut CIRAD leitet:

"Wir gehen davon, dass es die älteste Feldfrucht überhaupt  ist. Offenbar wurde Taro vor etwa 12.000 Jahren kultiviert, noch vor dem Weizen etwa."

Und Taro ist zäh. Nach der Ernte kann es gut gelagert werden, die Saat ist ewig halt-bar:

"Es ist lagerfähig, man kann es in die Tasche packen und transportieren, es verdirbt nicht. Daher ist es so weit verbreitet, daher wurde es früher mit Kanus von einer Insel zur anderen gebracht."

Siedler kamen vor rund 3000 Jahren mit der Taro-Saat nach Vanuatu,  sie hatten die Pflanze wohl auf Papua-Neuguinea entdeckt. Aber Vanuatu wurde der Mittelpunkt der Taro-Kultur:

"Grundsätzlich ist hier im Südpazifik eine ganze Zivilisation entstanden, die auf Taro aufbaut. Das ist wirklich einzigartig auf der ganzen Welt."

Sonntagmorgen in der Presbyterianer-Kirche in Port Vila, der Hauptstadt Vanuatus. Das Gotteshaus, ein einfacher Bau mit spitzem Dach ist gut gefüllt, vor allem Frauen in bunten Sonntags-Kleidern sitzen auf den Holzbänken, eine Laienpredigerin spricht über das Gute, das man im Schlechten entdecken müsse. Es geht um Pam, den Zyklon, der die Gemeinde, vor einigen Monaten heimgesucht hat. Spenden und Spender werden genannt, manche sind anwesend, Gäste aus Fiji sind gekommen, zu erkennen an ihren grauen Wickelröcken. Donald Seymon steht draußen vor der Kirche und begrüßt die Ankommenden:

"Heute ist ein besonderer Tag für unsere Kirche. Es kommen alle Mitglieder von allen Inseln Vanuatus, um Spenden abzuliefern, die unsere Kirche dann an die Opfer des Zyklons weiterleitet."

Pam war eine Katastrophe für Vanuatu, die schlimmste, die das kleine Südsee-Insel-reich jemals erlebt hat, sagt Donald Seymon:

"Wir nennen so einen Zyklon Monster. Morgens dachte man, Oh, was kommt da, und dann wenige Stunden später war alles kaputt, vor allem im Süden, auf Tanna. Der Wiederaufbau geht nur langsam voran."

Wie viele auf Vanuatu ist Donald tiefgläubig. Der Inselstaat, vor allem die Hauptinsel Efate, ist eine Hochburg der Presbyterianer. Donald sieht den Monster-Zyklon daher vor allem als Gott-gegebenes Schicksal:

"Manche Christen meinen, Gott hat ihn uns geschickt, um den Glauben zu festigen. Die Alten sagen, Zyklone sind gut, sie düngen den Boden."

Baldwin Lonsdale ist der Präsident von Vanuatu. Er vermutet keine höheren Mächte hinter dem rasenden Zyklon Pam, er sieht ein von Menschen gemachtes Problem, den Klimawandel.

"Klimawandel ist ein wichtiger Grund, die Wetterlagen haben sich verändert, der Meeresspiegel steigt, es gibt immer mehr Regen, gerade in diesem Jahr. Der Klimawandel betrifft Vanuatu besonders."

Baldwin Lonsdale sitzt in einem dunkelblauen dreiteiligen Anzug in einem bescheiden wirkenden Büro seines Amtssitzes. Früher war es das Wohnhaus des Chefarztes der weiter oben am Hügel gelegenen Klinik, damals, während der britisch-französischen Kolonialzeit, als die Inselgruppe Neue Hebriden genannt wurde.

"Ich möchte der westlichen Welt mitteilen, dass wir eng zusammen arbeiten sollten, wenn es um den Klimawandel geht. Hier sind viele kleine Inseln betroffen, wir müssen unsere Bedürfnisse deutlich machen. Ich wäre sehr dankbar, wenn die großen Staaten auf unsere Situation hier im Südpazifik schauen und Maßnahmen ergreifen würden."

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