Paul Weller: "Fat Pop (Volume 1)"

    Melodien in fetten Großbuchstaben

    06:10 Minuten
    Paul Weller mit Sonnenbrille und langen, grauen Haaren.
    Paul Weller steht seit fast 50 Jahren auf der Bühne. 22 seiner Alben landeten in den britischen Top 10. © picture alliance / Captital Pictures / Martin Harris
    Von Christine Franz · 14.05.2021
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    Paul Weller sagt, er sei im letzten Jahr zum ersten Mal arbeitslos gewesen. Doch er spielte Homesessions, schrieb Songs und legt jetzt ein neues Album vor. Ein typisches Weller-Album mit Musik im Selbstreflexionsmodus, findet unsere Kritikerin.
    Paul Weller ist wohl sowas wie der "Hardest Working Man" im englischen Musikbetrieb. Seit 49 Jahren arbeitet er praktisch durch. So war es auch für das letzte Jahr geplant. Die Tour zum letzten Album "On Sunset" war längst gebucht, das karriereumspannende Greatest-Hits-Set ausgearbeitet. Dann kam der Corona-Lockdown und für den Modfather zum ersten Mal eine Zwangspause. Mit 62 Jahren.

    Das erst mal arbeitslos

    Das letzte Jahr sei komisch gewesen, sagt Weller. "Das war die längste Zeit in meiner Karriere, in der ich nicht gearbeitet habe. Klar, ich habe mir zwischen zwei Alben immer mal eine Auszeit genommen, aber nie so lange. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos."
    Eigentlich habe er im letzten Jahr auf Tour gehen wollen. "Ich hätte also normalerweise gar keine Zeit gehabt, neue Songs zu schreiben. Aber ich habe versucht, die Zeit irgendwie zu nutzen und etwas Positives draus zu machen. Ich war also fest entschlossen, eine neue Platte zu machen", sagt er.
    Die Songs für "Fat Pop", sein 16. Soloalbum, schrieb Paul Weller zu Hause, zwischen dem Homeschooling seiner drei jüngsten Kinder. Ganz spurlos ging der Lockdown Blues allerdings auch an Weller nicht vorbei. Der Song "Failed" handelt zum Beispiel von Selbstzweifeln in schwierigen Zeiten.

    Das Gefühl, komplett zu scheitern

    "Ich wollte darüber schreiben, wie es mir zu dieser Zeit ging", erklärt Weller. "Ich hatte Riesenstreit mit meiner Frau und habe mich gefühlt, als sei ich komplett gescheitert – als Vater und als Partner. Ich glaube, das spricht gerade vielen aus der Seele."
    Paul Weller sitzt mit einer Gitarre auf einem Sofa. Im Hintergrund ist eine Terrassentür zu sehen.
    Paul Weller spielt auf Instagram einige Songs von zu Hause aus für seine Fans.© picture alliance / Photoshot
    Paul Weller im Familien- und Selbstreflexionsmodus. Das mag am Lockdown liegen oder am Alter, so genau weiß er das selbst nicht. Den Blick nach draußen bringt er auf diesem Album dagegen kaum übers Herz.

    Politischer Kommentar

    Er habe die Schnauze voll von Politik, sagt er, deshalb werden wir Journalisten vor unseren Interviews höflich gebeten, auf Fragen zur englischen Politik zu verzichten. Einen politischen Kommentar gibt es dann aber doch auf dem Album: Der Song "The Pleasure" entstand nach dem Tod von George Floyd, während der Black Lives Matter Proteste.
    "Es war schwer, das Thema in einen Song zu verpacken. Man muss wirklich aufpassen und die richtigen Worte finden. Man darf niemanden verletzen. Aber egal, welche Hautfarbe man hat oder wo auch immer man herkommt, man darf Menschen nicht so behandeln. Und das geht uns alle etwas an. Daran müssen wir alle gemeinsam arbeiten."
    Ein ausgetüfteltes musikalisches Konzept für das Album gab es nicht, erklärt Weller. Songs, an denen zu lange gefeilt wurde, landeten schnell im digitalen Papierkorb.

    Britischer Pop alter Schule

    Er wollte das Album nicht "totdenken", sagt er. Stattdessen sollte "Fat Pop" das werden was drauf steht: Ein Album, das aus lauter potenziellen Pop-Singles besteht. Also Songs, die für sich stehen können und keinen Album-Kontext brauchen. Das ist ihm gelungen – wenn man unter "Pop" britischen Pop alter Schule versteht.
    Eines der musikalisch vielschichtigsten Stücke auf dem Album ist der Song "Shades of Blue". Passend zum Familienmodus ist dies der erste Song, den Paul Weller mit seiner ältesten Tochter geschrieben hat. Ein Song, der auch stellvertretend für das große Thema des Albums steht.
    "Es geht um all die Dinge, von denen wir immer denken, dass sie wichtig im Leben sind. All die Dinge, denen wir nachjagen, nur um dann festzustellen, dass wir sie gar nicht brauchen. Stattdessen übersehen wir oft, was direkt vor unserer Nase ist und was uns wirklich glücklich macht", so Weller.

    Eine verlässliche Konstante

    "Fat Pop" ist ein Soul-Pop-Album mit leichtem Hang zum Pathos und Melodien in fetten Großbuchstaben – ein klassischer Weller eben. Schön, dass es in diesen merkwürdigen Zeiten ein paar musikalische Konstanten gibt, auf die man sich verlassen kann. Paul Weller ist eine davon.
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