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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.03.2017

Patiententötungen im Krankenhaus"Es sind keine Einzelfälle"

Karl H. Beine im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Ein Patient wird künstlich beatmet.  (picture-alliance/ dpa / Oliver Berg)
Ein Patient wird künstlich beatmet. (picture-alliance/ dpa / Oliver Berg)

Nils H., der 200 Patienten getötet haben soll: Es war der bisher spektakulärste Fall von Tötungsserien in Krankenhäusern. Wie oft Helfende zu Tätern werden, hat der Psychiater Karl H. Beine in einer Studie untersucht. Mit erstaunlichem Ergebnis.

"Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden eines Patienten beendet?" Diese zentrale Frage stellte Karl H. Beine rund 5.000 Ärzten und Pflegern. Das Ergebnis, bezogen auf die Gesamtheit der Berufsgruppe: 14.000. Diese Zahl sei jedoch "interpretationsfähig und auch interpretationsbedürftig", räumt der Arzt ein. Es sei "keinesfalls ein Beleg oder Indiz dafür, dass wir hier über 14.000 Tötungsdelikte im Sinne von Mord oder Totschlag in Krankenhäusern reden". Aber: "Es wird eben neben anderem auch eine Anzahl von Delikten dabei sein, die ausdrücklich das Leben aktiv beenden von Menschen, die nicht darum gebeten haben."

Zu der Befragung habe ihn die stets "reflexartige" Aussage bewogen, dass es sich um Einzelfälle gehandelt habe, so bei Beine, Chefarzt am St. Marien-Hospital in Hamm. Die Pilotstudie sei ein Indiz dafür, dass "diese Einzelfälle mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Einzelfälle" seien. Bei den Tätern hat Beine ein Merkmal gefunden, das alle miteinander verbindet: Selbstunsicherheit.

"Man kann davon ausgehen, dass sie den helfenden Beruf ergriffen haben nicht zuletzt deshalb, um das eigene empfundene Selbstwertdefizit zu stabilisieren - und das funktioniert natürlich nicht, weil der Berufsalltag in pflegerischen oder medizinischen Berufen rau ist, mit hohen Belastungen verbunden ist und von uns eine hohe Frustrationstoleranz gefordert ist."

Aus der Analyse der gerichtsbekannt gewordenen Tötungsserien gebe es zudem "erhebliche Belege" dafür, dass es überall an den Tatorten an Zeit gemangelt habe: "an Zeit für Patienten, an Zeit für Achtsamkeit und an Zeit für kollegialen Austausch", so Beine. Er hat zu dem Thema auch ein Buch verfasst, das am 3. April erscheint.


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Es war ein dramatischer Fall, der damals Schlagzeilen machte: Ein Pfleger, der im Krankenhaus zum Todespfleger wurde. Nils H. stand damals im Verdacht, 200 Patienten getötet zu haben. Das war im vorigen Juni, 2016 also, und schon damals habe ich über diesen Fall mit dem Psychiater Karl H. Beine gesprochen. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, zusammen mit der Journalistin Jeanne Turczynski, und das heißt "Tatort Krankenhaus. Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert". Und darin die These, wir haben ein krankes System für Kranke, das Gewalt, Tötungen fördert an Orten, die eigentlich der Ruhe und der Heilung dienen sollen. Diese Diagnose ist ja harter Tobak. Das Buch erscheint am 3. April.

Heute gibt es eine Pressekonferenz in Berlin mit dem Politiker Karl Lauterbach, und dabei ist natürlich einer der Autoren, der Psychiater Professor Beine. Schönen guten Tag!

Karl H. Beine: Guten Tag, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Sie sind ja seit Jahrzehnten Mediziner, Psychiater in leitender Stellung in Hamm, im St.-Marien-Hospital, und zudem Professor für Psychiatrie und Psychotherapie in Witten-Herdecke – kennen Sie solche Todespfleger aus eigener Anschauung?

"Ich kenne solche Todespfleger"

Beine: Ja, ich kenne solche Todespfleger aus eigener Anschauung. Der ursprüngliche Startschuss für diese Forschung war eine sehr persönliche Erfahrung. Ich kannte einen Krankenpfleger, der Patienten getötet hatte, die ich kannte. Und ich habe das damals für unfasslich gehalten und für unerklärlich, und damals habe ich den Entschluss gefasst, diese Tötungsneigung, diese Tötungsbereitschaft zu beforschen, und das ist mir bis heute geblieben, seit jetzt mehr als 25 Jahren.

von Billerbeck: Nun ist das ja immer so eine Sache, wenn man persönlich betroffen ist und einen Einzelfall kennt, zudem einen Menschen, der Patienten getötet hat, die man selber kannte. Lässt sich denn dieser Einzelfall verallgemeinern und hochrechnen, um es mal so auszudrücken?

Beine: Dieser Einzelfall lässt sich in Grenzen verallgemeinern und auf keinen Fall hochrechnen. Es gibt bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die alle Täterinnen und Täter eint, und es gibt erhebliche Unterschiede. Wenn ich ein Merkmal, das sehr auffällig ist bei allen, benenne, dann ist das die Selbstunsicherheit, die die Täterinnen und Täter auszeichnet. Man kann davon ausgehen, dass sie den helfenden Beruf ergriffen haben nicht zuletzt deshalb, um das eigene empfundene Selbstwertdefizit zu stabilisieren. Und das funktioniert natürlich nicht, weil der Berufsalltag in pflegerischen oder medizinischen Berufen rau ist, mit hohen Belastungen verbunden ist und von uns eine hohe Frustrationstoleranz gefordert ist.

von Billerbeck: Das kennt jeder, das weiß jeder, der Mediziner, Pflegekräfte kennt. Nun sprechen Sie in Ihrem Buch davon, dass es 14.000 Tötungen im Jahr gibt im Krankenhaus. Das sind doppelt so viele wie bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen. Wie sind Sie denn vorgegangen? Es ist ja eine dramatische Zahl, die Sie da nennen. Wie sind Sie vorgegangen, wie valide sind die Erhebungen, dass man sagen kann, das ist eine seriöse Studie?

Beine: Es ist so, dass in dieser Studie etwa 5.000 Ärzte, Krankenpfleger, Krankenschwestern und Altenpfleger befragt worden sind mittels eines Fragebogens. Der Fragebogen hatte den Kontext "Lebensbeendigung", und eine der entscheidenden Fragen war "Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden eines Patienten beendet?" Wenn man diese Zahl zugrunde legt, die bei der Befragung herausgekommen ist und diese Zahl bezieht auf die Gesamtheit der Berufsgruppe Krankenpfleger, Ärzte und Altenpfleger, die in Krankenhäusern arbeiten, dann kommt man auf diese Zahl.

These von Einzelfällen nicht haltbar

Diese Studie ist eine Befragung. Diese Studie ist eine Pilotstudie, diese Studie ist ein erster Aufschlag, dass außerordentlich heikle Thema Patiententötungen, Krankentötungen empirisch näherungsweise zu erfassen. Und man kann überhaupt nicht davon ausgehen, dass jetzt 21.000 Morde und Totschlagsdelikte passieren in deutschen Krankenhäusern. Aber es wird eben neben anderen auch eine Anzahl von Delikten dabei sein, die ausdrücklich das Leben aktiv beenden von Menschen, die nicht darum gebeten haben. Und das, was mich bewogen hat, diese Art von Befragung durchzuführen, ist, dass immer reflexartig vorgetragen wird, wenn solche Tötungsserien bekannt werden, zuletzt in Delmenhorst beziehungsweise in Oldenburg, dass es sich um Einzelfälle handelt. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen glaube ich, dass diese These von den Einzelfällen nicht so recht haltbar ist. Das ist eigentlich das Wesen dieser Befragung.

von Billerbeck: Sie haben ja diese eine Frage erwähnt, die Sie gestellt haben an medizinisches Personal, ob man schon mal jemanden vom Leiden erlöst hat. Ist das nicht sehr interpretationsfähig, so eine Frage?

Beine: Ja, diese Studie ist sicherlich interpretationsfähig und auch interpretationsbedürftig. Aber sie ist eben neben vielem anderen auch ein Indiz dafür, dass diese Einzelfälle mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Einzelfälle sind. Aber noch mal: Sie sind keinesfalls ein Beleg oder Indiz dafür, dass wir hier über 14.000 Tötungsdelikte im Sinne von Mord oder Totschlag in Krankenhäusern reden.

von Billerbeck: Herr Professor Beine, so ein bisschen habe ich den Eindruck, dass Sie diese dramatischen Todesfälle, so viele es nun auch immer sein mögen, das kann ich jetzt nicht nachprüfen, auch nehmen, um auf die grundlegenden Mängel aufmerksam zu machen. Sie sitzen ja auch heute in einer Pressekonferenz zusammen mit dem Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Ist es da Ihnen beiden ganz recht, dass man diese dramatischen Fälle hat, um auf die dramatischen Schwierigkeiten des Gesundheitssystems hinweisen zu können?

Ein erster Aufschlag

Beine: Ich kann Ihnen nur für mich selber sagen, dass nach meiner Auffassung es Aufgabe von Wissenschaft ist, seriös das zu publizieren, was gewusst wird. Diese Ergebnisse dieser Befragung sorgfältig zu kommunizieren in dem Sinne, dass das ein erster Aufschlag ist, dass es eine Trendanalyse ist, dass es eine Pilotstudie ist, und natürlich darauf hinzuweisen, dass die Erkenntnisse, die aus der Analyse der gerichtsbekannt gewordenen Tötungsserien vorhanden sind, dass die erhebliche Belege liefern dafür, dass es überall an den Tatorten gemangelt hat an Zeit, an Zeit für Patienten, an Zeit für Achtsamkeit und an Zeit für kollegialen Austausch.

von Billerbeck: Der Psychiater Professor Karl H. Beine war das. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Beine: Ich danke Ihnen auch, einen schönen Tag!

von Billerbeck: Den wünsche ich Ihnen auch, und hier noch der Hinweis auf das Buch, gemeinsam mit der Journalistin Jeanne Turczynski hat er das Buch "Tatort Krankenhaus. Wie ein kaputtes System Misshandlung und Morde an Kranken fördert" geschrieben. Das erscheint am 3. April bei Droemer. Und das Gespräch mit ihm haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Karl H. Beine, Jeanne Turczynski: "Tatort Krankenhaus: Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert", Droemer, 256 Seiten, 19,99 Euro

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