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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 25.06.2008

Patchwork-Familien

Verwirrende Formen von Verwandtschaft

Von Astrid von Friesen

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Kleinfamilie beim Spielen (AP)
Kleinfamilie beim Spielen (AP)

In den meisten Fällen gelingt diese Lebensform - und es gibt sie seit Jahrhunderten: Patchwork-Familien, Stieffamilien. Im Mittelalter sehr häufig, weil die Frauen oftmals bei der achten oder zehnten Geburt starben und die Kinder eine Stiefmutter bekamen.

Bei "Hänsel und Gretel" war es die sogenannte böse Stiefmutter. Doch wird dieser Märchenstoff auch anders interpretiert: dass damals eine Hungersnot herrschte und das Aussetzen der größeren Kinder im Wald die Überlebenschance für die jüngeren Geschwister verbesserte.

Schon immer gab es also "meine, deine, unsere Kinder". Heute meist aus emotionalen Gründen wie: Scheidung, Beziehungsunfähigkeit, Ex- und Hopp-Partnerschaften. All das müssen Kinder aushalten: Morgens im Bad den fremden Mann oder die neueste Eroberung des Vaters.

Doch man findet weitaus kompliziertere Fälle: Etwa die junge Studentin mit sechs Sorten von Geschwistern. Wie dies zustande kommt? Sie hat einen leiblichen Bruder. Doch ihre Mutter, ihr Vater und ihr geliebter Stiefvater hatten alle vor ihr bereits Kinder aus anderen Ehen und die beiden Väter Kinder in späteren Beziehungen. Sie verkraftet dies schlecht, steckt in einer emotionalen Verwirrung, weiß nicht wohin sie gehört, ist zu Weihnachten zerrissen, weil sie zu viele Besuche bei sich bekämpfenden und neidisch gegenseitig kontrollierenden Familienzweigen machen muss. Angestrengt wirkt sie mit ihren 22 Jahren, müde, resigniert - und hat keine Ahnung, warum und wieso.

Menschen sind schon seltsam: Einerseits wird zum Beispiel viel Geld investiert, um nach Unglücksfällen per DNA-Untersuchung die Toten zu identifizieren - wie damals bei dem schrecklichen Tsunami. Auch kennen wir den Kummer im Krieg verloren gegangener Kinder, die ein Leben lang nichts von ihrer Herkunft wissen und bis ins hohe Alter daran leiden. Doch die Menschen lernen wenig aus solchen Erfahrungen.

Denn seit einigen Jahren erlauben wir anonyme Geburten und Babyklappen. Wo, wie der Begriff es so schrecklich deutlich macht, Babys einfach entsorgt werden dürfen. Als ob irgendeine Frau bei uns keine Hilfe bei schwieriger Schwangerschaft finden könnte, als ob Frauen sich nicht an das Grundgesetz halten müssen, was die mangelnde Fürsorgepflicht unter Strafe stellt. Und was in Frankreich, wo dies seit dem Krieg erlaubt ist, von vielen Menschen ohne Namen, Herkunft und Identität heftigst bekämpft wird.

Und dann all die künstlichen Fortpflanzungsmethoden. 31 habe ich gezählt. Bizarre Szenarien: Zwei Homosexuelle möchten ein Kind. Sie besamen gleichzeitig beide eine Leihmutter, die das Kind austrägt. Es wurde tatsächlich auf einem englischen Standesamt als von "Vater eins" und "Vater zwei" - ohne Mutter - abstammend eingetragen! Das ist eine Dreiervariante.

Ein Fünf-Eltern-Szenario sah 2006 so aus: Ein belgisches Ehepaar konnte keine Kinder bekommen. Ganz legal besamte der Mann eine Leihmutter, die das Kind austrug und Geld kassierte. Doch nach der Geburt verkaufte sie es an ein holländisches Paar und kassierte noch einmal. Per Gerichtsbeschluss bleibt das Kind nun bei den Holländern!

In Südafrika trug eine Frau als Leihmutter Drillinge aus. Pikant daran: Sie war gleichzeitig die Großmutter, gebar diese Kinder, ihre Enkel, für ihre unfruchtbare Tochter.

Viele Kinder werden sich die Frage angewöhnen: "Wie viele Erzeuger hast denn du?" - Es werden sich neue Dimensionen von Gefühlsverwirrungen auftun bei drei bis fünf Elternteilen. Ebenso wie neue Neurotizismen, neue Verstrickungen, völlig neue Verwandtschaftsverhältnisse, zum Beispiel Petrischalen-Geschwister. Wer schon Mühe hat, mit sechs Sorten von Geschwistern umzugehen, wie soll er mit fünf Elternteilen klarkommen? Und dann noch als armes Einzelkind!

Patchwork-Familien können funktionieren, natürlich. Aber sie können auch eine Vereinzelung und sogar eine Erosion der Familienstrukturen und damit von Gesellschaftsstrukturen nach sich ziehen. Langsam und stetig.

Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen, Jahrgang 1953, ist Erziehungswissenschaftlerin, Journalistin und Autorin sowie Gestalt- und Trauma-Therapeutin in Dresden und Freiberg. Sie unterrichtet an der TU Bergakademie Freiberg und macht Lehrerfortbildung. Zwei ihrer letzten Bücher: "Der lange Abschied. Psychische Spätfolgen für die 2. Generation deutscher Vertriebener" (Psychosozialverlag 2000) sowie "Von Aggression bis Zärtlichkeit. Das Erziehungslexikon" (Kösel-Verlag 2003. Zuletzt erschien "Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer", Verlag Ellert & Richter.

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