Späte Gedichte von Pier Paolo Pasolini

Alter Körper im Kampf

06:40 Minuten
Auf dem Cover zu "Nach meinem Tod zu veröffentlichen" ist ein Porträt Pasolinis zu sehen.
© Suhrkamp

Pier Paolo Pasolini

Theresia Prammer

Nach meinem Tod zu veröffentlichenSuhrkamp Verlag, Berlin 2021

640 Seiten

42 Euro

Von Maike Albath · 20.11.2021
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Sein Leben lang kämpfte er für das Irrationale. Die Gesellschaft Italiens sah Pier Paolo Pasolini im steten Verfall. In späten Gedichten zeigt sich jetzt erneut seine Intensität. Aber auch ein Hadern mit Alter und Einsamkeit.
Finalmente! Endlich liegen die späten Gedichte des Mannes vor, der zu den faszinierendsten, schillerndsten und provokativsten Künstlern der italienischen Nachkriegszeit zählte. Die Rede ist von Pier Paolo Pasolini.
Mit seinem wuchernden Werk berührte der von einer manischen Produktivität besessene Dichter, Romancier und Filmregisseur sämtliche Tabuzonen der italienischen Gesellschaft. 1922 in Bologna geboren und 1975 in Ostia ermordet, insistierte Pasolini auf der widerständigen Kraft der Sprache und warnte vor den umwälzenden Folgen des Konsumismus, durch den er den Menschen in seinem Innersten bedroht sah.

Zorn und Sehnsucht

Auch in seinen Gedichten begegnet er der vermeintlichen Ratio der westlichen Kultur mit Skepsis, lotet die Abgründe des 20. Jahrhunderts aus und klagt die Bedeutung des Irrationalen ein. Stricher und kleinen Diebe, die sich den Forderungen der bürgerlichen Welt nach Anpassung entziehen, bergen für ihn eine ursprüngliche Vitalität.
So zornig manche seiner Texte sind, so groß ist die Sehnsucht nach einem unberührten Kern. Bisher waren etliche Gedichte seines Spätwerkes sowie die Lyrik aus dem Nachlass noch nicht auf Deutsch greifbar. "Nach meinem Tod zu veröffentlichen" lautet der Titel des von Theresia Prammer glänzend edierten, übersetzten und mit einem Nachwort versehenen ziegelsteinschweren Bandes. Wie in einen Roman kann man sich in die späten Jahre Pasolinis hinein versenken und die Widersprüchlichkeit seines Wesens und seiner Ästhetik ergründen.

Begierde, Einsamkeit und Alter

Der Gestus ist oft erzählerisch, Straßenszenen wechseln mit Reisen, auf Anrufungen der Freunde folgen Bemerkungen zur politischen Lage Italiens. In den 1960er Jahren ist Pasolini, der weder als Leitartikler des konservativen "Corriere della Sera" noch im Fernsehen die Auseinandersetzung scheute, einer endlosen Kette von diffamierenden Zeitungskampagnen und Gerichtsprozessen ausgesetzt, was sich auf seine Gedichte niederschlägt.
Begierde, mystische Hingabe und die unstillbare Sehnsucht nach jungen Männern – „und einen Körper, wendig wie von einem Pferdchen“ - sind ebenso ein Leitmotiv wie Einsamkeit und Alter. In zahlreichen Versen scheint Pasolini seinen brutalen Tod zu antizipieren: „- ich bin wie eine Katze, verbrannt bei lebendigem Leib,/ zerquetscht von der Reifendecke eines Lasters,/ von Kindern aufgehängt an einem Feigenbaum“ heißt es in dem Gedicht „Verzweifelte Lebendigkeit“.

Gelungene Übersetzung

Mit großem Gespür für die untergründige Trauer fängt Theresia Prammer immer wieder die Lakonie ein und reproduziert den Rhythmus des Originals, den an der Oberfläche alltagssprachlichen Duktus, bei dem aber immer die Kenntnis der Klassiker mitschwingt. Sie vermittelt die typische Drastik Pasolinis ebenso wie das Pathos.
Manche der Texte kommen allzu lapidar daher, die Schilderungen sexueller Entgrenzung nutzen sich ab, aber dann wieder gibt es Momente von enormer Intensität. Mit Anklängen an die "Spoon River"-Anthologie von Edgar Lee Masters besingt Pasolini die Toten des Attentats von 1969 an der Piazza Fontana. Italien mit seiner Zerrissenheit findet in Pasolini seinen wahrhaftigsten Zeugen.