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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 12.04.2020

Parallelen zum Olympia-Boykott 1980"Es tut weh, wenn man könnte und nicht darf"

Ulrike Nasse-Meyfarth im Gespräch mit Mathias Lieben

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Ulrike Nasse-Meyfarth beim Hochsprung während der Olympischen Spiele 1972 in München. (Picture Alliance / Pressefoto Baumann )
Ulrike Nasse-Meyfarth beim Hochsprung. 1980 durfte sie wegen des Boykotts nicht an der Olympiade in Moskau teilnehmen. (Picture Alliance / Pressefoto Baumann )

Die frühere deutsche Hochspringerin und zweifache Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth erlebte 1980 den Boykott der Olympiade in Moskau. Sie äußert Mitgefühl mit den Sportlern, die jetzt die Absage in Olympischen Spiele in Tokio verkraften müssen.

Die Absage der Olympischen Spiele in Tokio wegen der Coronakrise erinnert einige Sportler an den Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau. Damals geschah es aus Protest gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan vom Dezember 1979. Den Boykott miterlebt hat die frühere deutsche Hochspringerin und zweifache Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth. Wir fragen sie nach ihren Gefühlen damals und möglichen Parallelen zur heutigen Situation. 

Ulrike Nasse-Meyfarth: Das war für mich nicht so tragisch wie für etliche andere Athleten, wie zum Beispiel den Hammerwerfer Karl-Heinz Riehm oder Guido Kratschmer, den Zehnkämpfer. Sie waren alle auf dem Höhepunkt ihres Leistungsstandes angekommen und haben sich auf die Olympischen Spiele gefreut. Ich hatte schon eine Goldmedaille in der Tasche und war wieder auf dem aufsteigenden Ast nach einem langen Tiefpunkt und hätte vielleicht unter den ersten vier, fünf sein können im Endkampf bei den Spielen. Aber es war für mich nicht so schlimm.      

Als Zuschauer in Moskau 

Mathias Lieben: Jetzt haben Sie die Kollegen und Kolleginnen eben angesprochen, die auf ihrem Leistungshöhepunkt waren und ihre Karriere mit diesen Spielen vielleicht sogar krönen wollten. Was hat das denn mit denen gemacht? Haben Sie das mitbekommen?

Nasse-Meyfarth: Ja, das habe ich mitbekommen. Guido Kratschmer ist als Zuschauer zu den Spielen nach Moskau gefahren und hat gesehen, dass dort der Engländer Daley Thompson alleine auf weiter Flur kämpfen konnte und großer Favorit gewesen war, aber andererseits den Weltrekord von Guido Kratschmer auch nicht erreicht hat. Das tut einem Athleten natürlich sehr weh. Man hätte alles erreichen können und durfte nicht. 

Guido Kratschmer auf der Zuschauertribüne während der Olympischen Spiele in Moskau. (Picture Alliance / dpa - Sportreport / Frank Leonhardt)Der deutsche Zehnkampf-Weltrekordler Guido Kratschmer als Zuschauer bei den Spielen in Moskau. (Picture Alliance / dpa - Sportreport / Frank Leonhardt)  

Lieben: Sie waren damals 24 Jahre alt, das heißt noch am Anfang ihrer Karriere. Wie schwer war es damals trotzdem für Sie, die Motivation nach so einem Boykott noch hochzuhalten und nicht in ein Loch zu fallen? Sie haben auch lange auf diesen Moment hingearbeitet. 

Nasse-Meyfarth: Ich habe sicherlich auch auf die Spiele hingearbeitet. Ich war damals wieder auf dem Weg zur Spitze, aber noch nicht voll in der Weltspitze angekommen. Deswegen hatte ich mich eben auch auf die Spiele danach konzentrieren wollen und war nicht so traurig, dass ich da nicht mitdurfte.

Dilemma für die Sportler 

Lieben: Blicken wir auf die aktuelle Zeit. 1980 war es ein Boykott. Die Olympischen Spiele in Tokio in diesem Jahr fallen wegen des Coronavirus aus und wurden auf das nächste Jahr verschoben. Unterschiedliche Motive, aber gleiche Ausgangssituation für die Sportler und Sportlerinnen. Vor welcher Herausforderung stellt eine Olympiaabsage die Athleten und Athletinnen heute? 

Nasse-Meyfarth: Die sind jetzt in dem Dilemma, kurz vor ihrem Ziel zu stehen und aufhören zu müssen. Die sind alle hochspezialisiert trainiert und müssen ihre Leistung jetzt wieder zurückfahren. Das kann man nicht bis nächstes Jahr halten. Ich weiß nicht, ob dieses Jahr noch ein paar Wettkämpfe stattfinden werden. Das weiß niemand. Da kann man sich jetzt nicht irgendwie mit einer ausgeklügelten Periodik darauf vorbereiten.

Man muss sich auf den Termin im nächsten Jahr mit seinen Qualifikationsanforderungen vorbereiten und jetzt ein bisschen die Leistung halten, nicht ganz zurückfahren. Das wäre nicht gesund. Hoffentlich geht das alles gut, dass wir dann einen Impfstoff haben werden und nicht wieder irgendeine andere Welle kommt.   

Lieben: Jetzt wird so ein Sportlerdasein meist in Olympiazyklen gerechnet, also das ganze Sportlerleben wird daraufhin ausgerichtet. Verträge sind entsprechend abgeschlossen, Ausgaben für die Vorbereitung getätigt worden, Wettkampf, Prämien, Sponsoreneinnahmen, alles einkalkuliert. Vieles davon fällt jetzt einfach weg. Deswegen ist die Lage auch für viele existenzbedrohend. Was glauben Sie, wird durch diese Entwicklung das riskante Leistungssport-Modell infrage gestellt?

Nasse-Meyfarth: Das betrifft nicht nur die aktuellen Leistungssportler, sondern auch die ganzen Organisatoren, die Verbände, wie die darauf reagieren. Es wäre schon auch gut für den Leistungssport, für die Verbände selber, um den Sport zu erhalten, auch ein bisschen Geld springen zu lassen, um die Leute kurzfzeitig zu unterstützen. Es ist eigentlich nur ein Jahr, sind nur ein paar Monate. Das müsste zu machen sein. Die Sponsoren müssten treu bleiben und allen die Stange halten wollen.     

Verständnis für Thomas Bach  

Lieben: Das IOC, das Internationale Olympische Komitee, hat sich erst sehr spät im Vergleich zu anderen Sportverbänden überhaupt zu einer Absage der Olympischen Spiele durchringen können. Die Deutsche Fußballliga denkt gerade schon wieder darüber nach, im Mai die Saison mit Geisterspielen fortzusetzen, zu Ende zu bringen. Ist der Sport für die Gesellschaft wirklich so wichtig, dass gesundheitliche Risiken in Kauf genommen werden? Oder steckte auch was anderes dahinter?

Nasse-Meyfarth: Ja sicherlich. Dass gerade der Fußball wieder anfangen möchte, ist eigentlich verständlich. Aus Sicht des Fußballs spielt Geld die große Rolle. Man denkt, dass die Menschen den Fußball immer noch gern sehen wollen, gerade, wenn sie zu Hause rumsitzen müssen, nehme ich mal an. Bei Olympischen Spielen, das ist natürlich auch ein Riesending, das absagen zu müssen.

Da habe ich schon ein bisschen Verständnis für Thomas Bach gehabt, dass er sich da noch ein bisschen Zeit lassen wollte. Aber wo es andererseits natürlich sehr anstrengend für die Sportler gewesen sein muss, die versucht haben, unter unmöglichen Umständen ihre Form zu halten, was eigentlich gar nicht möglich war. 

Deswegen ist es schon gut, dass das jetzt abgesagt wird und alle entspannen, sich neu ausrichten und sich neue Ziele setzen können. Vielleicht hören auch einige auf, widmen sich ihrem Beruf und gehen uns dadurch verloren. Aber so ist das Leben, da kann man nichts machen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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