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Zeitfragen | Beitrag vom 21.11.2019

Panspermie-TheorieWas das Weltall mit der Entstehung des Lebens zu tun hat

Von Jennifer Rieger

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Die Sternentstehung in einer Molekülwolke. Aufnahme des Hubble-Weltraumteleskops.
Der Nachweis von organischen Molekülen in interstellarer Materie befeuerte die Theorie, dass Leben durch Meteoriten auf die Erde kamen.

Woher stammt das Leben auf der Erde? Darüber zerbricht sich die Menschheit schon seit Jahrtausenden die Köpfe. Vielleicht doch aus dem All, wie das Panspermie-Modell behauptet? Ein genauer Blick darauf zeigt auch, wie wissenschaftliche Theorien enstehen.

Vor einer Million Jahren, auf einem ozeanbedeckten Mond, rund eine Milliarde Kilometer von der Erde entfernt. In den Ozeanen tummeln sich achtarmige Kreaturen. Doch dann... die Katastrophe!

Ein gigantischer Meteorit trifft die Mondoberfläche... Und schleudert eine riesige Welle aus Ozeanwasser direkt in den Orbit.

Wo das Wasser in Sekundenbruchteilen gefriert. Mitsamt seiner lebendigen Fracht. In dem riesigen Weltraum-Eisberg: abertausende Tintenfisch-Eier, die ihrer neuen Heimat entgegenreisen – der Erde.

Ted Steele: "Das ist natürlich einfach nur eine Geschichte. Aber der Oktopus hat so eine verrückte evolutionäre Vergangenheit, die Daten passen zu keinem Darwinschen Evolutionsmodell."

Chandra Wickramasinghe: "Die Panspermie-Theorie ist älter als Aristoteles. Pan bedeutet überall, spermata, Samen. Also Samen überall. Das Universum ist voller Lebens-Samen, genauso wie es voller Atome ist."

Karin Mölling: "Biologie aus dem Weltall, Viren, Bakterien und größere Lebewesen – das ist reine Spekulation und das finden diese Autoren plausibel. So argumentiert man aber nicht in der Wissenschaft."

Daniel Angerhausen: "Ich glaube das ist die Debatte. Das ist genau wie Wissenschaft funktioniert. Also einer sieht einen Datensatz, zieht dann Informationen raus. Und dann kommen andere und sagen: ‚ja pass auf, vielleicht hier an der Stelle hast du eine Annahme gemacht, sehe ich anders‘."

Denis Noble: "Wir sind viel näher an der Möglichkeit, es zu testen. Das ist mein Kriterium: Lässt sich eine Hypothese, egal wie unkonventionell, testen?"

Kapitel 1: Die Wiedergeburt einer Theorie

Ein sonniger Herbstmorgen in einem Vorort von Cardiff. Vor der Kulisse sanft gewellter walisischer Hügel wohnt ein Veteran der Astrophysik – Professor an mehreren Universitäten in Großbritannien und Sri Lanka, mehr als 70 Veröffentlichungen im renommierten Fachjournal Nature. Seine 80 Jahre sieht man Chandra Wickramasinghe nicht an. Er kramt seinen Laptop hervor, um einen Ausschnitt aus einer Fernsehsendung aus dem Jahr 1979 zu zeigen.
Darin erklären er und sein ehemaliger Doktorvater Sir Fred Hoyle ihre Vermutung, dass organische Moleküle, sogar ganze Mikroorganismen auf Kometen durchs All reisen.

"Das war lange vor der Kepler Mission, damals war es nur eine Vermutung. Aber heute wissen wir, dass unsere Milchstraße geschätzte 140 Milliarden Planeten enthält. Der nächste bewohnbare Planet ist nur ein paar Lichtjahre von der Erde entfernt. In kosmischen Dimensionen ist das nur ein Steinwurf."

Ein schwarz/weiss Porträt des Professors Fred Hoyle, ein britischer Astronom und Mathematiker. London 1963. (picture alliance/United Archives/TopFoto)Der 2001 verstorbene Fred Hoyle war eine schillernde Figur in der Wissenschaft. (picture alliance/United Archives/TopFoto)

Für Chandra Wickramasinghe ist die Schlussfolgerung sonnenklar: Bewohnbare Planeten müssen sich früher oder später gegenseitig mit Leben infizieren – durch organisches Material, Zellen, Sporen oder DNA-Moleküle, die bei Meteoriteneinschlägen ins All geschleudert werden. Eine Ansicht, die der wissenschaftliche Mainstream 1979 nicht teilte – bis heute nicht. Woher nimmt Wickramasinghe seine felsenfeste Überzeugung?

Geboren und aufgewachsen ist Chandra Wickramasinghe in Sri Lanka, in einer Familie von Akademikern. Er liest Science-Fiction Romane und begeistert sich für Astronomie. Nach seinem Mathematikstudium geht er nach Cambridge. Und trifft auf seinen Doktorvater Sir Fred Hoyle.

"Das war ein großes Glück für mich."

Untersuchungen zu kosmischem Staub

Der 2001 verstorbene Fred Hoyle ist bis heute eine schillernde Figur in der Wissenschaft. Seine Arbeiten über die sogenannte stellare Nukleosynthese waren wegbereitend – die These, dass chemische Elemente durch Kernfusion im Inneren von Sternen entstehen. Andere seiner Ansichten sind umstrittener. So war Fred Hoyle einer der heftigsten Kritiker der Urknall-Theorie. Stattdessen vertrat er die Steady-State Hypothese: Das Universum, so glaubte er, sei überhaupt nicht irgendwann entstanden. Es habe schon immer existiert – genauso wie das Leben darin. Heute gilt Hoyles These als widerlegt.

"Ich habe mich sehr gut mit Fred Hoyle verstanden und wir haben angefangen, am Thema meiner Doktorarbeit zu forschen. Wir haben uns dafür interessiert, wie kosmischer Staub zusammengesetzt ist."

Laut der damals vorherrschenden Meinung besteht interstellarer Staub aus winzigen Eispartikeln. Doch Chandra und sein Doktorvater sind anderer Meinung. 1962 veröffentlichen sie ein Paper, in dem sie argumentieren, kosmischer Staub enthalte auch Kohlenstoffpartikel.

"Das war ein riesiger Angriff auf das konventionelle Denken. Deshalb hatte ich viele, viele Feinde, die gerufen haben, das ist alles Quatsch, Eispartikel sind bewiesen!"

Als junger Doktorand eine solche These zu vertreten und sie auch noch auf einer Konferenz voller Skeptiker zu verteidigen, war nicht einfach. Doch wie sich später herausstellen sollte, hatten Wickramasinghe und Hoyle recht. Eine Erfahrung, die den jungen Wissenschaftler prägen sollte.

"Ich hatte zwei oder drei Jahre daran gearbeitet und war mir absolut sicher. Und in meinen jungen Jahren hat mich das amüsiert, die Arroganz der Leute auf der anderen Seite der Debatte. Völlig ohne Beweise gehen sie von gewissen Annahmen aus. Das hat mich schockiert, ich war 20 oder 21 Jahre alt. Es hat mich schockiert, weil ich dachte, das ist doch keine Wissenschaft. Das hat mich während meiner gesamten Karriere schockiert."

Auch die nächste Vermutung des Astrophysiker-Duos Hoyle-Wickramasinghe wird später mehrfach nachgewiesen: dass interstellarer Staub komplexe organische Moleküle enthält. Kohlenstoffringe, einfache Zucker.

Der Schweif des Kometen Halley

1973 geht Wickramasinghe an die Universität von Cardiff, wo er eine neue Arbeitsgruppe aufbaut. Gemeinsam mit seinen Kollegen untersucht er das Licht, das von gefriergetrockneten Bakterien absorbiert wird. Der Hintergedanke:

"Wenn es im All auch solche gefriergetrockneten Bakterien gibt, dann sollten wir das gleiche Absorptionsspektrum sehen, oder? Wir wollten, dass Astronomen aus dem Vereinigten Königreich nach dieser Signatur suchen, aber sie haben gesagt, das ist verrückt, damit verschwenden wir unsere Zeit nicht."

Teleskopaufnahme das Halleyschen Kometen. (picture alliance/Photoshot)Untersuchungen des Schweifs des Halleyscher Kometen sollen Aufschluss geben. (picture alliance/Photoshot)

Chandra Wickramasinghes Bruder Dayal, ebenfalls Astronom, arbeitet zu dieser Zeit in Australien und führt die Messungen mit dem Anglo-Australischen Teleskop durch. Sie untersuchen den Schweif des Kometen Halley.

"Die Messungen wurden gemacht und siehe da, das Spektrum, das sie gemessen haben, passte genau zum Spektrum der Bakterien im Labor."

Auf dem Sofa, auf dem auch wir jetzt sitzen, saß Chandra Wickramasinghe mit Fred Hoyle, als die Ergebnisse ins Haus flatterten – per Fax.

"Wir haben beschlossen, all diese Paper zu schreiben und er sagte zu mir, Chandra, du weißt, dass deine Bewerbung bei der Royal Society im Müll landet, wenn du das veröffentlichst? Stört dich das? Und ich sagte, überhaupt nicht. Ich will nur, dass die Wahrheit veröffentlicht wird. Und so war es dann auch."

Chandras Bewerbung, in die britische Gelehrtengesellschaft aufgenommen zu werden, wurde abgelehnt. Er bewarb sich kein zweites Mal.

Hatte er wirklich den Beweis erbracht, dass Halley einen Bakterien-Schweif hinter sich herzieht? Kritiker entgegneten, die Absorptionssignatur passe genauso gut zu anderen organischen Molekülen – außerdem sei bei Messungen von Absorptionsspektren immer Unsicherheit im Spiel.

Pandemie-Gefahr durch Viren aus dem All?

Auch wenn sie sich damit in der wissenschaftlichen Community wenig Freunde machten – Chandra Wickramasinghe und Fred Hoyle waren überzeugt. Anfang der 80er-Jahre formulierten sie ihr Panspermie-Modell.

Panspermie – keine neue Theorie. Der Begriff geht auf den griechischen Philosophen Anaxagoras zurück, der im 5. Jahrhundert vor Christus lebte. Das Wort setzt sich aus dem Altgriechischen "pan" - "alles" und "spermata" - "Samen", zusammen. Der schwedische Forscher Svante Arrhenius griff die Idee Anfang des 20. Jahrhunderts wieder auf und formulierte den Gedanken, dass Sporen oder einfache Lebensformen von Planet zu Planet reisen und so auch das Leben auf der Erde gesät haben könnten.

Laut Hoyle und Wickramasinghe könnten Mikroorganismen aus dem All nicht nur die Evolution auf der Erde losgetreten haben. Chandra Wickramasinghe glaubt: Viren regnen kontinuierlich auf die Erde herab und können sogar Epidemien auslösen – wie zum Beispiel die verheerende Spanische Grippe im Jahr 1918.

"Wenn unbekannte Viren oder Krankheitserreger aus dem All Pandemien auslösen, dann wäre es früher oder später klug, diese Dinge zu überwachen."

Ein besonders umstrittener Teil der Panspermie-Hypothese. Doch Chandra Wickramasinghe erhielt auch Zuspruch. Er war mit dem Science-Fiction Autor Arthur C. Clarke befreundet, der durch die Geschichte "2001: Odyssee im Weltraum" bekannt wurde. Chandra lernte ihn auf einer Reise nach Sri Lanka kennen, wo der Autor lange lebte.

"Er sagte zu mir, die Dinosaurier sind ausgestorben, weil sie kein Spaceguard-Programm hatten. Wir haben ein Spaceguard-Programm, um die Auswirkungen von Asteroiden und größeren Himmelskörpern einzuschätzen, aber es schützt uns nicht vor den kleinen Dingen, die meiner Meinung nach viel wichtiger sind. Weil sie ein wesentlicher Bestandteil der Evolution des Lebens auf der Erde waren – und gelegentlich auch der Zerstörung des Lebens."

Arthur C. Clarke war eher die Ausnahme. In der wissenschaftlichen Community mochte sich kaum jemand vorstellen, dass Mikroorganismen auf einer Reise durchs All die extrem starke kosmische Strahlung oder gar den Aufprall auf der Oberfläche eines Planeten unbeschadet überstehen könnten. Und größere Organismen? Schon gar nicht.

Kapitel 2: Außerirdische Tintenfische und Grippewellen aus dem All

Kurator Fabian Schmidt steht vor dem Becken eines seiner Zöglinge im Vivarium des Basler Zoos. Krake Mike schwimmt an der Aquariumsscheibe entlang – sieht aus, als würde er uns beobachten.

Fabian Schmidt: "Ja, er erkennt einen auch."

Jenny: "Der kann verschiedene Menschen…"

Fabian Schmidt: "Ja ja, der kann seine Pfleger erkennen. Und reagiert dann…"

Jenny: "Wie äußert sich das?"

Fabian Schmidt: "Er kann… also das ist jetzt bei Mike nicht so, aber es gibt durchaus Oktopusse, die manche Pfleger mögen und manche nicht mögen und dann die, die sie nicht mögen, anspritzen mit Wasser. Er spuckt eigentlich eher Wasser, wenn man ihm was wegnimmt. Also wenn man dann irgendwie das leere Glas wieder rausnimmt und er möchte es nicht hergeben, sondern hält es noch fest. Dann kann es vorkommen, dass er mal spuckt."

Gläser mit verschiedenen Verschlüssen öffnen, das ist Mikes Partytrick.

Fabian Schmidt: "Man merkt, dass er dazu lernt, ja. Dass er am Anfang länger braucht, um ein Glas zu öffnen. Wenn er es dann mehrfach gemacht hat, wird er schneller."

Spektakuläre Meldungen über Kraken, Sepien und Kalmare machen immer wieder die Runde. Sie sind Intelligenzbestien, Tarnkünstler und sogar Orakel – seit Krake Pauls schier unfehlbaren Vorhersagen bei der Fußball-WM 2010.

Aber: Aliens...?

Weichtiere unter Alien-Verdacht

"Forscher behaupten: Der Tintenfisch ist ein Alien!" So eine Nachricht. Sind Oktopusse und Tintenfische also Aliens?

"Ein verrücktes Paper testet die Grenzen der Wissenschaft und behauptet, Oktopusse stammten aus dem All", so eine weitere Meldung.

Diese und ähnliche Meldungen machen im Frühjahr 2018 die Runde in den Medien: Eine Gruppe Wissenschaftler mutmaßte in einer Studie, die vielarmigen Weichtiere seien Aliens. Doch eigentlich geht es nicht um Kraken. Sondern um eine viel größere Frage: Woher stammt das Leben auf der Erde?

Darüber zerbricht sich die Menschheit schon seit Jahrtausenden die Köpfe. Aristoteles demnach spontan aus unbelebter Materie. Über Jahrhunderte mutmaßten Gelehrte, dass Flöhe aus Staub entspringen, dass Weizen sich in Mäuse verwandelt, wenn man ihn nur lange genug in einer dunklen Ecke stehen lässt oder dass man Skorpione herstellen kann, indem man Basilikum zwischen zwei Ziegelsteine steckt und ihn in die Sonne stellt. Heute sind diese Vorstellungen überholt. Doch die Frage, woher das allererste Leben auf der Erde kommt, ist weiterhin offen.

Eine Unterwasser Nachtaufnahme eines Großflossen-Riffkalmars in Indonesien. (imago/imageBroker/FLPA/Colin Marshall )"Forscher behaupten: Der Tintenfisch ist ein Alien!" Solche spektakulären Meldungen gibt es immer wieder. (imago/imageBroker/FLPA/Colin Marshall )

Die Theorie, auf die sich heute die meisten Wissenschaftler einigen können, ist die Abiogenese.

Ted Steele: "Mit Charles Darwin kam die Idee der kleinen warmen Tümpel: Vor vier bis drei Milliarden Jahren, voila!, bildete sich spontan Leben aus den chemischen Elementen der Ursuppe."

Der Australier Ted Steele ist Immunologe und langjähriger Kritiker des klassischen neodarwinistischen Evolutionsmodells. Darwins Entwurf der warmen Tümpel als Ursprung des Lebens hält er für unwahrscheinlich.

"Zelluläres Leben ist so komplex, vom einfachsten Bakterium bis zu höheren Zellen so wie wir sie haben – es ist extrem unwahrscheinlich, dass so etwas spontan aus unbelebter Materie entsteht."

Kontroversen Überlegungen eine Chance geben

Panspermie hält Steele schon länger für eine interessante Theorie – und so schrieb er vor ein paar Jahren an Chandra Wickramasinghe. Gemeinsam mit ihm und mehr als 30 weiteren Wissenschaftlern aus insgesamt zwölf Ländern verfasste Ted Steele schließlich besagten kontroversen Artikel. Darin tragen sie Indizien zusammen, die ihrer Meinung nach für Panspermie sprechen. Erschienen ist er im Frühjahr 2018 im wissenschaftlichen Journal "Progress in Biophysics and Molecular Biology".

Denis Noble ist Professor an der Universität Oxford und Herausgeber von "Progress in Biophysics and Molecular Biology". Auf seinem Schreibtisch landete das ungewöhnliche Manuskript.

"Meiner Meinung nach sollte man seiner reflexartigen ersten Reaktion nicht nachgeben, wenn so ein kontroverser Artikel eingereicht wird. Beim ersten Lesen so eines Papers denkt man: Meine Güte, ist das abgefahren. Das Leben soll aus dem All kommen?"

Die meisten Herausgeber wissenschaftlicher Journale hätten wohl nicht mal in Betracht gezogen, einen solchen Artikel zu veröffentlichen. Doch Denis Noble hat seine eigenen Ansichten.

"An manchen schrägen Ideen ist viel mehr dran als wir vor 20 oder 30 Jahren dachten. Ich bin sehr offen, ich bin selbst etwas rebellisch. Ich finde es gut, Diskussionen anzuregen."

Bevor ein wissenschaftliches Paper abgedruckt wird, muss es sich dem Peer-Review Prozess unterziehen: Herausgeber wie Denis Noble leiten das Manuskript an Reviewer weiter – Experten auf dem jeweiligen Gebiet, die die Veröffentlichung auf Herz und Nieren prüfen.

Nur war das in diesem Fall alles andere als einfach.

"Es hat lange gedauert, Leute zu überzeugen, das Paper zu begutachten, denn auch die Reviewer haben zunächst reflexartig reagiert. Die meisten haben nicht mal gesagt, ich begutachte das und empfehle, es nicht zu veröffentlichen. Sie haben gesagt, für sowas habe ich keine Zeit."

Die Rolle der Viren in der Evolution

"Denis Noble, den ich ein bisschen kenne, bat mich fast, können sie das nicht reviewen? Und dann hab ich gedacht, das lese ich mir jetzt mal durch."

Karin Mölling ist dem Ruf gefolgt. Einen großen Teil ihrer Karriere hat sie der Erforschung von Retroviren wie HIV gewidmet. Unter anderem war sie Professorin am Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin und Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie an der Universität Zürich. Doch ihre wissenschaftliche Laufbahn begann sie als Astrophysikerin.

"Und ich habe mich dann tatsächlich sehr auseinander gesetzt mit dem, was man konkret weiß über das, was aus dem Weltall bis zu uns heruntergekommen ist. Was ist in den einzelnen Meteoriten vorhanden und wie kann man sich zusammenreimen, dass vielleicht Leben aus dem Weltall zu uns gekommen ist. Also ich habe praktisch für mich ein ganzes Gebiet aufgerollt."

Viren spielen in Ted Steeles Paper eine zentrale Rolle. Retroviren, so die These, wären hervorragend dazu geeignet, den Code des Lebens im All zu verteilen. Denn sie haben eine besondere Eigenschaft. Ihr Erbgut besteht aus einzelsträngiger RNA – im Gegensatz zum doppelten DNA-Strang von höheren Organismen. Wenn sie in eine Wirtszelle eindringen, wird ihre RNA zunächst in DNA umgeschrieben – und kann sich ins Erbgut der Wirtszelle einbauen.

Tatsächlich ist heute bekannt, dass dieser Vorgang im Lauf der Evolution wieder und wieder passiert ist. Mehrere Studien kommen zu dem Schluss, dass ein beträchtlicher Teil unseres Erbguts viralen Ursprungs ist.

"Wollen Sie ein Beispiel? Das ist wichtig für Frauen."

Retroviren, erklärt Karin Mölling, ist es zu verdanken, dass wir Menschen keine Eier mehr legen müssen. Genauer gesagt einem bestimmten retroviralen Gen, das sich vor rund 85 Millionen Jahren ins Erbgut von Säugetieren eingebaut hat.

"Eins der wichtigsten Gene von HIV, dem Humanimmundefizienzvirus, ist dabei mit ins Erbgut gelangt und macht bei Frauen genau das, was HIV heute bei den Menschen macht. Nämlich eine Immunsuppression und die Mutter ist immunsupprimiert, damit sie ihren eigenen Embryo nicht abstößt."

Ungereimtheiten in der Evolutionsgeschichte der Tintenfische

In seinem Paper argumentieren Ted Steele und seine Co-Autoren: In manchen Phasen der Erdgeschichte stand die Erde unter besonders heftigem Bombardement von Gesteinsbrocken aus dem All. Wenn diese Brocken Passagiere in Form von Retroviren an Bord hatten, könnten sie dann nicht immer wieder neue DNA ins System Erde eingeimpft haben? Laut Steele könnte das zum Beispiel eine Erklärung für die plötzlich auftretende Explosion der Artenvielfalt vor 500 Millionen Jahren darstellen.

Ted Steele: "Lassen Sie mich über den Oktopus nur eines sagen: Der Grund, warum wir ihn erwähnen, ist diese Lücke von 250 Millionen Jahren."

In der Tat gibt es in der Evolutionsgeschichte der Tintenfische einige Ungereimtheiten. Sein komplexes Nervensystem und die hochentwickelten Augen tauchen relativ plötzlich auf – Eigenschaften, die Vorgängerarten wie der Nautilus noch nicht hatten.

"Das ist das Muster des Lebens auf der Erde: plötzliches Auftauchen und dann Stillstand. Das heißt, die Organismen unterscheiden sich nicht sehr stark und gedeihen dann entweder bis in die Gegenwart oder sie sterben aus. Das ist das Muster und der Oktopus ist Teil dieses Musters."

Erst kürzlich bekamen die Schweizer Astronomen Michel Mayor und Didier Queloz den Nobelpreis für ihre Entdeckung etlicher Exoplaneten – Planeten, die um andere Sonnen kreisen.

Dass es Leben auf anderen Planeten gibt, kann Karin Mölling sich durchaus vorstellen. Doch Ted Steeles Schlussfolgerungen gehen ihr eindeutig zu weit. Ihrer Meinung nach würden Viren oder Bakterien eine Reise durchs All nicht überstehen.

"Wir haben die kosmische Strahlung, wir haben also lebensfeindliche Bedingungen im Weltall. Und so schnell kommt man von woanders hier nicht her. Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Retroviren entsprechen ganz genau unserem Erdsystem an Atmosphäre, an Chemikalien, unser Periodensystem. Aber das muss ja dann irgendwo anders ganz, ganz, ganz ähnlich existiert haben, denn Retroviren müssen sich vermehren oder müssen etwas benutzen, was es nur bei uns oder höchstwahrscheinlich nicht beliebig oft gibt."

Sie stößt sich vor allem auch am Tonfall der Veröffentlichung.

"Dieser Artikel ist extrem umfangreich und extrem dogmatisch auf eine unerträgliche Weise. Es gibt wirklich sehr verwunderliche Dinge, insbesondere in der Virologie. Aber dann zu sagen, die Viren sind aus dem Weltall... so kann man eigentlich nicht argumentieren."

Kapitel 3: Die Rebellen

Dogmatischer Tonfall hin oder her – Herausgeber Denis Noble hält es für wichtig, dass kontroverse Ideen ausgesprochen und diskutiert werden.

"Leute mit sehr ungewöhnlichen Ideen stoßen auf viel Gegenwehr. Ich denke, daher kommt oft Dogmatismus. Das soll keine Entschuldigung sein, es ist nur meine Beobachtung."

Um unkonventionelle Theorien zu vertreten, braucht es mitunter besondere Charaktere. Die Wissenschafts-Historie ist gespickt mit solchen Geschichten.

"Eine derjenigen, die am meisten zu unserem Wissen über die Evolution beigetragen haben, war zweifellos Lynn Margulis. Mehr als irgendjemand sonst hat sie den Beweis für die Idee erbracht, dass die Energiefabriken in unseren Zellen, die Mitochondrien, ursprünglich aus der Fusion einer Zellart mit einer anderen entstanden sind."

Laut der Endosymbionten-Theorie hat eine Zelle einst eine andere verschlungen. Statt sie zu verdauen, gingen die Organismen eine Symbiose ein – alle komplexen pflanzlichen, tierischen und menschlichen Zellen gehen auf diese Symbiose zurück.

Nobelpreis für Genetikerin mit 81 Jahren

Heute ist die Theorie akzeptierter Fakt – doch als sie in den 1960er- und 70er-Jahren ihre ersten Artikel dazu veröffentlichte, wurde Lynn Margulis verlacht. Der amerikanischen Genetikerin Barbara McClintock erging es ähnlich. Vor mehr als 70 Jahren stellte sie die Unveränderlichkeit des Erbguts in Frage.

"Man hat sich damals, 1957, so sehr über sie lustig gemacht, dass sie aufhörte zu publizieren. 30 Jahre später haben andere Leute das entdeckt, was wir heute mobile genetische Elemente nennen. Als herausgefunden wurde, dass dieser Prozess bei vielen Organismen nachweisbar ist, hat Barbara McClintock den Nobelpreis bekommen, mit 81 Jahren."

Alfred Wegener mit seiner Theorie der Kontinentaldrift, Einsteins Relativitätstheorie... Rebellen haben die Wissenschaft im Lauf der Geschichte weit vorangebracht. Der Kampf gegen konventionelle Meinungen kann zermürbend sein – und manchmal irrt man sich auch einfach.

"Immerhin sind die meisten Theorien falsch oder könnten sich als falsch herausstellen. So kommt die Wissenschaft voran."

Kapitel 4: Die neue Generation

Seitdem Hoyle und Wickramasinghe ihr Panspermie-Modell formuliert haben, ist ein ganzer Forschungszweig entstanden – die Astrobiologie.

"Also am Zentrum für Space und Habitability ist wirklich die große Frage, die suchen nach Leben im All. Und da das nicht von Astrophysikern alleine gelöst wird, haben wir wirklich Leute von ganz verschiedenen Hintergründen: Geologen, atmosphärische Chemiker, teilweise Biologen… wir hatten sogar schon Leute aus den Religionswissenschaften, die sich ein bisschen um die Frage gekümmert haben, wie wäre denn der Impact auf die Gesellschaft, wenn wir Leben im All finden. Also das ist wirklich ein multidisziplinäres Team, dass sich mit der Suche nach Leben beschäftigt."

Die Internationale Raumstation ISS, aufgenommen am 04.10.2018 von der Besatzung einer Sojus-Raumfähre. (picture alliance/NASA/Roscosmos)Experimente auf der ISS haben gezeigt, dass Mikroorganismen kosmischer Strahlung eine gewisse Zeit standhalten können. (picture alliance/NASA/Roscosmos)

Astrophysiker und Astrobiologe Daniel Angerhausen sitzt im Café Momento auf dem Campus der Uni Bern. Hier ist das Center for Space and Habitability angesiedelt.

Angerhausen gehört zu einer neuen Generation von Astrobiologen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine Menge erstaunliche Entdeckungen gemacht haben.

"Wenn man sich aktuelle Forschung über Planetenentstehung anguckt, kann bei der Entstehung der Erde eigentlich gar nicht so viel Wasser da gewesen sein oder die Erde war so heiß, dass sie eigentlich das Wasser hätte verlieren müssen. Das heißt im Moment glauben viele, dass zum Beispiel das Wasser auf der Erde tatsächlich geliefert wurde, von Kometen, von Einschlägen. Gibt inzwischen auch Forschung, dass auf Kometen und Asteroiden gewisse Aminosäuren gefunden werden, die vielleicht die Bausteine fürs Leben ergeben."

Können Mikroorganismen kosmische Strahlung überleben?

Experimente auf der Internationalen Raumstation ISS haben außerdem gezeigt, dass Mikroorganismen kosmischer Strahlung zumindest eine gewisse Zeit standhalten können.

Der Panspermie-Theorie gegenüber ist Angerhausen durchaus aufgeschlossen.

"Also ist jetzt glaube ich nicht, dass die Leute, die an Panspermia forschen jetzt irgendwie die Outsider in der community sind."

Doch er erwähnt einen vielgenannten Kritikpunkt:

"Mein Hauptproblem mit der Theorie ist, dass es unser Problem nicht löst. Also diese große Frage, wie entsteht Leben wird ja dadurch nur woanders hin verlegt und ist deswegen natürlich so eine Art Tricklösung."

Strenggenommen können wir nur sicher sein, dass es Leben auf einem Planeten gibt: der Erde. Denn bisher ist sie der einzige Datenpunkt.

Epilog: Was die Zukunft bringt

Schon 2020 startet die Nasa eine neue Mars-Mission – und Forscherinnen und Forscher tüfteln bereits an Sonden, die auf den vereisten Saturnmonden Enceladus und Titan nach Leben suchen sollen. In 20, 30 oder 50 Jahren könnten wir mehr wissen, sagt Herausgeber von "Progress in Biophysics and Molecular Biology" Denis Noble.

"Die Panspermie-Hypothese wurde vor 40 Jahren formuliert oder noch früher. Sie ist also alles andere als neu. Aber heute sind wir viel näher dran, sie testen zu können. Das ist mein Kriterium: Lässt sich eine Hypothese, egal wie unkonventionell, testen?"

Woher kommt das Leben? Stammen Tintenfische aus dem All? Braucht die Erde einen Schutzschirm gegen Epidemien? Leider werden wir die Antwort diesmal schuldig bleiben. Doch vielleicht werden Astrobiologen bald Leben im All finden.

Chandra Wickramasinghe wird vermutlich nicht mehr erleben, dass seine Theorie widerlegt oder bestätigt wird. Doch bei aller Überzeugung sagt er, er wäre mit beiden Ergebnissen zufrieden.

"Früher oder später wird die Wahrheit ans Licht kommen, das ist meine Philosophie. Ich glaube, eine falsche Theorie wird sich nicht ewig halten."

Es sprachen: Wolfgang Condrus, Norbert Langer, Friedhelm Ptok, Max Urlacher und die Autorin, Regie: Beatrix Ackers, Ton: Thomas Monnerjahn, Redaktion: Jana Wuttke.

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