Freitag, 20.09.2019
 

Interview | Beitrag vom 19.08.2019

"Paneuropäisches Picknick" vor 30 JahrenAls der Eiserne Vorhang den ersten Riss bekam

Walter und Simone Sobel im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Das Foto zeigt jubelnde DDR-Flüchtlinge, die am 19.8.1989 die Grenze zu Österreich erreichen und eine symbolische Grenzöffnung für die Flucht in den Westen nutzen. (dpa / picture alliance / Fotoreport / Votava)
Jubelnde DDR-Flüchtlinge erreichen am 19.8.1989 die Grenze zu Österreich. Wenige Monate später fällt die Mauer. (dpa / picture alliance / Fotoreport / Votava)

Im August 1989 wurde für kurze Zeit der Grenzzaun zwischen Ungarn und Österreich geöffnet, hunderte wartender DDR-Bürger konnten fliehen. Das Ereignis ist als „Paneuropäisches Picknick“ in die Geschichte eingegangen. Walter und Simone Sobel waren dabei.

Eine Friedensdemonstration an österreichisch-ungarischen Grenze - heute vor 30 Jahren, am 19. August 1989. Die ungarischen und österreichischen Behörden stimmen zu, ein Tor für drei Stunden zu öffnen. Hunderte DDR-Bürger nutzten das zur Flucht in den Westen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ungarns Regierungschef Viktor Orban wollen heute der ersten Massenflucht von DDR-Bürgern gedenken. Es war der erste klare Riss im Eisernen Vorhang. Wir haben mit einer Familie gesprochen, die damals unter den Flüchtenden war: Walter und Simone Sobel.


Das Gespräch im Wortlaut:

Stephan Karkowsky: Ungarn war nicht immer das Land mit der härtesten Grenz- und Flüchtlingspolitik Europas. Vor 30 Jahren war Ungarn sogar mal die größte Hoffnung für hunderte von DDR-Flüchtlingen. Die warteten an der Grenze zu Österreich auf ihre Fluchtmöglichkeit, und die bot sich genau heute vor 30 Jahren, als der Grenzzaun für eine Friedensdemonstration drei Stunden lang geöffnet wurde.

Auch Walter und Simone Sobel nutzten damals diese Gelegenheit mit ihren beiden kleinen Töchtern und machten rüber gen Westen. Herr Sobel, eigentlich wollten ja nur Sie rüber in den Westen, wenn ich es richtig verstanden habe. Ein großer Teil Ihrer Familie lebte bereits dort. Ihre Frau war eigentlich ganz zufrieden in der DDR. Wie haben Sie die denn überreden können?

Walter Sobel: Ja, das war gar nicht so einfach, aber es war die Liebe, wo sie dann gesagt hat, ich gehe mit meinem Mann.

Zwei Ausreiseanträge abgelehnt

Karkowsky: Zwei Ihrer Ausreiseanträge waren zu dem Zeitpunkt schon von der DDR abgelehnt worden. Und dann haben Sie es im August '89 so gemacht wie viele, nämlich erst mal Urlaub in Ungarn, Campingurlaub mit dem eigenen Lada, und haben versucht, eine Lücke zu finden in der Grenze, und sind dabei erwischt worden. Warum sind Sie nicht im Gefängnis gelandet?

Walter Sobel: Ja, weil wir Glück hatten. Ich hatte aus Ausrede gesagt, dass wir uns hier im grenznahen Gebiet mit meinen Eltern treffen wollen, die in Jugoslawien Urlaub machen, und das hat man mir abgekauft und hat uns dann fahren lassen. Und dann kam der Zufall mit diesem Paneuropäischen Picknick.

Karkowsky: Ja, Sie fanden dann dieses Flugblatt von der Friedensdemo, dem Paneuropäischen Picknick an der Grenze Österreich zu Ungarn. Für die sollte drei Stunden lang der Grenzzaun geöffnet werden, und offenbar hatte man in Ungarn nicht mit fluchtwilligen DDR-Bürgern gerechnet. Ihre Frau war als erste am offenen Zaun, richtig?

Walter Sobel: Das war richtig, sie war am Zaun, weil sie wurde von einem Österreicher mitgenommen, der auch auf diesem Campingplatz Urlaub gemacht hat, und meine Frau und die beiden Kinder wurden von ihm mitgenommen, standen dann schon um 14 Uhr cirka, also eine Stunde, bevor der offizielle Teil losgehen sollte, am Zaun.

Angst um die Kinder

Karkowsky: Ja und Sie, wie sind Sie da hingekommen?

Walter Sobel: Wir sind zu Fuß gegangen, wir waren eine große Gruppe, die sich da gebildet hat, und meine Frau wartete an dem Zaun, und cirka drei, vier Minuten später, bevor die Grenze dann aufgemacht wurde und der erste Schwung bereits drüben war, sind wir dann auch rübergegangen und haben die Grenze passiert.

Karkowsky: Versuchen Sie, uns noch mal zu beschreiben, wie das war, das kann man sich heute gar nicht vorstellen.

Walter Sobel: Ja, diese Bilder damals, als ich meine Tochter auf dem Arm hatte, sind ja um die Welt gegangen und es war schon sehr, sehr emotional, und dass das alles so friedlich abgelaufen ist und dass da keiner zu Schaden gekommen ist, das war schon ganz toll.

Karkowsky: Das wussten Sie ja damals nicht, denn da waren ja Soldaten mit Kalaschnikows. Hatten Sie Angst, auch um Ihre Kinder?

Walter Sobel: Ja, auf jeden Fall. Und was man im Nachhinein gehört hat, zwei Tage später wurde ja noch ein Mann, der mit seiner Familie flüchten wollte, erschossen, und das war damals eigentlich noch gang und gäbe. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hatten ganz, ganz viel Glück.

Karkowsky: Es ging dann aus dem ungarischen Sopron rüber nach Österreich, einfach so, zu Fuß. Wusste denn von Ihrer Familie, von der Familie Sobel im Westen jemand, dass Sie auf dem Weg waren?

Walter Sobel: Nein, das wusste keiner, im Westen nicht, erst, als wir in der Wiener Botschaft waren, da konnte ich meine Eltern in Hagen anrufen und sie informieren, dass wir in Wien sind.

Nur ein Ziel vor Augen

Karkowsky: Ich könnte mir vorstellen, für Ihre Frau war es nicht ganz so leicht, die Familie, nennen wir sie mal regimetreu, blieb im Osten. Gab es da Kontakt unmittelbar nach der Flucht?

Walter Sobel: Ja, es gab Kontakt, aber ich glaube, das kann sie Ihnen jetzt selbst beantworten.

Simone Sobel: Ja, also in dem Moment habe ich eigentlich nur dieses Ziel vor Augen gehabt, dass wir rüberkommen wollen. Und ich muss dazu sagen: Dadurch, dass man noch so jung war und ich eigentlich einen ganz anderen Plan hatte, eigentlich wollte ich ja nicht rüberkommen, ich bin wirklich aus Liebe mitgegangen und habe gesehen, dass mein Mann in dem System drüben nicht richtig klargekommen ist und er diesen Wunsch eigentlich über Jahre schon immer mehr durchgesetzt hat, rüberzugehen und zu schauen: Wie kann ich überhaupt rüberkommen?

Irgendwann habe ich dann gemerkt, das ist jetzt kein Hirngespinst, sondern er will wirklich, er hält es hier nicht mehr aus, und dann musste ich mich entscheiden. Also eigentlich wollte ich gar nicht so wirklich rübergehen. Und dann war dieser Tag da, dass wir dann uns verabschiedet haben mit dem Wissen, du kommst nie wieder zurück – das war für mich schon anders, also diese Emotion, die mein Mann hatte, die war bei mir ein bisschen gedämpft.

Aber für mich war klar, die Entscheidung, die ich dann einmal getroffen habe, diesen Weg zu gehen, das war für mich dann das Ziel.

Druck auf die Eltern

Karkowsky: Hat denn der DDR-Staat Ihre Familie im Osten leiden lassen unter Ihrer Flucht?

Simone Sobel: Ja, ich komme aus einer Parteifamilie, mein Bruder hat zu dem Zeitpunkt Jura studiert, es war dann halt schwierig, meine Eltern waren beide in der Partei und der Papa hatte eine hohe Stellung, also die beiden haben schon, eigentlich alle waren politisch aktiv und hatten dementsprechend auch Schwierigkeiten.

Und deshalb ist es bei mir auch wieder gedämpft, weil diese Schattenseite ist da, aber das schöne Ziel, wir sind unseren Weg gegangen, wir haben diesen Weg nicht bereut, also ich bereue ihn nicht, wir konnten uns hier verwirklichen und sind auch wirklich zufrieden, aber die Schattenseite ist meine Familie, die ist auch nach diesen vielen Jahren, 30 Jahre, nicht wieder richtig zusammengewachsen.

Karkowsky: Sie sind ja in dieser Stunde erneut in Sopron, wo für Sie alles anfing, zum Campen gefahren. 30 Jahre nach dem Mauerfall wird in Deutschland viel drüber geredet, wie unterschiedlich wir immer noch sind angeblich, wir Menschen aus dem Osten und dem Westen. Wie fühlen Sie sich?

Simone Sobel: Also ich bin einfach angekommen und für mich ist das wirklich ein Geschenk, dass die Grenzen geöffnet worden sind, dass jeder das machen kann und umsetzen darf, wozu er fähig ist und was sein Wunsch, sein Ideal ist.

Ich bin da wirklich sehr dankbar dafür und stehe dazu auch immer wieder, dass eigentlich Grenzen nicht sein sollten, dass jeder das Recht hat, sich verwirklichen zu dürfen und das auch genießen zu können.

Verständnis für Merkels Entscheidung 2015

Karkowsky: Haben Sie mit dieser Geschichte im Hintergrund womöglich auch Verständnis für Angela Merkels Entscheidung damals, die Grenzen im Herbst 2015 nicht zu schließen und nicht mit Waffengewalt zu verteidigen?

Simone Sobel: Ja, das ist ein großes Thema. Also prinzipiell hat jeder ein Recht darauf, ein besseres Leben zu führen, aber es ist so schwierig. Man hat dieses große Hintergrundwissen noch nicht, also für mich ist das so. Und für mich stellt sich immer die Frage: Warum kann man diesen Menschen nicht dort in diesen Ländern helfen, warum ist das so schwer, weil viele möchten dort bleiben, möchten ein gutes Leben haben, warum kann man den Leuten dort nicht helfen, so wie es bei uns auch im Osten war, warum hätte man uns nicht dort helfen können?

Prinzipiell sage ich, ja, die Grenzen, weil wenn es den Menschen richtig schlecht geht, dann muss man ihnen helfen. Aber jetzt ist die weiterführende Frage, diese Integration der Flüchtlinge, das klappt alles nicht so richtig, und das ist einfach schwierig jetzt, auch im Bezug zu Ungarn und Orban, dass man ihn so schlecht dastehen lässt, aber man wahrscheinlich auch nicht so das Hintergrundwissen hat, dass er für sein eigenes Land ja auch das Gute will, und überall kommen die Flüchtlinge rein. Also das ist für mich eine ganz, ganz schwierige Frage. Also erst mal sage ich, ja, sie hat richtig gehandelt.

Karkowsky: Lebendige Geschichte, Simone und Walter Sobel, diese beiden waren unter den 600 DDR-Bürgern, die heute vor 30 Jahren das sogenannte Paneuropäische Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze zur Flucht nutzten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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