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Zeitfragen | Beitrag vom 24.02.2021

Pandemien und kultureller Wandel Seuchen bewirken Tod – und Fortschritt

Von Tobias Barth und Lorenz Hoffmann

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Historische Illustration einer Gruppe hustender Menschen, 1918. (imago images / United Archives International)
Werbung für das Grippemittel Formamint von 1918. Die Tabletten enthielten Formaldehyd. Heute weiß man, dass dieser Wirkstoff gesundheitsschädlich ist. (imago images / United Archives International)

Im Mittelalter wütet in Europa die Pest, im 19. Jahrhundert sterben Hunderttausende Menschen an Cholera und in den 80er-Jahren versetzt Aids die Menschen in Panik. Epidemien sind Teil der Menschheitsgeschichte – im Negativen wie im Positiven.

"Etwa zu Frühlingsanfang des genannten Jahres begann die Krankheit schrecklich und erstaunlich ihre verheerenden Wirkungen zu zeigen. Dabei war aber nicht, wie im Orient, das Nasenbluten ein offenbares Zeichen unvermeidlichen Todes, sondern es kamen zu Anfang der Krankheit gleichermaßen bei Mann und Weib an den Leisten oder in den Achselhöhlen gewisse Geschwulste zum Vorschein, die manchmal so groß wie ein gewöhnlicher Apfel, manchmal wie ein Ei wurden, bei den einen sich in größerer, bei den andern in geringerer Anzahl zeigten und schlechtweg Pestbeulen genannt wurden."

Fast 700 Jahre ist es her, da beschreibt der Dichter Giovanni Boccaccio den Ausbruch einer Seuche, die wie bisher keine Zweite einen kulturellen Wandel verursachte. Die Pest des Jahres 1348.  

"Die Seuche gewann umso größere Kraft, da sie durch den Verkehr von den Kranken auf die Gesunden überging, wie das Feuer trockene oder brennbare Stoffe ergreift, wenn sie ihm nahe gebracht werden. Ja, soweit erstreckte sich dies Übel, dass nicht allein der Umgang die Gesunden ansteckte und den Keim des gemeinsamen Todes in sie legte; schon die Berührung der Kleider oder anderer Dinge, die ein Kranker gebraucht oder angefasst hatte, schien die Krankheit dem Berührenden mitzuteilen." 

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"Ursprünglich kommt die aus Asien, so weiß man das heute, und die wandert dann über die Handelswege nach Italien und wütet wirklich heftig in Italien und wandert dann über die Alpen in das Heilige Römische Reich und wütet da in verschiedenen Städten, immer in so verschiedenen Wellen."

Robert Kluth ist Historiker und hat für das Deutsche Historische Museum zur Kulturgeschichte von Pandemien gearbeitet – auch zur Pest im 14. Jahrhundert. Die wohl berühmteste zeitgenössische Schilderung ist die Erzählung von Boccaccios "Dekamerone". Der Kaufmannssohn aus Florenz beschreibt, wie die Stadtbewohner auf die Bedrohung durch den "Schwarzen Tod" reagieren: 

"Es entstand ein allgemeiner Schrecken, und mancherlei Vorkehrungen wurden von denen getroffen, die noch am Leben waren. Fast alle strebten zu ein und demselben grausamen Ziele hin, die Kranken nämlich und was zu ihnen gehörte, zu vermeiden und zu fliehen, in der Hoffnung, sich auf solche Weise selbst zu retten. Einige waren der Meinung, ein mäßiges Leben, frei von jeder Üppigkeit, vermöge die Widerstandskraft besonders zu stärken. (…) Diese taten sich in kleineren Kreisen zusammen und lebten, getrennt von den übrigen, abgesondert in ihren Häusern" 

Giovanni Boccaccio (1313 - 1375) in einer undatierten Radiering von  Abraham Bloteling, nach der Vorlage von  Cornelis van Dalen. (picture alliance / Liszt Collection) Giovanni Boccaccio: "Schon die Berührung der Kleider oder anderer Dinge, die ein Kranker gebraucht oder angefasst hatte, schien die Krankheit dem Berührenden mitzuteilen.“ Hier in einer undatierten Radiering von Abraham Bloteling, nach der Vorlage von Cornelis van Dalen. (picture alliance / Liszt Collection)
Die tief religiösen Menschen sind verunsichert: Woher kommt das große Sterben – ist es eine Strafe Gottes?   

"Absolut zieht es, dass das Gott ist, also die Geißel Gottes. Und diese Geißel Gottes wird so interpretiert, dass die Menschen im Mittelalter irgendetwas falsch gemacht haben. Also das es irgendwie die sündige Menschheit gibt und Gott dafür straft mit dieser Krankheit. Und ich finde das jetzt bei der Quarantäne interessant. Ja, also die Quarantäne, das sind ja 40 Tage. Daher kommt das also, quarante, und das hat eigentlich auch biblische Bezüge. Also man geht 40 Tage büßen quasi, um auf die Art und Weise irgendwie Gott zu besänftigen. Und gleichzeitig ist es ein Problem für die Menschen, weil – jetzt sterben die Menschen aber trotzdem. Und irgendwie lässt Gott sich anscheinend nicht besänftigen", sagt Robert Kluth.

So heißt es weiter bei Boccaccio Dekamerone:
"Andere aber waren der entgegengesetzten Meinung zugetan und versicherten, viel zu trinken, gut zu leben, mit Gesang und Scherz umherzugehen, in allen Dingen, soweit es sich tun ließe, seine Lust zu befriedigen und über jedes Ereignis zu lachen und zu spaßen, sei das sicherste Heilmittel für ein solches Übel. Diese verwirklichten denn auch ihre Reden nach Kräften. Dies wurde ihnen auch leicht gemacht, denn als wäre sein Tod gewiss, so hatte jeder sich und alles, was ihm gehörte, aufgegeben. Dadurch waren die meisten Häuser herrenlos geworden, und der Fremde bediente sich ihrer, wenn er sie zufällig betrat, ganz wie es der Eigentümer selbst getan hätte." 

"Das ist eine brutale Krankheit, die ziemlich schnell zum Tod führt und am Ende, es gibt Schätzungen. Am Ende sind so 25 Millionen Menschen gestorben, und das ist etwa ein Drittel der Bevölkerung gewesen. Es ist wirklich eine riesige demografische Katastrophe für Europa gewesen", erläutert der Historiker. 

Fortschritt im Zuge der Pest?

Ganze Landstriche veröden, Felder und Äcker werden aufgegeben, weil es an Händen fehlt, sie zu bearbeiten. Die Leute ziehen in die Städte, das Leben sortiert sich neu. Fundamental neu. 

"Es gibt da technische Innovationen wie zum Beispiel den Buchdruck, also, dass man jetzt Bücher nicht mehr per Hand abschreiben muss, sondern dass das quasi eine Art Maschine macht. Und in der Forschung wird jetzt gesagt, dadurch, dass dann da so viele Menschen gestorben sind durch die Pest, kommt es dazu, dass sich dieser Buchdruck, diese technische Innovation tatsächlich dann auch durchsetzt. Und der Buchdruck ist neben der Reformation und neben der Entdeckung Amerikas, wird heute von den Historikern als eine Epochenschwelle angesehen. Da könnte man die Pest als Ermöglicher einer neuen Zeit deuten, wenn man das möchte." 

Mittelalterliche Darstellung einer Prozession mit Papst Gregor den Großen an der Spitze, ihm folgen Kardinäle, Mönche, Einsiedler, Männer, Frauen und Kinder. (imago images / United Archives International)Erleuchtung von Papst Gregor dem Großen der eine Prozession leitete, um für die Beendigung der Pest zu beten. Die Beulenpest hatte 1348 Europa erreicht und ein Drittel der Bevölkerung getötet. (imago images / United Archives International)

Der pandemiebedingte Mangel an Arbeitskraft und tätigen Händen führt dieser These nach zu technischem Fortschritt. Wie dem auch sei: Durch den Buchdruck lassen sich Flugschriften schnell verbreiten, Zeitungen werden überhaupt erst möglich. Eine Revolution der Kommunikation, die enorme gesellschaftliche Folgen hat.

Das gilt auch für Macht- und Besitzstrukturen und für Herrschaftsverhältnisse, wie der Historiker Robert Kluth beschreibt: Die Obrigkeit versucht, irgendwie der Seuche Herr zu werden. Es sind die alten städtischen Eliten, die Quarantäne durchsetzen, mit teils brutalen Methoden Kranke isolieren – und dann trotzdem selbst erkranken.

"Das bedeutet, die alte Oberschicht in den Städten, die ist dann weg, die stirbt. Und da rücken dann die Handwerker nach. Heute würde man sagen, die Mittelschicht. Und die Mittelschicht übernimmt dann die Macht in den Städten, die Handwerker-Gilden. Und das ist ganz generell ein Prozess im Mittelalter: Dass die alte bürgerliche Oberschicht ersetzt wird durch die Handwerkergilden. Und das wird durch die Pest verstärkt, durch diese demografische Katastrophe."

Das Leben leben – und sich mit Kunst verewigen

Die Pest wütet unter den Reichen jener Zeit genauso wie unter der einfachen Bevölkerung. Riesige Vermögen werden vererbt und fließen in den Händen weniger Superreicher zusammen. Auf einmal ist Geld im Überfluss da. Bei der Frage, wofür es ausgegeben werden soll, spielt die existenzielle Erfahrung der Vergänglichkeit eine große Rolle.  

"Vita brevis, ars longa – Das Leben ist kurz, die Kunst von Dauer."

Heißt es beim antiken Arzt Hippokrates. Auf dieses Motto beruft man sich. Kunstwerke sichern dem, der sie stiftet, dauerndes Andenken über den Tod hinaus. Kaufleute, Kardinäle und Fürsten überbieten sich als Kunstförderer und Mäzene. Allen voran die florentinische Familie Medici. So schafft indirekt die Pest die Grundlagen für die große künstlerische Blüte der Renaissancezeit. Und auch für die damit einhergehende Gründung von Schulen und Universitäten.  

"Wenn ich merke, dass um mich herum ständig gestorben wird, dann kann ich wohl – heute würden wir sagen – wohltätige Stiftungen machen, um vor Gott gut dazustehen. Und daher kommen dann diese ganzen religiösen Stiftungen. Die Leute haben geglaubt, das ist das Ende der Zeit, und deswegen muss ich mich jetzt vorbereiten und dann stifte ich zum Beispiel eine Schule. Und auf die Art und Weise kommt dann – aus der heutigen Sicht – Bildung in die Welt. Aus der damaligen Sicht ist es halt eine Form von Gottesverehrung." 

Der Mensch wird zum Individuum

In den Scholas und Universitäten der Renaissancezeit, aber auch in der Literatur und Kunst wird das Verhältnis von Mensch und Gott diskutiert und hinterfragt. Wiederum ausgelöst durch den erlittenen Schrecken der großen Seuche. 

"Und dann gibt es halt so Menschen wie Petrarca, der dann fragt, warum bestraft uns Gott so hart? Wir sind jetzt zwar sündige Menschen, und wir haben auch Fehler gemacht. Aber warum denn nicht früher? Warum gab es solch eine Krankheit nicht früher? Und das stellt ein Weltbild infrage. Und das ist natürlich eine Infragestellung der göttlichen Allmacht und damit, beginnt, könnte man sagen, beginnt auch die Renaissance. Und es beginnt auch ein neues Denken."

Der italienische Geschichtsschreiber Petrarca stellt fest: "Gesündigt haben wir, jawohl, mit allen anderen. Gegeißelt werden wir allein!" Der Blick auf den Einzelnen, auf das Individuum ändert sich. Gott rückt aus dem Mittelpunkt des Denkens: Der Mensch nimmt diesen Platz ein. Die humanistische Weltanschauung greift Raum. Der Mensch wird für sein Schicksal selbst verantwortlich, wird zum Subjekt der Geschichte.  

Historisches Porträt vom italienischen Dichter Francesco Petrarca, 1862. (picture alliance / imageBROKER / Jaime Abecasis)Francesco Petrarca: "Gesündigt haben wir, jawohl, mit allen anderen. Gegeißelt werden wir allein!" (picture alliance / imageBROKER / Jaime Abecasis)
Die Pest wütet mehr als 300 Jahre lang immer wieder in Wellen durch Asien und Europa. Bis zum Ersten Weltkrieg mit seinen Tötungsmaschinen wird es so sein, das Seuchen in Kriegen mehr Todesopfer fordern als die eigentlichen Kampfhandlungen. Im Dreißigjährigen Krieg führen die Söldnerheere oft auch die ansteckende Krankheit im Tross. Die Truppenbewegungen der napoleonischen Zeit werden von Typhusepidemien begleitet. Um 1830 kommt eine neue Seuche nach Frankreich:

"Ich rede von der Cholera, die seitdem hier herrscht, und zwar unumschränkt, und die, ohne Rücksicht auf Stand und Gesinnung, tausendweise ihre Opfer niederwirft."

Schreibt der Pariser Korrespondent für die Augsburger Allgemeine Zeitung, ein gewisser Heinrich Heine: 

"´Wir werden einer nach dem andern in den Sack gesteckt!` sagte seufzend mein Bedienter jeden Morgen, wenn er mir die Zahl der Toten oder das Verscheiden eines Bekannten meldete. Das Wort ´in den Sack stecken` war gar keine Redefigur; es fehlte bald an Särgen, und der größte Teil der Toten wurde in Säcken beerdigt. (…) An einem öffentlichen Gebäude standen hoch aufeinandergeschichtet, viele hundert weiße Säcke, die lauter Leichname enthielten, Ich erinnere mich, dass zwei kleine Knäbchen mit betrübter Miene neben mir standen und der eine mich frug, ob ich ihm nicht sagen könne, in welchem Sacke sein Vater sei."

Die Cholera entzieht den Menschen die Energie

Die Cholera stammt vermutlich aus den Sumpfgebieten an der Mündung des Ganges. Ihre Symptome sind starke Brechdurchfälle, die Körper entwässern, ihm die Energie entziehen und eine extreme Untertemperatur zur Folge haben. Die Kranken werden binnen Kurzem ausgezehrt, es gibt Hautausschläge, eingefallene Wangen und stehende Hautfalten.

Mit den Menschen- und Warenströmen einer im 19. Jahrhundert schon umfassend globalisierten Welt kann sie sich die bakteriell übertragene Cholera ab 1814 über den Globus ausbreiten. Auf dem Seeweg gelangt sie nach China, von dort über Land nach Sibirien, Ost- und Mitteleuropa. 1831 erreicht sie die französische Hauptstadt. 

Heinrich Heine schreibt:
"Ihre Ankunft war den 29. März offiziell bekanntgemacht worden, und da (…) das Wetter sonnig und lieblich war, so tummelten sich die Pariser umso lustiger auf den Boulevards, wo man sogar Masken erblickte, die, in karikierter Missfarbigkeit und Ungestalt, die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten. Desselben Abends waren die Redouten besuchter als jemals; übermütiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik, man erhitzte sich beim Chahut, einem nicht sehr zweideutigen Tanze, man schluckte dabei allerlei Eis und sonstig kaltes Getrinke: als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte und die Maske abnahm und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorschein kam. Man merkte bald, daß solches kein Spaß sei, und das Gelächter verstummte, und mehrere Wagen voll Menschen fuhr man von der Redoute gleich nach dem Zentralhospitale, wo sie, in ihren abenteuerlichen Maskenkleidern anlangend, gleich verschieden."  

Paris und London – zwei Zentren der Industrialisierung in Europa. Sie boten den idealen Nährboden für die Cholera: dunkle, dicht bebaute Gassen, schlechte hygienische Verhältnisse. Vor allem in den Armenvierteln drängen sich viel zu viele Menschen auf engem Raum. Und so sind es die Seuchen, die nachhaltig das Stadtbild verändern. 

Historische Darstellung eines Cholera-Opfers im Bett liegend, umringt von einer Menschenmenge. (imago images / Artokoloro)Darstellung eines Cholera-Opfers in Paris im Jahr 1832. (imago images / Artokoloro)
"Das prominenteste Beispiel ist auf jeden Fall Haussmann, in Paris, wo Mitte des 19. Jahrhunderts ganz neue Straßen gebaut wurden und wirklich der Staat als ordnungspolitischer Akteur das erste Mal so stark aufgetreten ist."

Alina Wandelt ist Architektursoziologin an der Universität Leipzig. Sie blickt zurück auf die Zeit um 1850, als unter Napoleon dem Dritten der Stadtplaner Georges Eugene Haussmann der französischen Metropole ihr bis heute erhaltenes Bild gibt – geprägt durch die großen Boulevards. 

"Und ja, da ging es auch hier eben darum, dass Paris jetzt gesünder, luftiger, bester durchlüftet wird. Dass die Straßen nicht so eng sind, wo sich Krankheiten festsetzen können."

Auf der Suche nach dem Cholera-Erreger

Noch weiß man nicht, dass der Cholera-Erreger durch das Trinkwasser übertragen wird, aber man ahnt es.

1832 befehlen die Stadtoberen in London, Abwässer und Verschlammungen aus den übelriechenden Kanälen in die Themse spülen. Da aber das Trinkwasser wiederum aus der Themse aufbereitet wird, verstärkt das die Verseuchung und führt zu einer Epidemie mit 14.000 Toten. Und das ist erst der Anfang. 

"Man kannte zwar eine einheimische Form der Cholera, die Cholera nostra, aber die war längst nicht so gefährlich wie die Cholera asiatika."

Der bayerische Medizinhistoriker Manfred Vasold hat den Verlauf der Cholera im 19. Jahrhundert erforscht.

"Die Cholera asiatika hat sich unaufhaltsam vermehrt. Man hat an der Landesgrenze Soldaten abgestellt, die sozusagen den Zustrom abwehren sollten. Aber es war unmöglich. Die Cholera kann Stück für Stück näher aus Asien kommend nach Europa nach Deutschland."

380.000 Cholera-Tote in 60 Jahren

60.000 Soldaten hat Preußen zur Abwehr der Cholera an seinen Grenzen aufgestellt. Vergeblich. Zwischen 1830 und 1890 gibt es allein hier schätzungsweise 380.000 Cholera-Tote. 1854 erlebt Bayern einen massiven Ausbruch der Cholera. Als Konsequenz aus der verheerenden Pandemie entsteht von München ausgehend die Hygienebewegung – maßgeblich begründet vom Münchner Arzt Max von Pettenkofer.

"Pettenkofer hat noch geglaubt, dass aus der Erde irgendwelche Miasmen ausströmen, wo der Mensch seine Notdurft verrichtet und das aus den Miasmen, die Krankheiten entstehen. Das war seine Vorstellung."

Mit seiner Miasmentheorie liegt Pettenkofer falsch. Robert Koch wird sie 1884 widerlegen, als er den Cholera-Erreger entdeckt. Und dennoch veranlasst Pettenkofer als Berater des bayerischen Königs das Richtige: Von den 1860er-Jahren an wird in München eine neue Kanalisation errichtet:

"Das Wichtigste war sicherlich die Trinkwasserzufuhr nach München, die aus den Quellen südlich von München aus den Alpen gekommen ist. Vor allem die Mangfall-Quellen hat er genutzt und hat daraus Trinkwasser für die Stadt München gemacht. Das Trinkwasser war vorher in einem beklagenswerten Zustand. Wir hatten dieselbe Situation noch 1892 in Hamburg. Als Robert Koch nach Hamburg gerufen wurde und er sagte, er könne nicht glauben, dass er sich in Europa befindet."

Desinfektionskolonne mit Karre, Eimern und Leiter, während des Choleraausbruchs in Hamburg, 1892. (picture-alliance / akg-images)Desinfektionskolonne während des Choleraausbruchs in Hamburg, 1892. (picture-alliance / akg-images)
Besonders im Hamburger Gängeviertel, dem Quartier des Lumpenproletariats, grassiert die Cholera. Die hygienischen Verhältnisse, die Robert Koch hier vorfindet, sind katastrophal.  

"Es gibt dann Ideen, die Armen sind besonders krank, das heißt, ich als reicher Mensch muss mich vor den Armen schützen, weil die bringen mir diese Cholera, diesen blauen Tod. Und da gibt es große Spannungen zwischen Arm und Reich. Wenn man den Armen jetzt zuschiebt, dass die dafür verantwortlich seien. Und umgedreht, passiert das Gleiche! Die Armen werfen dann wiederum den Reichen vor, sie würden sie vergiften, weil sie sich auf die Art und Weise die Arbeitslosen vom Hals schaffen wollen würden. Und da gibt es so einen versteckten Klassenkampf mit dem Vehikel der Pandemie", sagt Robert Kluth.

Beginn des sozialen Wohnungsbaus

Als Folge der Epidemie beschließt Hamburg nicht nur den Bau einer besseren sanitären Infrastruktur, sondern auch mehr Mitspracherechte für die niederen Schichten in der Bürgerschaft. Allgemein werden in den Großstädten beengte und schmutzige Wohnverhältnisse als Gefahrenherde erkannt. Wohlhabende Unternehmer wie Hermann Julius Meyer in Leipzig und Margarete Krupp in Essen gründen Stiftungen zum Bau preiswerter und gesunder Wohnungen. Vorformen des sozialen Wohnungsbaus – auch das eine Folgeerscheinung der tödlichen Krankheit.

"Was vielleicht ein bisschen überraschender ist in der Hinsicht, dass eben sich nicht nur diese Disziplin der Stadtplanung in der Folge von Pandemien gegründet hat, sondern auch ganze architektonische Stile eigentlich darauf zurückzuführen sind. Es gibt ja diesen Mythos vom Bauhaus oder von der Architektur der Moderne als extrem funktionalistischen, effizienten Stil, der die rationale Lebensführung und so weiter nahelegt. Aber interessant daran ist eben auch das, dass das zu einer Zeit entstand, in der Tuberkulose ein sehr großes Problem war", erläutert Alina Wandelt.

Historische Fotografie von Robert Koch am Tisch, um 1900. (picture alliance / akg-images)Die hygienischen Verhältnisse, die Robert Koch in Hamburg vorfand, waren katastrophal. Hier um 1900. (picture alliance / akg-images)
Zwei Jahre vor dem Cholera-Erreger entdeckt Robert Koch 1882 an der Berliner Charité den Erreger der Tuberkulose und forscht fieberhaft an einem Heilmittel. Zeitgleich entwickelt der katalanische Arzt Jaume Ferran i Clua einen ersten Cholera-Impfstoff. Er kann dabei auf Methoden zurückgreifen, die in der Medizin damals schon mehr als 100 Jahre bekannt sind. Das Prinzip der Impfung wurde in Europa seit dem Ende des 18. Jahrhunderts erfolgreich angewendet. Zuerst hatte 1786 Franz Heinrich Meinolf Wilhelm in Würzburg erfolgreich ein Vaccin gegen die Pocken geimpft.  

"Das ist bekannt, dass 1807 Bayern als erstes Land, soweit man weiß, als erster Flächenstaat diese Schutzimpfung eingeführt hat. Die Folge davon war, dass bayerische Städte unter Umständen sehr viel weniger Tote hatten als norddeutsche Städte in Zeiten von Pockenepidemien. Die Pocken sind allgemein ganz gut bekannt, vor allem durch die weite Verbreitung der Pocken im 18. Jahrhundert.

Nicht bekannt in Deutschland ist, dass wir die letzte große Pockenepidemie mit weit über 100.000 Toten hatten 1871, 72, 73 und erst danach nämlich 1874, hat der Reichstag ein Gesetz erlassen, dass alle Kinder alle Neugeborenen im ersten Lebensjahr und dann noch mal im zwölften Lebensjahr geimpft werden müssten, und wer ihm nicht gefolgt ist, der konnte bestraft werden mit Gefängnisaufenthalten", sagt Manfred Vasold.  

Gründe für das erfolgreiche Eindämmen der Epidemien

Pocken, Typhus, Cholera, Fleckfieber und Tuberkulose: Vor allem als Reaktion auf die großen Seuchen des 19. Jahrhunderts entsteht erstens die moderne Labormedizin mit Mikroskopie, Biochemie und Reihenuntersuchungen. Zweitens setzen sich Impfungen durch, wenn auch teilweise erzwungen, und drittens greifen mehr und mehr allgemeine Hygiene-Maßnahmen. Diese drei Entwicklungen zusammen bedeuten medizinhistorisch einen Epochenbruch.

Sie markieren, wie der Historiker Jürgen Osterhammel es nennt, den "Anfang vom Ende des medizinischen Ancien Régime", also den Beginn eines aufklärerischen modernen Gesundheitswesens.
 
"Wie ein böses, gieriges Ungeheuer rast du über den Erdball, frisst Kinder, Frauen und Männer, Schwarz und Weiß –
bist so gerecht in deiner Grausamkeit.
Mergelst Körper aus, raubst uns den Verstand, der uns vor
dir am Leben erhalten soll. Nimmst den Armen das letzte bisschen Leben, wie es dir gefällt."

"Zwiegespräch mit dem Aidsvirus" von Thomas Stang, 1988.

Eine neue tödliche Epidemie – Aids

Die Texte des Dichters werden bis heute unter anderem von Aidshilfe-Vereinen verwendet. 

"Doch ich kämpfe für alle unsere Freunde, die du uns geraubt hast, und halt dir dein größten Feind entgegen: das Leben! Du kannst auch meinen Körper haben, meine Würde und meine Seele bekommst du nicht. Sie sind ein Geschenk an die Ewigkeit. Du bist ein so erbarmungsloser Feind. Doch tief in unseren Herzen werden wir auf unseren Totenbetten zu dem, was wir sind. Menschen. Ich habe fast Mitleid mit dir, weil du die Verpflichtung zur Menschlichkeit bist: ´Aids ist die Verpflichtung zur Menschlichkeit.`" 

"Ich selber bin jetzt Anfang, Mitte 50 und hatte mein Coming-out 1984. Ich habe diese Zeit schon sehr bewusst miterlebt und auch Freunde von mir sind damals gestorben."

Peter Rehberg ist Publizist und Archivar des Schwulen Museums Berlin.

"Ich habe auch viele Freunde, die Langzeitpositive sind und die dann zum Teil auch später gestorben sind. Das ist ja auch alles noch nicht vorbei in dem Sinne." 

"Und wenn man insbesondere in Deutschland die Aids-Krise beobachtet, dann taucht Aids quasi mit einem Spiegel-Artikel im Juni 1983 auf."  

Ringo Rösener ist Kulturhistoriker an der Uni Leipzig. Er verweist auf den Spiegel-Titel, der zwei nackte Männer in intimer Pose zeigt. Das Geschlechtsteil wird mittels Fotomontage verdeckt von einem stilisierten Virus. Die Überschrift heißt: "Tödliche Seuche AIDS – Die rätselhafte Krankheit".  

"Und damit setzt der Spiegel quasi eine Stigmatisierungstendenz ein, die bis weit in die 90er-Jahre und wahrscheinlich auch noch bis heute irgendwie trägt." 

Stigmatisierung, Ausgrenzung, Verleumdung

Würdenträger der katholischen Kirche bezeichnen damals die Immunschwächekrankheit als eine "Strafe Gottes". Der CSU-Politiker Peter Gauweiler, Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, setzt einen Maßnahmenkatalog durch, der Zwangstests von Prostituierten und Heroinabhängigen beinhaltet. Ein bayerischer Sonderweg. Horst Seehofer denkt sogar öffentlich darüber nach, Aids-Infizierte in "speziellen Heimen" zu sammeln oder Zitat zu "konzentrieren".  

"Ich glaube, das Wichtigste tatsächlich ist, dass wir im Gegensatz zu der Krise, die wir jetzt haben, diese unglaublich soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung einherging, die dafür sorgt, dass neben der körperlichen Krankheit quasi dieses Alleingelassen dominiert. Die Leute sind jämmerlich an Aids gestorben in Berlin und wurden dann von ihren Eltern, die ja eh schon nicht wollten, dass ihr Sohn als Homosexueller bekannt wurde, abgeholt und in irgendeinem Dorf, ich will nicht verscharrt sagen, aber zumindest so begraben, dass keiner davon wusste, wo die liegen. Bis hin dazu, dass den Nachbarn gesagt wurde, der Junge ist an Krebs gestorben, und wir sind ganz traurig, während alle seine Freunde in den Großstädten überhaupt gar nicht die Chance hatten, um die Leute zu trauern."  

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Aids-Hilfen und Mitglieder der Frankfurter Organisation "Act Up" blockieren den Eingang des hessischen Landtags in Wiesbaden.  (picture alliance / dpa / Arne_Dedert)Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Aids-Hilfen und Mitglieder der Frankfurter Organisation "Act Up" blockieren den Eingang des hessischen Landtags in Wiesbaden, undatiert. (picture alliance / dpa / Arne_Dedert)
Auf bundespolitischer Ebene ist es dann die CDU-Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, die sich mit ihrer Aids-Strategie durchsetzt: staatliche Solidarität mit den Betroffenen, finanzielle Unterstützung von Aufklärungsinitiativen, Beratungs- und Selbsthilfenetzwerken und große Präventionskampagnen für "safer sex".

Diese neue Gesundheitspolitik lernt von den Patienten und das hat nachhaltige Wirkungen: 

"Sie müssen sich vorstellen, Aids-Kranke und HIV-Positive waren keine gern gesehenen Patienten. Es gab etliche Ärzte, die die Leute wieder quasi vor die Tür geschickt haben. Und so ein Krankenhaus wie das Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Berlin, die eine Infektiologie hatten und sich dem Thema annahm, hatten Gott sei Dank Ärzte wie Manfred Laasch, der dafür gesorgt hat, dass das ganze System um die Patienten herum neu strukturiert wurde. Es wurde viel sozialer. Familie, Freunde durften übernachten, wurden als Pflegesorge genutzt. Ich glaube, das sind alles Sachen, die bis heute nachwirken. Also diese Art von Vermenschlichung der Behandlung."

Der Blick der Gesellschaft auf Aidskranke und die sogenannten "Risikogruppen" ändert sich.

Aids beförderte die Emanzipation – und die Anpassung

"Zu Beginn der HIV-, Aids-Pandemie tauchte der Schwule als gefährliches Monster auf, mit dem Sex zu haben tödlich ist. Das war sozusagen die Horrorfantasie. Daraus ist dann aber eigentlich doch ein Opfer geworden. Daraus ist doch eigentlich jemand geworden, der eine starke und letztendlich tödliche Infektionskrankheit hat und der Fürsorge und Solidarität braucht." 

Zum einen, so analysiert Peter Rehberg, habe Aids die Schwulenbewegung neu politisiert. Man denke an die Zwangsoutings prominenter Homosexueller durch den Filmemacher Rosa von Praunheim. Eine aus dessen Sicht radikale aber notwendige Offensive für schwules Selbstbewusstsein in der Gesellschaft. 

"Auf der anderen Seite würde ich aber auch immer sagen, HIV, Aids hat auch zu einer großen Anpassungsbewegung der Schwulen insbesondere geführt, ist in gewisser Weise vielleicht tatsächlich auch Initialmoment oder zumindest ein Faktor gewesen, an dessen Ende dann die Homo-Ehe steht", sagt Peter Rehberg vom Schwulen Museum Berlin.

Ein Frau geht an einem roten Plakat mit dem Spruch "Rettet die Liebe - Stoppt Aids" vorbei. Im Vordegrund ist eine liegende Frauenskulptur zu sehen. (picture alliance / dpa /  Carsten Rehder)Die Hamburger Gesundheitsbehörde hatte im Januar 1988 eine neue Aids-Aufklärungskampagne unter dem Motto "Aufklärung darf keine Angst machen" gestartet. (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)
Vor allem aber bringt Aids einen anderen Umgang von homosexuellen Männern untereinander hervor. Peter Rehberg zitiert den kanadischen Konzeptkünstler A.A. Bronson:

"Seine Kollegen und Freunde sind an Aids gestorben. Und als ich mich mit ihm über den Zusammenhang Intimität und Aids unterhalten habe, da hat er zu mir gesagt, dass Aids doch tatsächlich der Moment war und der Anlass war, das schwule Männer ihre Gefühle zeigen konnten. Oder dass sie sich sagen konnten, dass sie sich lieben und dass das sozusagen eine Dimension, eine emotionale oder eine affektive Dimension in die Beziehung unter schwulen Männern gebracht hat angesichts des Todes, die er so vorher nicht erlebt hat."

Gibt es eine positive Geschichte der Seuchen?

Pandemien erscheinen rückblickend oft als kulturelle Wendepunkte. Die Pest hat technische Innovationen wie den Buchdruck befördert und die Renaissance angestoßen, die großen Seuchen des 19. Jahrhunderts Hygienebewusstsein und eine neue Medizin hervorgebracht sowie das Antlitz unserer Städte verändert, die HIV-Aids-Pandemie eine Öffnung der Gesellschaft bewirkt.  

Gibt es sie also tatsächlich, eine positive Geschichte der Seuchen? Pandemien als kulturelle Wendepunkte? Vor allem in den Anfangszeiten der aktuellen Pandemie kursierten Hoffnungen, Covid-19 könne zu einer Art Läuterung der globalen Gemeinschaft führen. Zu einer Abkehr von der neoliberalen Ideologie des grenzenlosen Wirtschaftswachstums. Klimaschutz, innergesellschaftliche und globale Solidarität würden nun in den Fokus rücken. Aber es ist noch zu früh, das zu beurteilen.

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