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Tonart | Beitrag vom 06.03.2019

"Palo Alto" von KettcarHymne für Digitalisierungsverlierer

Marcus Wiebusch im Gespräch mit Mathias Mauersberger

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Marcus Wiebusch steht in einem dunklen Mantel unter einer Brücke an einer Strassenkreuzung. (Andreas Hornoff)
Virginie Despentes' Roman "Das Leben des Vernon Subutex" inspirierte Kettcar zum Song "Palo Alto", erklärt Marcus Wiebusch. (Andreas Hornoff)

Kettcar beschreibt in "Palo Alto" Menschen, die durch die Digitalisierung ihren Job verloren haben und die ins Silicon Valley reisen, um sich dagegen zu wehren. Der Song ist Ausdruck einer großen Verzweiflung, erklärt Sänger Marcus Wiebusch.

Mathias Mauersberger: Ein Kulturjournalist, ein Plattenladenbesitzer, eine Pornodarstellerin und ein Bankangestellter treffen sich in einem Waschsalon, und sie beschließen gemeinsam, nach Palo Alto, Kalifornien, zu reisen. So beginnt eher unverfänglich der neue Song der Gruppe Kettcar und entwickelt sich zu einer Hymne für alle Digitalisierungsverlierer. 

Herr Wiebusch, Sie beschreiben in "Palo Alto" ja vier Menschen, deren Jobs durch die Digitalisierung wegrationalisiert wurden, wenn ich das richtig verstanden habe, und diese vier Leute beschließen, sich zu wehren, sie bewaffnen sich mit Benzinkanistern, reisen nach Kalifornien ins Mekka der IT-Industrie. Was hat Sie zu dem Stück inspiriert?

Wiebusch: Der ursprünglich Anstoß war ein Buch der französischen Schriftstellerin Virginie Despentes, "Das Leben des Vernon Subutex", wo im Frankreich der heutigen Zeit verschiedene Digitalisierungsverlierer aufeinandertreffen und durchdekliniert werden.

Dieses Buch hat uns Songwriter in der Band sehr, sehr stark beschäftigt. Wir haben sehr viel darüber diskutiert und haben gesagt, dieses Buch müssen wir eigentlich in Form eines Songs gebacken kriegen. Das haben wir versucht und daraus ist "Palo Alto" entstanden, wobei bei uns die Geschichte so mündet, dass die Digitalisierungsverlierer nach Kalifornien fahren und mit der markigen Zeile "Burn, Palo Alto, burn" den Laden in die Luft sprengen wollen. Wobei ich aber zu Protokoll geben möchte, dass das jetzt keine direkte Handlungsanweisung ist, sondern eher ein Ausdruck einer einigermaßen großen Verzweiflung.

"Ausdruck einer Verzweiflung"

Mauersberger: Sie wollen also nicht zu Gewalt anstiften.

Wiebusch: Nein, die Menschen in dem Song sind ja auch ernsthaft verrückt. Das ist ja totaler Quatsch, mit Benzinkanistern irgendwo hinzufahren und dann zu denken, man würde irgendwas lösen. Aber es ist trotzdem ein Ausdruck einer Verzweiflung, und ich glaube, diese Verzweiflung werden wir in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten noch sehr, sehr häufig um die Ohren geschlagen bekommen.

Mauersberger: Sie erwähnen im Stück tatsächlich Typen, die zum einen vielleicht verrückt sind, auf der anderen Seite sind es Typen, die man aus dem Kulturumfeld auch kennen könnte, den begeisterten Kulturjournalisten, den Plattenladenbesitzer, beides sind Berufsbereiche, die Ihnen vielleicht auch als Musiker sicherlich nah sind. Hatten Sie da konkrete Beispiele aus Ihrem Umfeld im Kopf?

Wiebusch: Man muss sich ja nur angucken, wie die Musikpresse in den letzten Wochen, Monaten oder Jahren im freien Fall ist: "Intro" hat dicht gemacht, "Spex" hat dicht gemacht.

Mauersberger: Die großen Musikmagazine, die Printmagazine, die es nicht mehr gibt.

Wiebusch: Die großen, genau. Und ich sehe aber auch ehrlich gesagt keine adäquate Entsprechung dafür im Internet, weil ja die Algorithmen sowieso alles klar machen, was die Leute hören sollen. Also es ist schon wirklich auf dieser Ebene dramatisch.

Jetzt könnte man natürlich entgegnen, ja, mein Gott, dann haben halt ein paar Musikredakteure ihren Job verloren. Aber das sind ja nur die Vorboten, das darf man, glaube ich, auch nicht immer außer Acht lassen, weil … Also das hat jetzt mal so einen Plattenladenbesitzer getroffen, na klar, Platte stirbt aus, und natürlich, Printmagazine muss man jetzt auch keine Träne hinterherweinen, aber das sind schon Vorboten, meiner Meinung nach. Und da kann man auch mal drüber nachdenken, was man dagegen machen kann.

Markus Wiebusch steht auf der Bühne und singt ins Mikrofon. Im Vordergrund sind die Arme des klatschenden Publikums zu sehen. (imago stock / opokupix)Markus Wiebusch, Sänger der Band Kettcar beim Heimspiel Festival in Eltville, Sommer 2018. (imago stock / opokupix)
Mauersberger: Und Sie haben früh etwas gemacht, Sie haben früh ein eigenes Label gegründet mit Kettcar, damals in einer Zeit, in der es zwar noch mehr Labels gab, aber die großen Label oder überhaupt Plattenfirmen langsam auch schon die Digitalisierung zu spüren bekamen. Ihre Plattenfirma war relativ erfolgreich, so wie ich das sehe. Wie bekommen Sie die Digitalisierung denn heute noch zu spüren?

Wiebusch: Natürlich: Wir verkaufen keine Platten mehr. Ich glaube, man kann das ganz knüppelhart runterbrechen darauf, was man früher so … Wenn man früher so ungefähr zehn Euro für so ein Album bekommen hat und das dann sich nach unten so für uns gerechnet hat, sage ich jetzt mal, sind die Kids oder die jüngeren Menschen heute komplett bei Spotify.

Und da bin ich auch nicht der erste, der sagt, dass das wenig ist, was man da am Ende des Tages rüberkriegt. Aber natürlich, wir haben deswegen überlebt, weil wir natürlich wissen, dass die Menschen immer Musik hören wollen und sie wollen auch immer die Musik von Kettcar hören.

Und wir haben unsere eigene Plattenfirma nicht nur gegründet – wir haben unsere Live-Agentur, wir haben unseren eigenen Verlag, wir haben eigenes Merchandise. Also das hat sich so ausdiversifiziert, und so gesehen haben wir deswegen halt überlebt, weil wir auf verschiedenen Ebenen halt …

Mauersberger: … unterwegs sind.

Wiebusch: Ja.

Mauersberger: Interessant finde ich auch, dass es in Ihren Stücken immer wieder um ein Wir-Gefühl geht. Ihr letztes Album hieß "Ich vs. Wir". Im Stück "Palo Alto" scheint dann auch die Gemeinschaft eine Rolle zu spielen, das Sich-mit-anderen-Verbünden. Ist das tatsächlich die Lösung, mehr Solidarität?

Wiebusch: Also niemand will am Ende des Tages ganz alleine sein. Also selbst der härteste Nihilist weiß, dass er da draußen auch Gleichgesinnte findet und es ist immer besser, wenn man etwas mit anderen Menschen zusammen macht, mit denen man sich verbunden fühlt. Und, ja, so ein Wir ist natürlich auch deswegen so wichtig, weil es natürlich auch – wenn sich halt auf so ein demokratisches Miteinander geeinigt werden kann – eine Bastion ist, also gegenüber jeder Form von radikaler Gesinnung. Und das ist wichtig, na klar.

"Es geht in diesem Song um eine Heuchelei"

Mauersberger: Und das führt uns dann auch zum anderen Song auf der neuen EP, die Sie jetzt gerade veröffentlicht haben mit Kettcar, "Scheine in den Graben", hier singen nämlich ganz, ganz viele Sängerinnen und Sänger aus der deutschen, ich sage mal, alternativen Musikszene mit. Die Rapperin Sookee, Bela B ist mit dabei von den Ärzten, Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen. Wieso diese Vielzahl an Gastsängern und Stimmen?

Wiebusch: Dieses Spannungsfeld "Ich vs. Wir" war für uns in den letzten Jahren immer ganz, ganz wichtig. Als wir diesen Song "Scheine in den Graben" geschrieben haben, fanden wir, dass das ein Thema ist. Es geht in diesem Song um so eine Heuchelei, eine heuchlerische Empathie einer oberen Schicht, die sich halt dadurch kennzeichnet, dass sie halt mehr darüber redet, dass sie Gutes tut, als dass sie wirklich was bewirken will. Wir fanden, es war an der Zeit, sich darüber ein bisschen lustig zu machen.

Und wir hatten irgendwie das Gefühl, dass sich auf diesen Ansatz auch gleichzeitig … Der Subtext ist natürlich, dass es wahnsinnig ungerecht verteilt ist in dieser Gesellschaft. Aber wir hatten das Gefühl, dass sich auf diesen Gedanken sehr, sehr viele Menschen, die wir persönlich auch kennen und schätzen, einigen können.

Und ich fand den Gedanken dann halt toll, viele Leute unterschiedlichster Couleur zusammenzukriegen, bei denen man allen aber das Gefühl hatte, dass sie das sind, was man so links-progressiv nennt, und das sind sie alle. Und ich habe in den Anschreiben an die jeweiligen Künstler dann auch geschrieben, kommt, Leute, es gibt mehr, das uns verbindet als das uns trennt.

Auch wenn wir jetzt nicht in jedem Punkt im linken politischen Spektrum einer Meinung sind, haben wir mehr, das uns verbindet. Und das ist, finde ich, eigentlich auch wichtig, dass man hier und da auch mal wieder das Gefühl von Allianz und dass man so ein Wir gegenbildet, damit man sich nicht völlig vereinzelt und individualisiert, weil das führt nämlich zu Stillstand.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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