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Studio 9 | Beitrag vom 01.06.2015

"Palestine loves Israel" Wenn Feinde zu Freunden werden

Von Christine Auerbach

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Ein arabischer Junge fährt im Osten Jerusalems auf einem Rad am Trennwall zwischen Israel und dem palästinensischen Gebiet entlang. (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)
"No wall between us" - das Einreißen von Mauern versucht auch die Bloggerin Joujou mit ihrer Facebook-Site "Palestine loves Israel". (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)

Meist begegnen sich Israelis und Palästinenser mit Misstrauen. Die Deutsch-Palästinenserin Joujou will das ändern mit ihrer Facebook-Site "Palestine loves Israel". So sind tatsächlich Freundschaften entstanden zwischen sonst verfeindeten Menschen.

Misstrauen, Vorwürfe, Angst – allzu oft prägen solche Gefühle das Verhältnis von Israelis und Palästinensern. Die Deutsch-Palästinenserin Joujou weiß das, lässt sich aber nicht abschrecken und hat auf Facebook eine Seite mit einem ziemlich utopischen Namen gegründet "Palestine loves Israel" – Palästina liebt Israel. Ausgerechnet.

Joujou: "Auf der Seite Palestine loves Israel gibt es jetzt knapp 27.000 Likes, 26.853 heute … "

Auf der Website treffen sich Israelis und Palästinenser. Sie können sich gegenseitig Fragen stellen und mehrmals pro Woche stellt Joujou einzelne Leute vor, mit Fotos und ihrer Geschichte. Ihr Ziel: Palästinenser und Israelis sollen sich besser kennen lernen.

Das klingt erst einmal banal, ist aber im Alltag der beiden Länder, mit Grenzzaun, Checkpoints und Angst vor Anschlägen kaum möglich:

"Das ist Tamer  aus Gaza. Die Geschichte ist einfach so berührend von ihm. Weil er auf die Seite kam das erste Mal mitten im Gazakrieg im Sommer 2014. Und er kam auf die Seite voller Verzweiflung. Und er hat einen Kommentar hinterlassen, in dem er die Israelis angesprochen hat mit 'Für mich seid ihr alle Monster, ich weiß gar nicht, was ihr von uns wollt'. Binnen einer Stunde hat er 50 Freunde aus Israel bekommen auf seiner Facebook-Seite. Und das hat sein Leben verändert. Und er hat mir dann geschrieben, dass ihm gar nicht klar war, dass die Israelis so viel Mitgefühl für die Menschen in Gaza zeigen können.

Geschichten wie die von Tamer, sagt Joujou, passieren ziemlich oft in ihrem Projekt. Das Gegenteil aber auch:

"Vor zwei Jahren kam ein Iraner auf die Seite, der ein Bild von Hitler gepostet hat und drunter geschrieben hat. Super Typ, der einzige Fehler war, dass er nicht genug Juden getötet hat."

Klare Kommentarregeln

Für solche Kommentare, Hasstiraden oder Trolle hat Joujou klare Regeln:

Die Leute kriegen einmal eine Verwarnung, und wenn sie sich dann nicht benehmen, sind sie halt weg. Ganz egal, in welche Richtung es geht. Ich mach keinen Unterschied, ob jemand antisemitisch drauf ist oder rassistisch gegen Araber oder islamophob ist. Das ist mir ganz egal."

Normalerweise sitzt Joujou pro Tag eine halbe Stunde an der Seite, um Kommentare zu lesen und Anfragen zu beantworten. In Krisenzeiten wird das Überwachen der Seite ein Fulltimejob. Dann bekommt Joujou Unterstützung von ihrer Cousine.

Überhaupt ist inzwischen ihre halbe Familie involviert. Das ist nicht selbstverständlich. Denn Joujous Familie stammt zur Hälfte selbst aus Palästina. Auch die eigene Familie hat Vorbehalte gegen Israelis und überhaupt, was soll solch eine Internetseite schon verändern?

Inzwischen hat Joujou ihre Familie überzeugt, die Tante lernt sogar ihre ersten Worte Hebräisch. Und der Erfolg der Seite bestärkt sie darin, weiter zu machen:

"Frieden passiert nicht an einem runden Tisch. Das ist nicht, dass man auf nen richtigen Zeitpunkt warten muss. Es passiert auch nicht auf einer hohen politischen Ebene. Wir werden nicht den Bibi Netanjahu und Abbas an einem Tisch zusammenbringen und dann umarmen sie sich und erkennen gegenseitig ihr Trauma an. Das passiert zwischen den Menschen, hier und jetzt, jeden Tag."

Treffen außerhalb des Netzes

Inzwischen gibt es nicht mehr nur die Seite Palestine loves Israel. Sondern auch Iran loves Israel oder Israel loves Palestine. Es gibt Treffen und Konferenzen auch außerhalb des Netzes und es sind Freundschaften entstanden, an die vorher niemand geglaubt hat.

Noch bis Ende Juni bloggt Joujou beim ARD-Debattenforum TACHELES über ihre Arbeit. Sie ist eine von acht jungen Deutschen, Israelis und Palästinensern, die dafür auf der Seite talking-tacheles.de über ihr Leben und ihre Erfahrungen mit dem Nahostkonflikt diskutieren. 

 

Info: Tacheles ist eine Dialogplattform der ARD, auf der acht junge Menschen aus Deutschland, Israel und dem Nahen Osten zusammen bloggen.  Jede Woche diskutieren und filmen sie zu einem gemeinsamen Thema, zum Beispiel: "Vorurteile", "Auswandern", "Grenzen" oder "Erster Kuss".  
Jede Woche ist einer der 8 Protagonisten Schwerpunkt auf dem Blog und wird mit einem Video vorgestellt. Die 7 anderen Tacheles-Teilnehmer kommentieren dieses Video im Vorfeld und schicken eigene Antwort-Videos. 

 

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