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Tonart | Beitrag vom 01.02.2017

Pakistans verlorene Musikgeneration der 60erAuf den Spuren der Panthers

Von Thorsten Bednarz

Zwei Männer im Pakistan der 1960er-Jahre rauchen Wasserpfeife. (imago/CHROMORANGE)
Zwei Männer im Pakistan der 1960er-Jahre rauchen Wasserpfeife. (imago/CHROMORANGE)

Als erste pakistanische Rockband schafften es die Panthers 1969 im nationalen Fernsehen aufzutreten. Ahsan Sajjad, Sänger und Schlagzeuger der Band, erzählt von einer Zeit, die ihm heute nur noch wie ein entfernter Traum vorkommt.

"Das Leben war einfach großartig! Wie in einem Märchen… Wir lebten in einem Klein-Liverpool. Von einem Tag auf den anderen kamen plötzlich vier oder sechs Kids zusammen und sprachen nur noch über Musik. Das war unglaublich für die Jugend, die eigentlich keine Perspektive hatte. Das Land war neu, es gab keine Strukturen, keinen Anlaufpunkt, keinen Plan, der den Jungen sagte: wenn ihr so und so alt seid, dann könnt ihr das machen. Sie waren einfach nur vorhanden. Aber als diese Musik kam, da hatten sie plötzlich ein Leben, sie hatten eine kreative Perspektive."

So erinnert sich Ahsan Sajjad, Trommler und Sänger der Panthers aus Karachi. Die Panthers waren eine der ersten und wichtigsten westlich geprägten Bands des Landes. Ihre Anregungen bekamen sie von den wenigen in Pakistan veröffentlichten Singles der Beatles und auch aus dem Radio – zweimal am Tag gab es für eine halbe Stunde westliche Musik zu hören am Nachmittag und dann noch einmal spät in der Nacht.

"Als wir anfingen, waren wir eine Minderheit. Und es war auch nur eine kleine Gruppe von Fans, für die wir spielten, die diese Musik verstand. Es war keine große Bewegung, aber die Kreativität machte sie besonders. Du konntest plötzlich selbst etwas erschaffen. Du hast Stunden mit deiner Gitarre in einer Ecke gesessen, um zu lernen. Und es war einfach toll, diese Sehnsucht ausleben zu können, etwas Eigenes zu machen."

"Es gab keinen Instrumentenladen"

Pakistan war in den 60er-Jahren ein isoliertes Land, nahe dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Und dass die damalige Musikszene so klein blieb, hatte auch mit ganz grundlegenden Problemen zu tun. Eines davon war der Mangel an brauchbaren Instrumenten:

"Es gab keinen Instrumentenladen. Es gab nur einen einzigen, der Verstärker baute – ein Deutscher namens Schwarz. Alle gingen zu ihm, um einen Verstärker zu kaufen. Ich hatte auch jemanden, der mir aus Amerika eine Snaredrum und ein Becken mitbrachte. Alles andere von meinem Schlagzeug wurde in Pakistan gebaut. Aber als mein Schlagzeugstick zerbrach, da sammelte ich Geld, tauschte es in britische Pfund, suchte jemanden, der nach England fuhr, gab ihm das Geld, damit er mir einen neuen mitbrachte. Das dauerte dann drei bis vier Monate! Und da hattest Du schon Glück jemanden zu finden, der dorthin fuhr…."

Und so pausierten die Panthers und ihr Sänger und Schlagzeuger Ahsan Sajjad immer wieder zwangsweise. Aber auch das fiel nicht weiter auf, gab es doch keine Infrastruktur, die es einer Band erlaubt hätte, auf eine richtige Tournee zu gehen:

"Es gab keine Bars, in denen wir auftreten konnten. Die einzigen, die es gab, waren in großen Hotels wie dem Intercontinental oder so. Man konnte auch nicht auf Tournee gehen – die Struktur dafür gab es gar nicht, es gab keine Clubs! Wir traten nur in unserer Stadt auf, wenn jemand eine Party machte und uns einlud. Aber es gab eine große christliche Community bei uns und die organisierten Tanzpartys zu Silvester oder so. Und sie luden uns ein, dort zu spielen!"

"Als Waffen ins Spiel kamen, wurde es gefährlich"

Es waren also auch immer wieder Kontakte zur christlichen Gemeinschaft, die die Musik der Panthers und anderer Bands möglich machten. Und schließlich schaffte es die Gruppe sogar, 1969 als erste pakistanische Rockband im nationalen Fernsehen aufzutreten. Doch bald schon wurde das ganze Land gegen den vermeintlichen Feind Indien aufgeputscht und statt einer Perspektive gab es überall Waffen, um das Vaterland und seine muslimischen Werte zu verteidigen. Das war der Anfang vom Ende für Ahsan Sajjad.

"Als die Waffen ins Spiel kamen, da wurde es gefährlich, Musik zu machen. Ich kenne einige, die sollten an der Universität spielen. Sie waren eingeladen. Aber dann kamen andere Kids mit Maschinengewehren und sagten ihnen, sie sollten ihren Kram einpacken und abhauen. Und das taten sie auch. Das war das Ende dieser Ära. Zia Ul Haq trat auf den Plan und manipulierte die Jugend. Plötzlich beherrschte er alles und brachte die ganze Kreativität zum Erliegen."

"Eine ganz neue musikalische Ära in Pakistan"

"Heute gibt es eine ganz neue musikalische Ära in Pakistan. Wenn jemand über uns spricht, unsere Musik spielt, dann sind alle erstaunt. Keiner weiß noch, dass wir diese östliche Musik mit einem westlichen Groove versehen hatten. Wenn sie das wieder hören, dann flippen sie aus! Viele Musiker kommen ja aus regelrechten Musikerdynastien und einige leben hier in Kalifornien. Wenn ich ihnen meine Musik vorspiele, dann finden sie das großartig. Aber wir als Kids damals, wir wussten gar nicht, was wir überhaupt taten, das wir etwas Einzigartiges geschaffen hatten."

Ahsan Sajjad lebt heute in den USA, auch die anderen Musiker der Panthers haben Pakistan verlassen. Aber in fast detektivischer Kleinarbeit hat der Hamburger Plattensammler Florian Pittner nicht nur diese Platten aus Pakistan dem Vergessen entrissen und auf den beiden Compilations mit Early Pakistani Dance Music auf dem eigenen Label aufgearbeitet und neu veröffentlicht. Ganz nebenbei zeigt er damit, wie wenig man braucht um in einer offenen Gesellschaft bleibende künstlerische Werte zu schaffen – und wie schnell diese wieder bedroht sein können.

Die Musik Pakistans dieser Zeit der späten 60er-Jahre bis Ende der 70er hätte das Potential gehabt, international zu bestehen. Und dank dieser neu bewerteten Platten und des Internets wird sie nun sogar auf dem indischen Subkontinent wieder entdeckt.

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