Päpstliche Biographien

Vorgestellt von Jochen R. Klicker · 20.05.2005
Mit der Wahl des Präfekten der Römischen Glaubenskongregation, des Kardinals Joseph Ratzinger, zum Papst Benedikt XVI. boomt der Büchermarkt. Viele der mehr als 40 Bücher, die der Theologe und Kurienkardinal zwischen 1954 und heute geschrieben hat, werden neu aufgelegt beziehungsweise einfach nachdruckt.
Das reicht von seinem Best- und Longseller "Einführung ins Christentum" 1968 über "Eschatologie: Tod und ewiges Leben "1977 bis zu seinem Zwiegespräch mit Peter Seewald unter dem Titel "Salz der Erde - Christentum und katholische Kirche im 21. Jahrhundert" aus dem Jahre 1998, in dem sich auch ein ausführliches biographisches Kapitel findet.

Nun sind auch die zwei Ratzinger-Biographien selbst neu erschienen: Die Autobiographie "Aus meinem Leben" (1927-1977) bei der Deutschen Verlags-Anstalt München und John L. Allen’s "quasi" offiziöse "Biographie Joseph Ratzinger" im Düsseldorfer Patmos Verlag, die buchstäblich bis vor die Türen des jüngsten Konklave führt. Jochen R. Klicker hat beide Bücher für uns gelesen.


"Joseph Ratzinger ist in vielfacher Weise der Beste und Glänzendste, den die katholische Kirche aus seiner Generation vorzuweisen hatte." ... Die Debatte auf dem nächsten Konklave wird sich nicht um ihn persönlich drehen, sondern um seine Kirchenlehre, sein Autoritätsverständnis und das kirchliche ancien régime, mit dessen Verteidigung er die vergangenen zwanzig Jahre seines sehr talentierten Lebens verbracht hat. "

So leidenschaftslos aber bitter, so hochachtungsvoll aber fröstelnd, wie es diese beiden Zitaten signalisieren, hat der heute 40-jährige US-amerikanische Journalist John L. Allan seine spannende Biographie des "obersten Glaubenswächters" Roms geschrieben. Der Vatikan-Korrespondent der katholischen Wochenzeitung National Catholic Reporter macht kein Hehl daraus, dass seiner tiefsten Überzeugung nach Jesus heute mit den Leitungsgremien der katholischen Kirche die gleichen Schwierigkeiten bekommen würde, wie er sie einst mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit gehabt hatte.

Damit nimmt er eine literarische Tradition auf, wie sie sich schon in Dostojewskis Legende vom Großinquisitor niedergeschlagen hatte: In Sevilla des 16. Jahrhunderts kerkert der Großinquisitor den wiedererschienenen Christus ein, weil er in Kirche, Gesellschaft und Staat zuviel Unruhe stiftet. Ähnlich rigide ging (oder geht?) Ratzinger mit denen um, die das Prinzip aufweichen wollen,...

"dass der römische Katholizismus das einzige Mittel der Erlösung ist. "

Als Präfekt der Glaubenskongregation - also als "amtlicher" Nachfolger des Großinquisitors - diszipliniert er Abweichler und Aufweicher wie zum Beispiel seinen kollegialen Freund Hans Küng mit dem ganzen überkommenen Arsenal kirchlicher Kontrolle - wenn man mal von Folter und Scheiterhaufen absieht: Untersuchungen ohne Konsultierung des Betroffenen, Mundverbot, Entzug der Lehrerlaubnis, Exkommunikation, Zensur, Widerruf der kirchlichen Druckerlaubnis, Verbot von Büchern, öffentliche Anklage als Feind des Glaubens und/oder der Kirche, Drohung mit dem Verlust des Arbeitsplatzes und tatsächliche Entlassung in die Arbeitslosigkeit. Der Biograph Allan dazu wörtlich:

" Jesus predigte den Vorrang der menschlichen Bedürfnisse vor den kultischen Verpflichtungen. ... In diesem Sinne verkörpert der historische Jesus eine Kritik religiöser Institutionen, die heute noch genauso relevant ist wie vor zweitausend Jahren. Vielleicht war er kein liberaler Reformer, aber er war auch kein klerikaler Konservativer. Sowohl moralischer Relativismus als auch kirchlicher Autoritarismus scheinen mit dem Jesus, dem man in den Evangelien begegnet, unvereinbar. "

Dass Joseph Ratzinger mehr dem Katholizismus als Jesus verhaftet ist, das war nicht immer so. Sein Biograph Allan ebenso wie er selbst in seinen Erinnerungen - beide kennen einen liberalen Theologen Ratzinger, der sich mit progressiven protestantischen Kollegen einig wusste in der Überzeugung, dass die organisierte Religion auf ihren Untergang zusteuere. Mitarbeiter der Wahrheit wollte der junge Professor daher seinerzeit sein, auch wenn dieses bedeuten sollte, von der Volks- und Mehrheitskirche Abschied zu nehmen zugunsten einer kleinen Minderheitenkirche, die das Rüstzeug dazu hat, als Salz der Erde der modernen Kultur und dem modernen Konsumismus Paroli zu bieten In seiner Autobiographie erläutert der Kardinal, warum er sich dieses Lebens-Motto ausgesucht hatte:

" Weil in der heutigen Welt das Thema Wahrheit fast ganz verschwunden ist, weil sie als für den Menschen zu groß erscheint und doch alles verfällt, wenn es keine Wahrheit gibt, deswegen schien mir dieser Wahlspruch auch zeitgemäß im guten Sinne zu sein. "

Wo die autobiographischen Erinnerungen aufhören - nämlich bei der Berufung zum Erzbischof von München und Freising im Jahre 1977 -, da ungefähr setzt die Allan-Biographie ein - bei den Teach-ins der Studentenbewegung in den Jahren 1967-1970, die aus dem liberalen Saulus Ratzinger den antikommunistischen Paulus Ratzinger haben werden lassen.

" Ich habe das grausame Antlitz dieser atheistischen Frömmigkeit unverhüllt gesehen, den Psycho-Terror, die Hemmungslosigkeit, mit der man jede moralische Überlegung als bürgerlichen Rest preisgeben konnte, wo es um das ideologische Ziel ging. "

So Ratzinger zehn Jahre danach wörtlich. Es zeigt, wie seine nur knapp drei Jahre akademischer Lehre in Tübingen - damals der Stadt des marxistischen Vordenkers Ernst Bloch! - zu einer permanenten Lehrstunde in Gefahren eines politischen Glaubens wurden. Die Forderungen nach einem politischen Mandat der Studentenschaft, die auch von der Katholischen Hochschulgemeinde erhoben wurden; die ideologischen Überfälle aus dem akademischen Mittelbau der theologischen Fakultät; und nicht zuletzt auch die persönlich entlastende Begegnung mit gleichgesinnten konservativen und fundamentalistischen evangelischen Kollegen veränderten ihn von Grund auf. Sein Schüler Wolfgang Beinert:

" Zuvor war er sehr offen, grundlegend bereits, sich auf Neues einzulassen. Aber plötzlich erkannte er die Verbindung dieser neuen Idee zu Gewalt und zu einer Zerstörung der Ordnung dessen, was vorher war. Er war einfach nicht länger fähig, das zu ertragen. "

Beinert und andere haben ihrem verehrten Lehrer und Kollegen zu dessen siebzigstem Geburtstag 1997 eine Festschrift gewidmet, die den Titel trug Im Spannungsfeld von Tradition und Innovation. Die beiden Ratzinger-Biographien reden nachdrücklich von der Verwiesenheit auf Tradition. Wenig zu lesen ist jedoch von Vorausschau des Neuen. Hat der Heilige Geist im Konklave tatsächlich nur diesen traditionellen Architekten einer machtvollen Amtskirche wählen lassen?

Joseph Kardinal Ratzinger: Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927-1977), Deutsche Verlags-Anstalt München 1998, Nachdruck München 2005, 191 Seiten mit 86 S/W-Fotos, 8.- Euro

John L. Allan: Joseph Ratzinger. Biographie. Aus dem Amerikanischen von Hubert Pfau, Patmos Verlag Düsseldorf, 2. Auflage 2005. 340 Seiten, 12,95 Euro