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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.09.2009

P.E.N.-Mitglied: Veranstalter hätten zu ihrer Einladung stehen sollen

Tilman Spengler im Gespräch mit Ulrike Timm

Der chinesische Gemeinschaftsstand in Halle 6 im Jahr 2008. (Frankfurter Buchmesse / Fotograf: Alexander Heimann)
Der chinesische Gemeinschaftsstand in Halle 6 im Jahr 2008. (Frankfurter Buchmesse / Fotograf: Alexander Heimann)

Der Schriftsteller und Sinologe Tilman Spengler hat die Ausladung von zwei chinesischen Autoren von einem Symposium über "China und die Welt" im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse kritisiert. Die Veranstalter hätten sich in dieser Frage nicht gerade mit Eleganz bewegt, sagte das Mitglied der Schriftstellervereinigung P.E.N.

Ulrike Timm: "China und die Welt – Wahrnehmung und Wirklichkeit", einen besseren Titel hätte das Symposium, das an diesem Wochenende im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse stattfinden soll, eigentlich gar nicht haben können. Zwei kritische Autoren waren der chinesischen Pressebehörde nicht genehm, und da knickten die Veranstalter der Frankfurter Buchmesse ein und luden sie wieder aus. China ist Gastland der diesjährigen Buchmesse.

Bei Ling und Dai Qing wollen jetzt trotzdem kommen, als Besucher und auf Einladung des Schriftstellerverbandes P.E.N. Ob es einen Eklat geben wird, wissen wir noch nicht. Über die Situation wollen wir sprechen mit Tilman Spengler, Schriftsteller, Sinologe und P.E.N.-Mitglied. Schönen guten Morgen!

Tilman Spengler: Schönen guten Morgen!

Timm: Herr Spengler, Sie kennen beide. Wer sind die beiden Autoren, mit denen sich die chinesische Delegation nicht mal in einem Saal befinden möchte?

Spengler: Nun, Frau Dai Qing, um mit der Dame anzufangen, das ist eine sehr bekannte Umweltaktivistin in China und hat in Peking Publikationsverbot. Aber sie ist eine Figur in der Ökoszene, würde man es hier nennen. Und Bei Ling ist schon Intellektueller – der hat eine Zeitschrift herausgegeben, "Qing Xiang" heißt die, das heißt "Tendenz" – und ist ein eher, mein Gott, eher so der engagierte Bürgerrechtler, der es aber auch mit dem Akademischen sehr ernst nimmt.

Timm: Der Organisator der Veranstaltung, Peter Ripken, hat hier im Radiofeuilleton gestern Druck der offiziellen, chinesischen Seite eingeräumt und die Absage an beide damit begründet, es handele sich um einen Dialog mit dem offiziellen China und beide könnten ja dann auf Veranstaltungen der Buchmesse im Oktober zu Gast sein – diplomatisch oder feige?

Spengler: Na gut, in jeder Diplomatie steckt irgendwo auch ein bisschen Rücksicht und Feigheit, also, der geradlinigere Weg wäre es natürlich gewesen, einfach zu sagen, wir stehen zu unseren Einladungen und das ist nun mal … wir sind das Gastgeberland, Aber ich habe den Eindruck, dass da hinter den Kulissen die ganze Zeit hin- und hergezogen worden ist und das … Da traue ich mir jetzt kein richtig hartes Urteil zu, weil ich das einfach noch nicht durchschaue.

Timm: Dai Qing kommt jetzt auf Einladung des deutschen P.E.N., sie sitzt zurzeit im Flugzeug. Heißt das, jetzt verkrachen sich auch noch der P.E.N. und die Buchmesse?

Spengler: Na gut, noch ein bisschen Zoff kann man ja da gut gebrauchen, aber ich kann mir das nicht so richtig vorstellen. Aber das wird man … Ich meine, wir haben ja mit dem chinesischen P.E.N., dessen Präsident ist auch gerade unter Hausarrest gestellt worden, also, man hat da ein großes Unruhepotenzial im Augenblick.

Timm: Das haben Sie sehr diplomatisch ausgedrückt. Wie soll das laufen? Der P.E.N. hat sie eingeladen. Die Buchmesse hat sie ausgeladen. Das Symposium findet statt, die stehen da vor der Tür und man weiß nicht, ob die Chinesen rausgehen und die beiden reinkommen. Das ist eigentlich eine ziemlich dramatische Situation.

Spengler: Das ist außerordentlich dramatisch. Ich kann es Ihnen noch ein bisschen weiter anspitzen, weil so, wie man hört, haben auch einige Leute, die auf dem Panel erscheinen werden von den Chinesen, sich dafür ausgesprochen, dass sie nicht eingeladen werden. Also haben wir auch noch Zoff innerhalb der chinesischen Delegation.

Timm: Sie selbst sind für dieses Symposium angekündigt, sollen am Sonntag über chinesische Literatur reden. Wissen Sie denn schon, wie Sie sich verhalten werden?

Spengler: Ich wusste es gestern Abend, oder gestern Morgen war ich ganz entschieden, da wäre ich dann … hätte ich einfach gesagt, nein danke, da lehne ich ab. Dann hatte ich gestern Abend einen anderen Kenntnisstand und war wieder fest entschieden und wie ich richtig fest entschieden bin, weiß ich wahrscheinlich erst am Sonntagmorgen.

Timm: Also, Sie werden es spontan entscheiden?

Spengler: Das muss man einfach spontan entscheiden. Schauen Sie, wir wussten ja auch nicht, dass wir das Glück hatten, dass Dai Qing das noch hingefummelt kriegt, und das ist ja nun außerordentlich begrüßenswert.

Timm: Ja, sie ist ja geistesgegenwärtig, sie ist noch am Flughafen aufgehalten worden. Es hieß, ihr Ticket sei irgendwie verschwunden, nicht bestätigt worden, und sie hat sich einfach ein neues gekauft und hat sich reingesetzt – in dieselbe Maschine wie die chinesische Delegation, soweit ich weiß.

Spengler: Ja, schöne, sozusagen filmreife Geschichte, also, das Drehbuch sozusagen selbst geschrieben und man muss natürlich auch sagen, dass die chinesische Regierung jetzt natürlich genau das erreicht hat, was sie nicht erreichen wollte: Jetzt redet nun in der Tat alle Welt noch mehr über Zensur in China und noch mehr über die Problematik von Leuten, die dort auf die ökologischen Probleme hinweisen. Das ist ein gewaltiges Eigentor.

Timm: Kaum ein Deutscher hätte ohne den Eklat von Bei Ling oder Dai Qing überhaupt erfahren, so bekannt sind sie nicht. Ist das die gute Seite des Konflikts?

Spengler: Nein, das ist Teil des Spiels sicherlich. Wenn irgendjemand, irgendein Autor mit einem – das sage ich jetzt mit allem Respekt vor den Kollegen, also vor Dai Qing und Bei Ling –, wer aber mit einer größeren Reputation im Westen ausgeladen worden wäre, wäre das Geschrei natürlich anders gewesen. So hat man versucht, erst mal ein bisschen nur zu zeigen: Wir könnten natürlich auch ein bisschen so foltern, also mit unbekannteren Figuren. Man hat erst mal, wenn Sie es aus dem Schachspiel nehmen, nicht die bedeutendsten Figuren umgeknickt.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton, im Gespräch mit dem Schriftsteller und Sinologen Tilmann Spengler. "China und die Welt – Wahrnehmung und Wirklichkeit", das Symposium soll am Wochenende den Ton setzen für die Buchmesse, den Ton setzen, so heißt es wörtlich auch in der Einladung. Ist der Ton denn noch zu retten?

Spengler: Der Ton ist auf jeden Fall sehr scharf geworden, das kann man ohne Zweifel so sagen, und, na, zu retten ist es auf jeden Fall, denke ich, weil eine Alternative zu reden haben wir nicht. Also, das ist das Einzige, wie wir miteinander umgehen können, wir müssen darauf hinweisen, wie es bei uns ausschaut, was wir für Vorstellungen von zivilisiertem Umgang miteinander haben und das muss so jeder zur Kenntnis nehmen, also, sich da hässlich und erbost anzuschweigen, führt uns ja auch nicht weiter.

Timm: Gesicht wahren, das ist ja im Chinesischen etwas sehr Wesentliches. Gibt es denn noch eine Möglichkeit, da so wieder rauszukommen, dass die Chinesen ihr Gesicht soweit wahren können, dass sie kommen mögen und gleichzeitig klargemacht wird, hier gelten bei uns andere Gesetze, und was Freiheit angeht, müsst ihr euch auf deutschem Boden nach uns richten?

Spengler: Das ist wohl das, was man gerne hätte und man muss mal schauen, wie viel Gesicht die Chinesen im Flugzeug noch mitbringen, ob sie es im Handgepäck haben. Das bleibt abzuwarten, aber sicherlich haben Sie recht: Wie sagt man, der Ball liegt im Feld der Chinesen im Augenblick und vielleicht auch ein wenig bei den Veranstaltern, die sich ja nun auch nicht so ganz mit größter Virtuosität und Eleganz bewegt haben.

Timm: Da wollte ich gerade fragen. Denn das ist doch nicht nur ein chinesisches Problem, sondern auch ein deutsches, wenn die oberste Zensurbehörde einmal winkt und der deutsche Veranstalter sagt, okay, die kommen nicht, dann ist es doch nicht nur ein chinesisches Problem der Freiheit?

Spengler: Nein, nein, ich verteile die Schuld … ich meine, gut, ich verteile die Schuld nicht gerecht auf allen Schultern, sondern es ist natürlich schon ein bisschen sehr viel ärgerlicher, was unsere chinesischen Partner, sage ich mal, da veranstaltet haben. Aber so, wie ich das mitbekommen habe, hat die deutsche Seite auch noch nicht sehr, sehr viel Erfahrung im Umgang mit staatlichen Zensurstellen in China, und das ist wohl das erste Lehrgeld, was da bitter bezahlt wird.

Timm: Sie haben sehr viel Erfahrung damit, Sie reisen oft durch China, Sie haben in dem Land gelebt. Was würden Sie denn raten, zu tun?

Spengler: Ich würde jetzt erst mal ein bisschen viel Tee trinken, ehrlich gesagt, also ich meine, wir haben die hässlichen … wir haben ja alles gesagt, unsere Seite hat ja alles gesagt, und wir sehen jetzt, dass die Chinesen wahrscheinlich sich eher als diejenigen sehen, die bloßgestellt worden sind und vielleicht muss man ihnen da sogar ein bisschen helfen, aus dieser Patsche.

Timm: Ja, wie könnte man das tun?

Spengler: Müsste ich mal schauen, ich habe jetzt nicht die Programmpunkte von dem Symposium einzeln im Kopf, aber man könnte natürlich … Da sind sicherlich Sachen dabei, die nicht ganz so dringlich jetzt zu verhandeln sind, wie sie später zu verhandeln sind, also irgendetwas über, weiß nicht, die Zukunft des Buchmarktes oder so was, das muss man nicht notwendigerweise an diesem Wochenende verhandeln. Und man könnte da vielleicht einen anderen … man könnte da einfach mal eine andere Podiumsdiskussion oder ein anderes Thema zur Diskussion stellen.

Timm: Herr Spengler, Zensur heißt auf Chinesisch schönerweise Harmonisierung. Ein chinesischer Lyriker sagte kürzlich mit Blick auf den Westen: Ihr denkt immer noch, dass ihr im Dialog mit China das System ändern könnt, aber China ändert euch. Stimmt das?

Spengler: Ach, das sind so Sprüche, die sind … die haben eine solche Allgemeinheit, dass sie genauso stimmen wie sie nicht stimmen. Das ist, von mir aus betrachtet ist es so natürlich, dass sie … Wenn Sie China sagen, dann reden Sie über 1,3 Milliarden, wir reden über 100, 200 Schriftsteller, jetzt nur im Zusammenhang mit der Buchmesse, wir reden über drei, vier oder fünf Behörden. Das heißt, das ganze Bild ist etwas komplexer, als wenn man irgendwie sagt, hier ist China, hier eine Zensurpolitik und so weiter.

Also, die chinesische Haltung dazu leuchtet mir da immer ein bisschen eher ein, also die chinesischen Kollegen, mit denen ich mich über so was unterhalte und die sagen, gut, die Lage ist heute ein bisschen besser als vor fünf Jahren und weitaus besser als vor zehn Jahren. Das klingt (...), das klingt mutlos, aber man muss, glaube ich, mit diesen Sachen eher so umgehen, dass man sich vorstellt: Da kommt Körnchen auf Körnchen.

Timm: Ein Land mit drei Mal so vielen Menschen wie Europa Einwohner hat – Sie kennen es gut, als Schriftsteller, als Sinologe, als Reisender, als China-Liebender. Fühlt sich Tilmann Spengler eigentlich ständig da ein bisschen zwischen Baum und Borke?

Spengler: Zwischen Reis und Stäbchen, jawohl, ganz genau. Nein, natürlich, ja, das ist keine schmerzfreie Beziehung.

Timm: Warten wir es ab, wie dieses Symposium wird und ob Tilmann Spengler da spricht. Der Sinologe, Schriftsteller über den Konflikt um die zwei chinesischen Autoren, die zur Buchmesse nicht kommen sollten. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

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