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Länderreport | Beitrag vom 20.01.2020

Ozan Iyibas in NeufahrnNun doch ein Muslim für die CSU

Von Michael Watzke

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Ozan Iyibas steht einem Löwenkopf aus Stein gegenüber. (Quelle:dpaBildnachweis:picture alliance/Lino Mirgeler/dpa)
Ozan Iyibas älterer Bruder sagt: "Politisch ist er nicht so mein Thema. Aber er ist ein herzensreiner, guter und extrem zielstrebiger Mann." (Quelle:dpaBildnachweis:picture alliance/Lino Mirgeler/dpa)

Die CSU-Mitgliederversammlung der bayerischen Gemeinde Neufahrn hat Ozan Iyibas einstimmig zum CSU-Kandidaten für das Bürgermeisteramt gewählt. Vor wenigen Wochen war in einer anderen Gemeinde ein muslimischer CSU-Kandidat noch gescheitert.

CSU-Mitgliederversammlung im Gasthof Maisberger im oberbayerischen Neufahrn. Ozan Iyibas, 37, schwarzer Anzug, weißes Hemd, hält seine Bewerbungsrede.

"Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich möchte Bürgermeister meiner Heimatgemeinde Neufahrn werden."

Jeder der Anwesenden kennt Ozan Iyibas, den Filialleiter der örtlichen Sparkasse und seit 12 Jahren CSU-Mitglied.

"Den kenn ich schon, als er noch ein kleines Kind war. Der war mir immer sympathisch!" - "Freundlich ist er, tüchtig, aufgeschlossen. Und schon lang im Ortsverband. Der gehört dazu. Für uns ist seine Herkunft unwichtig." - "Ich möchte auch das Wort Muslim relativieren. Ozan zählt zur großen Gruppe der Muslime, ist aber Alevit. Das ist ganz was anderes, auch von der Einstellung zum Koran her."

Als Kind besuchte Iyibas die Pfarrkirche

Auch der Christsoziale Iyibas erwähnt die Religion in seiner Bewerbungsrede. Er sei liberaler Muslim und fühle sich dem christlichen Menschenbild verbunden. Dann erzählt er, wie er im Alter von neun Jahren mit seiner Mutter zum ersten Mal in die Pfarrkirche von Neufahrn ging.

"Als wir aus der Kirche rauskamen, fragte ich meine Mama: 'Wieso waren wir in der Kirche?' Sie sagte: 'Ozan, du bist hier geboren, du wirst hier leben, also möchte ich, dass du die Werte, die Kultur und auch die christliche Religion kennenlernst. Irgendwann kannst du selbst entscheiden, welchen Weg du gehst.'"

Im Publikum schauen Iyibas' Eltern gerührt zu. Auch der ältere Bruder Cem ist im Trachtenjanker gekommen. Er beschreibt den jüngeren so:

"Politisch ist er nicht so mein Thema. Aber er ist ein herzensreiner, guter und extrem zielstrebiger Mann."

Einstimmig gewählt

Zwanzig Minuten lang skizziert Ozan Iyibas sein kommunales Wahlprogramm für die 20.000-Einwohner-Stadt Neufahrn. Dann wird gewählt.

"Wir haben 32 Stimmberechtigte, es wurden 32 Stimmen abgegeben. Alle sind auf Ozan Iyibas entfallen!"

"Ich bin überwältigt. Ich freu mich unbändig! Ich glaube, das war kein Zeichen dafür, dass ein muslimischer Kandidat gewählt wird. Ich glaube, die Kompetenz und das Menschliche standen im Vordergrund. Deshalb war des koa Problem!"

Iyibas' Bewerbung als CSU-Bürgermeister-Kandidat stand schon vor Weihnachten fest, sie war also keine Reaktion auf Sener Sahin. Der hatte seine Bewerbung im schwäbischen Wallerstein zurückgezogen, weil dort manche CSU-Mitglieder keinen Moslem als Bürgermeister wollten.

"Sener Sahin in Wallerstein hat resigniert und gesagt: Dem stelle ich mich nicht! Aber ich sage: Egal, welcher Widerhall kommt, ich möchte gestalten und mich dem stellen. Deshalb mache ich das.", sagt Iyibas.

Ist jetzt also alles gut mit CSU und Muslimen? Ja, findet Parteichef Markus Söder, der Ozan Iyibas heute früh gratulierte und sagte, "dass es nicht nur eine Frage der Religion ist, wer Kommunal-Kandidat ist, sondern dass man die gleichen Chancen hat, wenn man sich engagiert und zu unseren Werten bekennt".

Gestrige Denkweise bringt Gesellschaft nicht weiter

Ob Söders umstrittener Kreuzerlass aus dem letzten Landtagswahlkampf bei CSU-nahen Muslimen Schaden angerichtet habe, wird Söder gefragt. Seine Antwort: "Nö!"

Ozan Iyibas' Replik klingt da ein bisschen differenzierter. Es gebe in der CSU durchaus noch einige, "die ein bisschen gestrige Gedanken haben. Wie Gauweiler, der gesagt hat: Ein Muslim als CSU-Vorsitzender ist so abwegig wie eine Pfarrstelle in Mekka. Dann muss man sich Gedanken machen, ob diese gestrige Denkweise die Gesellschaft weiterbringt. Denn man muss die Lebenswirklichkeit und Gesellschaftsstruktur widerspiegeln. Es gibt 3,2 Millionen Türkischstämmige!"

Von denen finden weniger als 0,1 Prozent ihre politische Heimat in der CSU. Integration sei Aufgabe beider Seiten, sagt Iyibas, der nicht gern von "wir" und "die" spricht. In seiner Dankesrede sendet der Bilderbuch-Bayer "ein herzliches ‚Vergelt's Gott' an meinen Ortsverband, weil ich mehr bin als meine Herkunft!"

Ob Ozan Iyibas nun wirklich Bürgermeister von Neufahrn wird, entscheidet sich Mitte März, bei der Kommunalwahl. Sein härtester Konkurrent ist der Amtsinhaber. Der ist bei den Grünen.

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