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Zeitfragen | Beitrag vom 03.10.2020

Ost-West-BeziehungenIn Liebe vereint?

Von Ralph Gerstenberg

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Paar im Wintergarten schaut Hand in Hand auf ihre Töchter im Garten (imago images / Daniel Haskett)
Etwa elf Prozent der heutigen Paare sind Ost-West-Beziehungen. (imago images / Daniel Haskett)

Die Unterschiede zwischen Ost und West halten sich auch 30 Jahre nach der Einheit hartnäckig. In Lebensgemeinschaften, in denen die Partner dies- und jenseits der innerdeutschen Grenze aufgewachsen sind, macht sich das ganz konkret bemerkbar.

Dreißig Jahre nach Mauerfall und deutscher Einheit ist die Ost-West-Thematik noch immer präsent – gesellschaftlich, aber auch privat. In Ehen und Lebensgemeinschaften, in denen die Partner dies- und jenseits der innerdeutschen Grenze aufgewachsen sind, machen sich unterschiedliche Sozialisationen und Prägungen bemerkbar.

Viele solcher Ost-West-Paare gibt es allerdings auch nach 30 Jahren Deutscher Einheit noch nicht: Laut einer bundesweiten Studie betrug der Anteil von Ost-West-Paaren 2009 bei nichtehelichen Lebensgemeinschaften elf Prozent, bei Ehen knapp zwei Prozent. Folgestudien ergaben einen Anstieg der Ost-West-Ehen bis 2019 auf 5,8 Prozent allein bei den Jahrgängen ab 1971.

Westmann und Ostfrau

Am häufigsten leben Ost-West-Paare im Westteil Deutschlands und bestehen aus einem westdeutsch sozialisierten Mann und einer Frau, die aus Ostdeutschland kommt. Eine Folge der starken Binnenmigration in der Nachwendezeit, in der vor allem junge Frauen in den Westen abwanderten.

Durch ihre starke Erwerbsorientierung, das in der DDR ausgeprägte Selbstverständnis der ökonomischen Unabhängigkeit und die alltagspraktische Emanzipation gelang es ihnen vergleichsweise gut, im westdeutschen Arbeitsmarkt anzukommen. Der männliche "Held der Arbeit" war nicht nur von Deklassierungsprozessen betroffen, er fand sich in einem zunehmend männlich dominierten Umfeld der Zurückbleiber wider.

Mit Karriere, Einkommen und Parkettsicherheit konnten dagegen die Führungskräfte punkten, die aus dem Westen nach Ostdeutschland kamen. In den ersten fünf Jahren nach der Wiedervereinigung waren das immerhin fast eine halbe Million. Vor allem Männer. So spiegelt sich auch der Austausch der Leitungsposten im Osten durch meist männliche Westführungskräfte in den Westmann-Ostfrau-dominierten Partnerschaften der Nachwendezeit wider.

Eine Mauer in den Betten

Aus dieser Zeit stammen auch viele Vorurteile und Klischees über die Brüder und Schwestern hüben wie drüben. Der "Besserwessi" wurde zum Pendant des "Jammerossis". Und die Mauer in den Köpfen führte offenbar auch zu einer Mauer in den Betten. Laut einer im Jahr 2000 vom Berliner Stadtmagazin Tip in Auftrag gegebenen Umfrage haben bis dahin nur 30 Prozent der Ostberliner und lediglich 25 Prozent der Westberliner eine Liebesbeziehung im anderen Teil der Stadt gehabt. Ostler und Westler blieben in Liebesdingen offenbar vorerst lieber unter sich, was durchaus an den verbreiteten Zuschreibungen gelegen haben kann.

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Mittlerweile ist das Binnenmigrationssaldo ausgeglichen, wie es im Soziologendeutsch heißt. Das bedeutet, dass ebenso viele Menschen vom Osten in den Westen ziehen wie umgekehrt. Man kann also davon ausgehen, dass der Anteil von Ost-West-Paaren weiter steigen wird.

Unterschiede in Bezug auf Religion

Einige gesellschaftliche Unterschiede sind allerdings noch bis heute spürbar: So erschweren beispielsweise religiöse Differenzen bisweilen Ost-West-Beziehungen. Der konfessionell geprägte Westen trifft auf den säkularisierten Osten. Ein Kircheneintritt aus Anpassungsgründen käme einem jener Lippenbekenntnisse gleich, wie sie zu DDR-Zeiten vom sozialistischen Staat gefordert wurden, und ist deshalb eher selten. Vielleicht ein Grund für das erhöhte Trennungsrisiko, das Untersuchungen zufolge bei Ost-West-Partnerschaften besteht.

Konfliktfeld Kindererziehung

Ein weiteres Konfliktfeld resultiert aus dem unterschiedlichen Frauenbild, das in beiden deutschen Staaten existierte. Die Frau war im Osten von Anfang an berufstätig und hat Karriere gemacht. Mit dem Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen gewinnt dieses Rollenmodell der berufstätigen Mutter heute immer mehr an Bedeutung, was sicher auch daran liegt, dass es schwieriger wird, als Familie mit einem Alleinverdiener über die Runden zu kommen.

Vielleicht weil ihnen bewusst ist, dass sie sich ohne Mauerfall und Wiedervereinigung nie kennengelernt hätten, sind Ost-West-Paare allerdings in der Regel höchst sensibel für deutsch-deutsche Befindlichkeiten und Entwicklungen.

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