Seit 11:05 Uhr Tonart
Dienstag, 18.05.2021
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.12.2008

Oscar Wilde zu Ehren

Floortje Zwigtman: "Ich, Adrian Mayfield", Gerstenberg Verlag, Hildesheim

Oscar Wilde - seine Welt lebt in dem Roman "Ich, Adrian Mayfield" wieder auf. (AP)
Oscar Wilde - seine Welt lebt in dem Roman "Ich, Adrian Mayfield" wieder auf. (AP)

Ein unterhaltsamer Gesellschaftsroman ist Floortje Zwigtman mit "Ich, Adrian Mayfield" gelungen. Die Autorin beschreibt das Hineinwachsen des 16-jährigen Ich-Erzählers Adrian Mayfield in Londoner Künstlerkreise des 19. Jahrhundert. Da seine ersten homosexuellen Erfahrungen recht drastisch beschrieben werden, ist die Verlagsempfehlung "ab 16 Jahren" sicher für manche Leser unverdaulich.

London, im Jahre 1894. Der 16-jährige Ich-Erzähler Adrian Mayfield verliert seinen Job bei einem Maßschneider in Soho und strauchelt mittellos durch die englische Hauptstadt. Er schlüpft bei einem früheren Kunden unter, dem schwer übergewichtigen Kunstmaler Augustus Trops. Adrian sitzt bei ihm Modell und macht nachts durch ihn seine ersten homosexuellen Erfahrungen.

Trops führt den Jugendlichen außerdem in die Londoner Künstlerkreise ein, mit Oscar Wilde an der Spitze. Adrian findet schnell Vergnügen an einer Gesellschaft voller Dekadenz, Freizügigkeit und Witz, gepaart mit einer gehörigen Portion Selbstverachtung. Da seine sexuelle Orientierung im spätviktorianischen London als Verbrechen geahndet wird, muss er jedoch ständig auf der Hut sein.

Notgedrungen lernt er die Kunst der Verstellung, seine Rolle ist ihm bald näher als das wahre Leben. Echte Freundschaften aber bleiben aus, und auch ein richtiges Zuhause kann Adrian nicht finden. Gern möchte er sich dem jungen Vincent Farley anvertrauen, einem reichen Maler, doch der verlässt London. Um nicht zu verhungern, bleibt Adrian nur die Flucht in ein Bordell, weiterhin auf der Suche nach sich selbst und seiner Rolle, die er in der Gesellschaft spielen will.

Floortje Zwigtmans Roman lebt von drastischen Schilderungen in schier ausweglosen Situationen. Die Autorin ist bekannt dafür, mit ihren Büchern Aufsehen zu erregen. Der Roman "Wolfsrudel" wurde vielfach als "brutal" und "durch Gewaltexzesse angereichert" bezeichnet. "Ich, Adrian Mayfield" ist sehr viel behutsamer und subtiler angelegt.

Das Buch wird vom Verlag als "ab 15 Jahre" empfohlen, jüngeren Lesern sollte man es aus zwei Gründen noch nicht zur Lektüre geben: Zum einen wissen sie zu wenig über die Gesellschaft im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts und würden - mit der Figur und den Werken von Oscar Wilde konfrontiert - vermutlich schnell kapitulieren.

Zum anderen ist der Weg zur Selbstfindung des jugendlichen, durchaus sympathischen Helden Adrian samt dessen sexueller Orientierung vermutlich sogar für den Geschmack manchen erwachsenen Lesers etwas zu derb geraten. Diskrete Schilderungen sind Floortje Zwigtmans Sache nicht. Andererseits wird das Buch solche jugendlichen Leser geradezu faszinieren, die sich für die Umbrüche in den Gesellschaften Europas interessieren. Wer in der Schule gerade Oscar Wilde durchnimmt, dem sei "Ich, Adrian Mayfield" sogar sehr ans Herz gelegt.

Der Roman lässt auf ein fundiertes Interesse der Autorin am London des ausgehenden 19. Jahrhundert schließen und auf eine verständliche Empörung gesellschaftlichen Zwängen gegenüber. Dass Künstler, aber zum Beispiel auch Jugendliche, die nicht prominent waren, wegen ihrer Homosexualität eines Verbrechens bezichtigt wurden, muss den Leser ganz einfach entrüsten.

Floortje Zwigtman macht keinen Hehl aus ihrem Abscheu dagegen. Das ist verständlich und tut dem Roman auch gut. Nur manchmal lässt die Autorin ihren Helden schon etwas zu altklug aussehen. Der 16-jährige Adrian zieht dann Vergleiche mit Dingen oder Umständen, die er ganz einfach noch nicht kennen kann.

Davon abgesehen ist der Autorin ein höchst unterhaltsamer Gesellschafts- und Bildungs-Roman gelungen, der es mühelos vermag, seine Leser zu fesseln und sich mit der Hauptfigur zu identifizieren. In einem Kapitel hat man das Gefühl, tatsächlich mit Oscar Wilde an einem Tisch zu sitzen, so hautnah sind Floortje Zwigtmans Beschreibungen. Eine niederländische Zeitung nennt sie gar schon den "weiblichen Charles Dickens". In der richtigen Szenerie ist sie jedenfalls schon angekommen.

Rezensiert von Roland Krüger

Floortje Zwigtman: Ich, Adrian Mayfield
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Gerstenberg Verlag, Hildesheim
508 Seiten, 16,90 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Ulla Hahn: "stille trommeln"Warme Tage, herzzerreißend
Cover des neuen Gedichtbands von Ulla Hahn mit dem Titel "stille trommeln". (Deutschlandradio / Penguin)

Der neue Band "stille trommeln" versammelt Gedichte aus der Zeit, in der Ulla Hahn an ihren autobiografischen Romanen gearbeitet hat. Ausgangspunkt der Poeme sind ihre Tagebücher. Ihrer klaren Sprache verleiht sie hier und da ein wenig Patina.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur