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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 17.06.2020

Organisierte Kriminalität in Italien und MexikoDie Mafia, dein Freund und Helfer

Von Jörg Seisselberg, Michael Castritius, Janina Pawelz

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Eine Frau mit Atemschutzmaske um den Hals stapelt Kisten, die mit einer Grafik von Joaquin El Chapo Guzman versehen sind. (imago / Francisco Guasco)
Essen für Bedürftige mit dem Logo des Drogenhändlers Joaquin El Chapo Guzman: Mit solchen Aktionen will sich das Organisierte Verbrechen das Wohlwollen der Bevölkerung in der Coronakrise sichern. (imago / Francisco Guasco)

Der Corona-Lockdown beeinträchtigt das organisierte Verbrechen kaum. Er eröffnet der Mafia und den mexikanischen Kartellen sogar neue Geschäftszweige. Und gegenüber der Bevölkerung gerieren sie sich als Wohltäter in der Not.

Geschlossene Grenzen, eingeschränkter Warenverkehr, kaum Flugreisen – international agierende Banden wie die Drogenmafia machen derzeit keine guten Geschäfte, könnte man denken. Manche hatten schon die Hoffnung, dass Corona das erledigt, was Regierungen nicht schaffen, nämlich die Organisierte Kriminalität zurückzudrängen.

Schnell, anpassungsfähig, geschickt

Aber diese Hoffnung ist trügerisch, meint Janina Pawelz vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg:

"Die Einschränkungen sind nur temporär, und die Organisierte Kriminalität ist sehr geschickt darin, sich neu zu erfinden und sich anzupassen."

So wurden für den Drogenhandel alte Routen über den Land- und Wasserweg wiederbelebt. Aktuell hinzugekommen ist das Geschäft mit medizinischem Material und wirkungslosen Medikamenten – nur für kurze Zeit, aber enorm profitabel.

"Es wurde nicht nur gefälscht, sondern auch echtes Material geklaut. Beispielsweise am Flughafen in Sao Paulo wurden 15.000 Coronavirus-Schnelltests geklaut und auch Masken, Schutzbrillen, Handschuhe, Hände-Desinfektionsmitteln."

Die Mafia als Kümmerer

Mindestens so wichtig ist aber die Festigung der lokalen Machtstrukturen. In Italien gehört die Mafia zu den Krisengewinnern, glaubt Enza Rando von der Anti-Mafia-Organisation Libera.

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Als im Süden des Landes in den ersten Wochen der Pandemie alle zu Hause bleiben mussten, brach für viele das Einkommen weg. In dieser Situation, spielt die Mafia den Helfer in der Not, erklärt Rando.

"Teilweise, indem sie Lebensmittel zu den Menschen nach Hause bringen. Das mag man belächeln. Aber es dient der Mafia dazu, Zustimmung zu gewinnen. Sie stehen als gute Menschen, als Wohltäter dar."

Die Mafia als Kümmerer. Diese vermeintlich harmlosen Lebensmittelgeschenke durch Mafiosi seien unter anderem in Kampanien, aber auch in der Lombardei beobachtet worden:

"Das sind Personen, die das machen, die teilweise schwere Straftaten begangen haben und wichtigen Mafiafamilien angehören. Mit ihren Aktionen ersetzen sie das, was der legale Sozialdienst machen müsste, und versuchen, sich als eine Art alternative Sozialhilfe darzustellen."

Die soziale Basis verbreitern

Die Regierung in Rom hat auf diese gefährliche Entwicklung reagiert und eine Art Not-Sozialhilfe beschlossen. Die Kommunen gaben Essensgutscheine aus, um zu signalisieren: Der Staat ist da mit seiner Hilfe.

Portrait des Journalisten Roberto Saviano, der mit Reportern spricht. (gettyimages / Stefano Guidi)Der Journalist Roberto Saviano hat in seinem Buch "Gomorrha" die Strukturen der heutigen Mafia beschrieben. (gettyimages / Stefano Guidi)

Noch ist nicht einzuschätzen, ob die Mafia mit ihren Beistandsaktionen während des Lockdowns, wie von ihr erhofft, Einfluss zurückgewinnen konnte. Aber es sei klar, welche Strategie dahinterstecke, sagt Schriftsteller Roberto Saviano, bekannt durch seinen Mafiaroman "Gomorrha".

"Sie wollen wieder jemanden um einen Gefallen bitten können. Über Personen verfügen, die helfen können, wenn es um banale Sachen geht, wie darum, flüchtigen Mafiosi zu helfen oder Sachen zu verstecken. In einem nächsten Schritt können sie dann beispielsweise ihre Namen hergeben als Strohmänner für Betriebe, die Mafiaorganisationen gehören."

"Es ist Geld da in Hülle und Fülle"

Anti-Mafia-Experte und Buchautor Enzo Ciconte sieht eine größere Gefahr in der wirtschaftlichen Potenz der Mafia in Zeiten, in denen andere wirtschaftliche Schwierigkeiten haben.

"Das wirkliche Problem ist, dass besonders die `Ndrangheta, die derzeit mächtigste Mafia-Organisation in Italien, über eine gewaltige Liquidität verfügt, mit der sie in die legale Wirtschaft eindringen kann. Das ist jetzt die wichtigste Aufgabe, zu verhindern, dass diese Infiltration der Mafia in der Wirtschaft in Italien und anderswo wirklich passiert."

Mit ihren kriminellen Geschäften, unter anderem im Drogen-, aber auch im Menschen- und Waffenhandel nimmt die `Ndrangheta geschätzt jährlich über 50 Milliarden Euro ein. Und setzt damit mehr Geld um, als beispielsweise Coca-Cola oder McDonald’s.

Eine Mafia mit Geldreserven steht damit einer Wirtschaft gegenüber, der es wegen der Coronakrise genau daran fehlt.

Günstige Kredite für Betriebe vor der Pleite

Betriebe, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind, bekommen von den Mafiosi zunächst günstige Kredite, dann strangulieren sie das Unternehmen durch höhere Forderungen, ehe sie es ganz übernehmen. Und damit ihr Geld aus illegalen Geschäften waschen.
 
Die Situation der italienischen Wirtschaft nach dem Lockdown ist dramatisch. Nach den im Mai bekanntgegebenen Zahlen des Nationalen Statistikinstituts Istat ist die Industrieproduktion um knapp 30 Prozent eingebrochen. Jeder zehnte Betrieb kann möglicherweise nicht weitermachen. Allein 90.000 Restaurants und Bars stehen nach Angaben des Unternehmerverbands vor der Pleite.

EU-Gelder gegen die Mafia

Für Carabinieri-General Pasquale Angelosanto mit seiner Antimafia-Einheit ROS ist es seit Wochen die Hauptaufgabe, die Aktivitäten der Mafia in der Coronakrise zu beobachten. Jetzt, sagt Angelosanto, beginne die heikle Phase:

"Die Unternehmen im Gastronomie- oder Tourismusbereich beispielsweise könnten, wenn ihnen nicht schnell von staatlicher Seite geholfen wird, der Versuchung erliegen, Geld von der Mafia zu nehmen. In der Hoffnung, dass sie das irgendwie geregelt bekommen. Aber meist bleibt es eine Illusion, das Geld zurückzuzahlen und sich dann vom unbequemen Partner befreien zu können."

Soldaten mit Schutzmasken transportieren mit einem Gabelstapler Essen vor einer Kirche in Neapel (gettyimages / LightRocket / Salvatore Laporta)Das Feld nicht allein der Mafia überlassen: Soldaten der italienischen Armee verteilen in Neapel Lebensmittel an Bedürftige (gettyimages / LightRocket / Salvatore Laporta)

Wenn Europa Italien wirtschaftlich helfe, so Angelosanto, sei dies eine Maßnahme gegen die Mafia. Alles was die Betriebe stärke, mache sie immun gegen mögliche Übernahmeversuche der organisierten Kriminalität. 

In Italien gibt es im Vergleich zu Mexiko einen starken Staat, der seinen Einfluss geltend macht. Allerdings, so Janina Pawelz vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg, darf man sich davon nicht zu viel versprechen:

"Generell ist es eine weit verbreitete These, dass organisierte Banden dort stark sind, wo der Staat schwach ist. Aber bei genauem Hinsehen sieht man, dass es in vielen Fällen keineswegs die Schwäche eines Staates ist, sondern das passiert vielmehr in einem verwobenen Zusammenspiel, indem der Staat koexistiert und kooperiert und in einer fast symbiotischen Beziehung in Komplizenschaft steht."

Mexiko: Politik und Kartelle als Komplizen

So sitzen Vertreter der Organisierten Kriminalität in Mexiko auf einflussreichen Posten in lokalen Behörden. Politische Amtsträger werden bestochen oder bedroht, die Polizei ist in manchen Landesteilen in Komplizenschaft mit den Kartellen. Insofern wundert es schon kaum mehr, dass die Kriminellen in der Krise mit einfachsten Mitteln ihre soziale Basis vergrößern.

In einem Video ist zu sehen, wie schwer bewaffnete Männer von einem Pick-up springen und Geschenke verteilen: Klopapier, Desinfektionsmittel, Mais.

Bandenmitglieder des Organisierten Verbrechens bringen Wohltaten ihres Bosses, Nemesio Oseguera. Er ist der meistgesuchte Verbrecher des Landes, Kopf des Kartells "Jalisco Nueva Generación". Kämpfername: "El Mencho". Sein Kartell terrorisiert 25 der 32 Bundesstaaten Mexikos – oder versucht es zumindest.
Propaganda-Video würde man solche Aufnahmen in der Politik nennen, Marketing in Unternehmen. Für das Kartell ist es beides.

Zu Beginn der Coronakrise musste die Organisierte Kriminalität in ihrem traditionellen Kerngeschäft erst einmal Verluste hinnehmen. Die Produktion synthetischer Drogen stockte, die dafür notwendigen Chemikalien aus China blieben aus.  Aber wie das Wasser finden auch die Drogen immer ihren Weg – und die Verbrecher neue Einnahmequellen. Nicht umsonst werden sie als "organisierte" Kriminelle bezeichnet.

Auch Kriminelle arbeiten im Homeoffice

Der mexikanische Staat, beklagt der frühere Geheimdienstchef Guillermo Valdés, hat dagegen keine wirksame Strategie:

"Natürlich werden die Kartelle in dieser Krise nicht verschwinden und es wird auch keiner ihrer Leute entlassen. Die Gewalt und die Zahl der Morde hängen nicht von der wirtschaftlichen Aktivität im Land ab. Sie kann weitergehen und schlimmer werden. Obwohl viele Menschen zu Hause bleiben, die Schulen geschlossen sind, ist die Zahl der Morde extrem hoch. Die Gewalt hat keine Quarantäne."

Zwar gehen Entführungen, Hauseinbrüche und Raubüberfälle zurück, wenn die Menschen zu Hause und die Geschäfte geschlossen bleiben. Das hatte schon die Epidemie der Schweinegrippe 2009 gezeigt. Die kriminelle Energie aber wird nicht schwächer:

"Plünderungen und Diebstahl können eine Alternative sein. Benzindiebstahl nimmt zu, weil das Benzin ja weiter durch die Pipelines fließt. Überfälle auf Warentransporte gibt es verstärkt – auf Landstraßen und auf Züge, um während der Quarantäne-Zeit einen Schwarzmarkt zu schaffen. "

Auch Erpressungen, Cyber- und Wirtschaftskriminalität steigen: Das können Kriminelle aus dem Homeoffice erledigen.

Es geht um Einfluss und Macht

"Nach der Corona-Pandemie wird nichts mehr so sein wie vorher", dieses Bonmot klingt für die großen Kartelle vielversprechend.

Denn ihr Ziel ist es nicht nur, sich zu bereichern, sondern Territorien, Macht und Einfluss zu erobern. Oder zurück zu gewinnen. Forciert wird diese Entwicklung durch den schwachen Staat. Präsident Andrés Manuel López Obrador hat zwar durchaus eine links-soziale Ader und will Benachteiligten in dieser Krise helfen. Aber er hat nicht genug Geld.

Der mexikanische Präsident Andres Manuel Lopez Obrador steht an einem Pult und spricht, im Hintergrund die mexikanische Flagge. (gettyimages / Hector Vivas)Hilflose Appelle an die Bevölkerung: der mexikanische Präsident Andres Manuel Lopez Obrador (gettyimages / Hector Vivas)

Im Gegensatz zum Staat haben die Kartelle gerade Geld im Überfluss, genauso wie die Mafia in Italien. Einkaufszentren, Hotels, Casinos oder Bordelle fallen als Geldwaschanlagen aus. Also investieren sie in Geschenke an korrupte Politiker, Beamte oder Polizisten und an die Mexikaner, die von der Hand in den Mund leben.

Präsident López Obrador reagierte wie ein hilfloser Prediger, als er sich in seiner täglichen Pressekonferenz an die Verbrecher wandte:

"Erzählt mir nicht, dass ihr Lebensmittel verteilt. Nein, das hilft nicht. Hört lieber auf mit der Gewalt und denkt an eure Familien und an euch selbst. Man muss das Leben lieben, es ist das Erhabenste, ein Segen. Deshalb müssen wir das Leben der Anderen schützen. Es hilft der, der den Nächsten liebt."

Wie ein Fisch im Wasser

Währenddessen verteilt auch Alejandrina, die Tochter des in den USA verurteilten Joaquin "El Chapo" Guzman, Pakete, darauf das Konterfei ihres Vaters, Chef des Sinaloa-Kartells. Alejandrina, die sich den Namen "El Chapo" für ihre Modemarke schützen ließ, feiert die Wohltaten in einem Video, das sie ins Netz stellt.

So wie einst Maos Revolutionäre schwimmt eben auch der Schwerkriminelle gerne wie ein Fisch im Wasser. Und die Verteilaktionen sind kein Akt der Solidarität oder des Mitgefühls, sondern eine Investition. Das sieht auch Janina Pawlez vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik so:

"Sie wollen damit ihr soziales Ansehen steigern und die Akzeptanz in der Bevölkerung. Dadurch dass sie behaupten, wir sind die Einzigen, die sich um euch kümmern, befördern sie eben genau dieses positive Bild von sich selbst als Robin Hood. Wem erstmal geholfen wird, der ist auch tendenziell dazu bereit, loyal zu diesen Gruppen zu stehen und auch die kriminellen Machenschaften zu decken. Auch die Bereitschaft von jungen Menschen steigt, sich diesen Gruppen anzuschließen."

Im schlechtesten Fall wird das Organisierte Verbrechen in Mexiko – und nicht nur dort – mit Hilfe gekaufter Funktionäre und wohlwollender Bevölkerung seine Macht ausbauen können, wenn die Corona-Krise erst einmal überwunden ist.

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