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Interview | Beitrag vom 09.02.2021

Organisierte Kriminalität"Das Thema bleibt unter dem Radar"

Sebastian Fiedler im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Straßenszene: Polizeibeamte in Kampfanzügen bereiten sich auf einen Einsatz gegen die Organisierte Kriminalität vor. (Picture Alliance / dpa / KDF-TV & Picture 2019 / Stephan Witte)
Drogen, Produkt- und Markenpiraterie, gefälschte Arzneimittel, Umwelt- und Internetkriminalität: Polizeieinsatz gegen die Organisierte Kriminalität in Nordrhein-Westfalen. (Picture Alliance / dpa / KDF-TV & Picture 2019 / Stephan Witte)

Europol und der Bund Deutscher Kriminalbeamter warnen nachdrücklich vor der Organisierten Kriminalität. Der BDK-Vorsitzende Sebastian Fiedler wirft der Politik schwere Versäumnisse vor: Geldwäsche werde in Deutschland nicht ernst genug genommen.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) wirft der Politik vor, die Gefahren durch die Organisierte Kriminalität weitgehend zu ignorieren. Deutschland gelte international noch immer als Geldwäscheparadies, sagt der Vorsitzende des BDK, Sebastian Fiedler - und die Politik nehme das "seit Jahrzehnten nicht hinreichend ernst".

Eine größere Gefahr als der Terrorismus

Hinter die neuesten Warnungen der europäischen Polizeibehörde Europol stellt sich Fiedler ohne Einschränkungen. Laut dem Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität bei Europol, Jari Liukku, sind Organisierte Kriminelle heute eine größere Gefahr für die Sicherheit in Europa als etwa der Terrorismus.

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Dieser Gefahr sei in den vergangenen Jahren nicht mit der angemessenen Aufmerksamkeit begegnet worden, so Liukku. In einer unlängst veröffentlichten Untersuchung stellt die Behörde fest, dass die Anzahl der Gewalttaten im Umfeld der Organisierten Kriminalität gestiegen ist.

Mehrere Tote vor Duisburger Pizzeria

Das Thema bleibe unter dem Radar, "wenn nicht etwas passiert und mehrere Tote wie vor einigen Jahren in Duisburg vor einer Pizzeria liegen", sagt Fiedler. Allein der jährliche Umsatz der italienischen Mafia `Ndrangheta werde auf rund 40 bis 50 Milliarden Euro Umsatz im Jahr geschätzt. "Da sind wir in der Größenordnung von Facebook. Das heißt, wir reden über global agierende Konzerne."

Es gebe viele illegale und kriminelle Märkte, die "unfassbar groß" seien, betont der Experte: Drogen, Produkt- und Markenpiraterie, gefälschte Arzneimittel, Umwelt- und Internetkriminalität.

Doch über die Aktivitäten der Organisierten Kriminalität wisse man in Deutschland viel zu wenig, kritisiert Fiedler. Denn hierzulande werde zu wenig zu dem Thema geforscht: "Man hat manchmal den Eindruck, als wolle die Politik gar nicht so richtig wissen, wie groß die Märkte eigentlich sind."

Illegales Geld spüren die Behörden kaum auf

Nach verschiedenen Studien betrage das gesamte Volumen krimineller Aktivitäten in Deutschland zwischen 50 und 100 Milliarden Euro. Von diesem Geld bekämen die Ermittlungsbehörden "nicht mal ein Prozent zu Gesicht", so Fiedler.

Illegales Geld zu waschen ist laut Fiedler in Deutschland einfacher als anderswo: "Wir sind eines der bargeld-intensivsten Länder." Selbst Immobilien könne man noch bar erwerben.

Das sei für die Geldwäscher der Organisierten Kriminalität hoch attraktiv, betont Fiedler. Dennoch könne das Thema in Deutschland "selten sachlich" diskutiert werden - und sei genauso schwer voranzubringen wie etwa das Tempolimit auf Autobahnen.

(ahe)

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